https://www.faz.net/-gyz-6vdb1

Moderne, Gegenwartskunst und Fotografie : Löwenbändiger und Kunstmultiplikator

  • -Aktualisiert am

Bei Lempertz in Köln kommen Moderne, Gegenwartskunst und Fotografie zum Aufruf. Spitzenlos ist ein Aquarell von Kandinsky, um das seit Jahren gestritten wird.

          3 Min.

          Der Reigen großer Namen bei Lempertz in Köln ist opulent, was die knapp 650 Lose mit zeitgenössischer und moderner Kunst angeht, die dort zum Aufruf kommen. Das Moderne-Angebot am 2. Dezember wartet dabei auch mit einigen Wieder- oder Neuentdeckungen auf. Das Spitzenlos ist Wassily Kandinskys 1923 entstandenes Aquarell „Zwei schwarze Flecke“, das alle typischen abstrakten Elemente in einer musikalischen Komposition versammelt. Das Werk auf festem chamoisfarbenem Papier ist als Nummer 57 in Kandinskys Hauskatalog verzeichnet und gehörte einst Sophie Lissitzky-Küppers, der es vom Künstler geschenkt wurde (unser Kasten auf dieser Seite). Es ist mit einer Taxe von 900.000 bis einer Million Euro versehen. Max Ernsts Frottage „La Fôret“ von 1925 entführt, wie stets, in einen phantastischen Wald. Auf dieser Arbeit stehen vier Bäume eng beieinander, beschützt von einer kleine Wolke; Max Ernst widmete das Werk seinem Freund Paul Éluard (Taxe 600.000/800.000 Euro).

          Seinen „Löwenbändiger (Zirkus)“ schuf Max Beckmann 1930 in Gouache und Pastell auf Velin. Versehen ist das neunzig mal sechzig Zentimeter messende Blatt mit der Vorprovenienz der Galerie Alfred Flechtheim (1931); eingeliefert ist es, laut Katalog, aus süddeutschem Familienbesitz, jetzt beziffert mit 300.000 Euro. Von Beckmann stammt auch ein Konvolut mit vier Zeichnungen, die ein niederländischer Künstler jüngst auf seinem Dachboden entdeckte; 1944 entstanden diese lebhaft hingeworfenen Tuschen (von 20.000 Euro an). Es gibt noch mehr Gutes auf Papier: etwa Jawlenskys beidseitig bemalte „Variation: Song“ aus dem Jahr 1916 (160.000/180.000) oder Aquarelle von Nolde (von 60.000 Euro an) und Schmidt-Rottluff (45.000/ 50.000).

          Hoehmes „Hommage à Mozart“

          Von Picasso finden sich einige Arbeiten, darunter die frühe Kreide- und Kohlezeichnung einer „Femme pensive regardant vers sa gauche“ von 1899/1900 (80.000/120.000) und die entzückende, nur achtzehn Zentimeter hohe Terracotta-Plastik „Tanagra“ von 1951, einst im Besitz von Jacqueline Picasso (150.000/ 200.000): An der fein gearbeiteten Frauenfigur lässt sich die Hand des Künstlers bis heute ablesen, bis hin zu Fingerabdrücken, die sich an mancher Stelle in die Bemalung geprägt haben.

          Bei den Zeitgenossen am 3. Dezember warten vor allem bewährte deutsche Klassiker auf die Bieter: Spitzenlos ist die vor Farben flirrende abstrakte Komposition „Jota“, die Ernst Wilhelm Nay 1959 schuf und die mit 350.000 bis 400.000 Euro beziffert wird. In stillem intensivem Rot leuchtet Josef Albers’ „Homage to the Square“ aus dem Jahr 1966 mit Provenienz der Kölner Galerie „Der Spiegel“ (130.000/160.000). Sieben Jahre zuvor entstand Gerhard Hoehmes Borkenbild „Hommage à Mozart - Hymne an Mozart“, eine Ehrerbietung, die ein stark bewegtes Partiturenblatt abzubilden scheint, dessen Noten sich in den Raum hinein wölben (100.000/120.000). Von Sigmar Polke kommt ein unbetiteltes abstraktes Gemälde auf gepunktetem Dekostoff aus dem Jahr 1993, das gestische Farbstrukturen mit komplexen Rastermustern verbindet (120.000/150.000). Zugunsten der deutschen Krebshilfe wird ein abstraktes Bild Gerhard Richters aus dem Jahr 1999 versteigert (90.000/ 100.000). Im kleinen Format besticht daneben ein aus der Ferne erstaunlich plastisches „Blech“ von 1988, ebenfalls von Richters Hand (30.000/40.000).

          Fotografien von Guillermo Kahlo

          Auch das Informel ist wieder mit einigen markanten Werken vertreten. Vor allem fällt Emil Schumachers wie aus Moos gefügte - und tatsächlich mit Rupfen versehene - Komposition „Kerim“ von 1989 in erdigen Grün- und Weißtönen auf, die von einer dynamischen schwarzen Linie bewegt wird (150.000/ 180.000). Dagegen ist seine in rot und weiß gehaltene, eine Zwiesprache von Figur und Fläche andeutende Komposition „Siles“ von 1959 geradezu verhalten (180.000/220.000). Woanders stehen die Dinge kopf, nämlich in Daniel Spoerris wunderbarer Arbeit „Triple multiplicateur d’art“ aus dem Jahr 1964, in der eine nach dem Zechen verlassene Tafel vervielfacht wird zur dreifachen Ansicht der Dinge in Spiegeln, mit leeren Bierflaschen, Knoblauch und Nüssen (50.000/ 70.000).

          Mit einer Entdeckung wartet auch die Fotografie am 1. und 3. Dezember auf: Der 1871 in Pforzheim geborene Guillermo Kahlo, Frida Kahlos Vater, war in Mexiko zu seiner Zeit ein angesehener Fotograf. Nun wird ein um 1905 entstandenes Portfolio mit Abzügen direkt vom Glasnegativ bei Lempertz angeboten, das elegante Prospekte aus Mexico-City versammelt (25.000/30.000). Daneben besticht ein Konvolut aus sechzehn seltenen Rhein-Landschaften, die August Sander in den zwanziger und dreißiger Jahren machte (18.000/20.000). Und auch Henri Cartier-Bresson tummelte sich einst am Rhein - und fertigte 1956 zwei Ansichten, die nun für 4000 und 5000 Euro zu ersteigern sind.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Wie die Krise Familien verändert

          Zwischen Verzweiflung und Glück: 25.000 Familien sind in einer Studie befragt worden, wie sie die Corona-Krise erleben. Welche Familien hart getroffen sind – und für welche die Krise eine Erleichterung ist.
          Gedenkort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde in Berlin

          Bedrohung der Euthanasie : Zorn, der nicht vergeht

          In letzter Zeit muss ich häufig an meinen Großonkel Hermann und seine Wutanfälle denken. Warum wir sehr vorsichtig sein sollten, wenn wir über den Wert des Lebens reden. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.