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Manuskriptblätter von Robespierre : Kein fallendes Haupt kann die Tyrannei stoppen

  • -Aktualisiert am

Auch nach Robespierres Hinrichtung blieben seine Schriften gefährlich. Besonders für den, der sie bei sich trug. Auch deswegen sind Manuskripte des Revolutionärs so selten. Neue Funde werden jetzt in Paris versteigert.

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          Die Zeitstimmung kann dieser Auktion entgegenkommen. Ob das der französischen Nationalbibliothek oder den Archives Nationales am 18. Mai bei Sotheby's zum Sprung über den schmalen Schatten des Ankaufsbudgets verhilft, ist ungewiss. Die Aufrufe von Historikern dazu häufen sich. In seiner Buch- und Handschriftenauktion bietet Sotheby's neben beachtlichen Dokumenten aus dem Besitz der Habsburger-Dynastie, darunter Briefe der Kaiser Friedrich III., Maximilian I. und II., Karl V., ein aufregendes Konvolut von teilweise unbekannten Briefen und Redeentwürfen Robespierres aus seinen letzten zwei Lebensjahren. „Robespierre muss gerettet werden!“, schrieb der Sorbonne-Historiker Pierre Serna in einem Zeitungsbeitrag.

          Zwar gilt Robespierre, der Organisator der Terrormonate 1793/94, weiterhin als Wasserscheide zwischen der „guten“ und der „schlimmen“ Revolution. Das Bild des erbarmungslosen Vollstreckers per Guillotine wird neuerdings aber differenzierter gesehen. Bei Stéphane Hessel lasen wir gerade, dass Gewalt nicht von vornherein verdammenswert sei. Vom Historiker Albert Mathiez ist das Buch „La réaction thermidorienne“ von 1929, das mit der Zeit nach der Hinrichtung Robespierres scharf ins Gericht geht, neu aufgelegt worden.

          Zu den erfolgreichen Pariser Theaterstücken gehört „Notre Terreur“ der Truppe „d'ores et déjà“, das die Terrorzeit zur unseren macht: „Unser Terror“ sei das „vielfältige, gewaltsame und so schöne Stimmengewirr, dass man darüber erröten möchte“, heißt es da. Das bei den Zweihundertjahrfeiern 1989 herrschende staatsbürgerliche Verständnis eines François Furet weicht nun dem Bestreben, die Revolution wieder mehr als Ganzes zu nehmen.

          Das gibt den 116 aufgetauchten Manuskriptblättern, die für eine Gesamttaxe von 200.000 bis 300.000 Euro zum Aufruf kommen, besondere Bedeutung. Von Robespierre sind keine größeren Handschriftensammlungen erhalten. Auch diese Papiere bestehen aus Einzelseiten: Restbestände, die den Flammen entgingen, denn es konnte auch lange nach der Revolution noch gefährlich sein, Schriften von ihm bei sich zu haben. Die vorliegenden Blätter waren seit 200 Jahren im Besitz der Erben jenes Philippe Le Bas, der als Konventsabgeordneter zum Kreis von Robespierre gehörte und an seiner Seite starb. Der Le Bas betreffende Teil, bestehend aus Briefen, Reinschriften, Haftbefehlen, ist weitgehend bekannt (Taxe 30.000/ 40.000 Euro). Unbekannt waren die mit Streichungen und Zusätzen versehenen Redeentwürfe von Robespierre selbst: Sie betreffen Schlüsselmomente der Revolution.

          Im Januar 1792 kritisierte der Konventsabgeordnete Robespierre die von den Girondisten mitgetragene Kriegsvorbereitung gegen die europäischen Adelsheere: „Wollen wir die Revolution exportieren? Keineswegs, bewaffnete Missionare sind unbeliebt. Geht es um die Freiheit? Auch nicht, Krieg bereitet nur das Bett für den Despotismus.“ Robespierre wollte zunächst die Revolution festigen und schlägt in einem achtseitigen Redeentwurf vom 25. Januar 1792 auffallend friedfertige Töne an: „Ich kenne keinen Menschen in Frankreich, dessen Haupt im Fallen mein Land vom Joch der Tyrannei befreien könnte“, sagt der Mann, der ein Jahr später schon die Hinrichtung Ludwigs XVI. wollte. Robespierre befürchtete über einen Kriegszug könnte der Oberbefehl an den König zurückgehen. Er konnte sich mit seiner Ablehnung jedoch nicht durchsetzen.

          Brief an einen Unbekannten

          Ende 1793 - Robespierre gehörte inzwischen dem „Comité de Salut Public“ an - klingt er dann anders. In einem Text vom 5. Dezember ruft er die Franzosen auf, die Tyrannen im Ausland mit den Waffen und die Mitbürger drinnen mit Gesetzen unter Kontrolle zu bringen. „Tragt den Terror nach außen, drinnen werden wir mit Klugheit, Wohlstand und Brot fertig werden“ - fuhr der Entwurf ursprünglich fort, doch der Satz wurde gestrichen. Mochte die Guillotine damals schon auf Hochtouren laufen, erkennt der Leser hier einen bis zuletzt zögernden Gewaltvollstrecker.

          Die Frage der sozialen Gerechtigkeit stand für Robespierre immer ebenbürtig neben jener der politischen Gleichstellung. „Du glaubtest, lieber Freund, es genüge dem Menschen zum Glück, einsam in der Natur zu leben“, heißt es in einem bisher unbekannten Brieffragment ohne Datum an einen unbekannten Adressaten: „Du glaubtest dich glücklich und genossest nur den Schatten des Glücks. Anderswo fiel ein tugendhafter Mensch dem Despotismus und dem Verbrechen zum Opfer.“

          Seine letzten Worte?

          Diese Sorge ums Glück aller trieb den „Unbestechlichen“ dann in jenen berüchtigten Prinzipienwahn. Laster und Tugend seien die beiden Mächte, die einander die Erde streitig machten, schreibt er für den Konvent vom 7. Mai 1794, und fuhr ursprünglich fort: „Die einzige Grundlage der Gesellschaft ist somit die Moral.“ Das Wort „Gesellschaft“ wurde gestrichen und durch „politische Institutionen“ ersetzt. Die Verwechslung von Realität und Legitimität war stets das Problem dieses Mannes.

          Über manchen Blättern schwebt die Aura großer Momente, etwa über der Reinschrift von Robespierres letzter Rede vom 26. Juli 1794 vor dem Konvent, die zu seinem Sturz und dann zu seiner Hinrichtung führte. Es könnte das Blatt sein, von dem er seine letzten Worte an die Öffentlichkeit ablas. Einzelne Stellen der Werkausgaben werden durch diese neuen Dokumente sogar revisionsbedürftig. Ein Ankauf durch eine öffentliche Sammlung Frankreichs wäre weder als Würdigung des Mannes, noch als Beweisaufnahme gegen ihn zu verstehen, schrieb der Historiker Pierre Serna: Es wäre eine Voraussetzung für den Versuch, auch diesen Teil der Revolution unserem Geschichtsbewusstsein besser einzuverleiben.

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