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Saisonbeginn in London : Führt der Weg zurück in den Auktionssaal?

  • -Aktualisiert am

Es gibt auch keine Garantien mehr im Spitzensegment: Die Angebote der Londoner Auktionen mit Impressionismus und Moderne im Überblick. Eine Vorschau

          3 Min.

          Die Februar-Auktionen mit Impressionismus und Moderne sind der erste große Markttest des Jahres in London. Während bei Sotheby’s wie bei Christie’s im Hintergrund schwierige Umstrukturierungen und Personalwechsel vonstattengehen, bleibt der Auktionssaal die Arena, in der sich diese Manöver auszahlen sollen. Zwar bemühen sich beide Häuser derzeit besonders darum, das mittlere Preissegment auszubauen, die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich jedoch auf die spektakulären Preise der Abendveranstaltungen, die auch dadurch eine wichtige Marketingfunktion erfüllen.

          Im vergangenen Jahr war Christie’s in New York der Schauplatz für zwei publikumswirksame Moderne-Rekorde: Im Mai wurden Picassos „Les Femmes d’Alger (Version ,O’)“ für 179,4 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) zum teuersten, je auf einer Auktion verkauften Kunstwerk, und im November stieg Modiglianis „Nu couché“ auf 170,4 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld), den weltweit zweithöchsten Auktionspreis jemals, bewilligt vom chinesischen Milliardär Liu Yiqian, der zwei private Museen in Schanghai unterhält. Entsprechend muss sich Sotheby’s in diesem Jahr besonders anstrengen – und die Abteilung für Impressionismus und Moderne gilt bei Sotheby’s als Zugpferd des Geschäfts. Das an der Börse notierte Unternehmen ist derzeit stark unter Druck, zum Beispiel die Kosten für teure Akquisitionen besser zu kontrollieren. Zum Vergleich: Am dritten Februar 2015 lag der Aktienpreis von Sotheby’s noch bei 44,15 Dollar, derzeit liegt er unter 25 Dollar.

          Über Dada zur Neuen Sachlichkeit

          Der Abendtermin bei Sotheby’s mit Impressionismus, Moderne und Surrealismus am 3.Februar offeriert 54 Lose, die 97,6 bis 138,4 Millionen Pfund einspielen sollen. Im vergangenen Februar erzielte Sotheby’s mit dieser Veranstaltung noch einen Umsatz von 186,4 Millionen Pfund. Allerdings ist der angepeilte Gesamtumsatz für die Moderne-Woche – nämlich einschließlich der Sonderauktion „Picasso in Private“ – mit 128 bis 182 Millionen Pfund höher, als es die Erwartung im Februar 2015 war. Die Konkurrenz Christie’s rechnet für ihre fünf Moderne-Auktionen in diesem Februar mit insgesamt 106 bis 157 Millionen Pfund; im Vorjahr erwartete man 111 bis 162 Millionen. Für seine aktuelle Abendveranstaltung am 2. Februar peilt Christie’s einen Umsatz von 87,3 bis 129,1 Millionen Pfund an, allerdings für 92 Losnummern.

          Das Spitzenlos bei Christie’s ist Egon Schieles „Selbstbildnis mit gespreizten Fingern“ aus dem Jahr 1909, das auf sechs bis acht Millionen Pfund taxiert ist. Aber welche Gründe verbergen sich hinter der Schätzung für ein Großformat aus den zwanziger Jahren von André Lhote? „La danse au bar (Gypsy Bar)“ wurde 2007 bei Christie’s in New York für 2,7 Millionen Dollar verkauft; die Erwartung lag bei 300000 bis 400000 Dollar. Der Preis war überzogen, und nun wird der damalige Käufer sicher einen Verlust einfahren, denn das generelle Preisniveau des Künstlers ist nicht so stark gestiegen. Jetzt kommt das Bild mit einer unteren Taxe von 600000 Pfund zum Aufruf, umgerechnet derzeit etwa 856000 Dollar. Marktfrisch dagegen wird ein expressionistisches Nachkriegswerk aus dem Jahr 1919 von Otto Dix aufgerufen, vor seiner Wandlung über Dada hin zur Neuen Sachlichkeit. Sein Besitzer kaufte es in den frühen siebziger Jahren bei Dix’ langjährigem Galeristen Nierendorf in Berlin: Das „Schwangere Weib“ (Taxe 2/3 Millionen Pfund) hing bis 2010 als Leihgabe im Kunstmuseum Stuttgart (zuvor Galerie der Stadt Stuttgart). Ein Leckerbissen ist auch das letzte Los des Abends: 114 Künstlerbücher, publiziert zwischen 1893 und 1939, aus dem Besitz des deutschen Fotografen und Schauspielers Werner Bokelberg, geschätzt auf 1,7 bis 2,5 Millionen Pfund. Spitzenlos der Surrealisten-Sektion bei Christie’s ist Max Ernsts Traumlandschaft „The Stolen Mirror“ aus dem Jahr 1941. Das Haus hat es mit der Erwartung von sieben bis zehn Millionen Pfund auf einen Versteigerungsrekord für ein Werk Max Ernsts abgesehen.

          Surrealistische Gedankenwelt

          Sotheby’s fährt in seiner Abendauktion das höherkarätige Angebot auf: Von 38 Losen haben 23 eine obere Taxe von mehr als einer Million Pfund, angeführt von dem Triumvirat Picasso, Matisse, Monet. Eine „Tête de femme“ Picassos wird mit einer Taxe von sechzehn bis zwanzig Millionen Pfund von ihrem derzeitigen Besitzer eingereicht: Erst im November 2013 hatte er bei Sotheby’s in New York für Schlagzeilen gesorgt, als er umgerechnet 24,8 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) für dieses Porträt der Marie-Thérèse Walter bezahlte; die Schätzung lag damals bei umgerechnet zwölf bis achtzehn Millionen Pfund. Matisse’ „La leçon de piano“ ist eine Besonderheit im Programm – gemalt 1923 und seit 1927 im Besitz derselben Familie. Das Bild ist mit der gleichen Taxe ausgezeichnet wie Monets „Le Palais Ducal vu de Saint-Georges Majeur“: je zwölf bis achtzehn Millionen Pfund. In der surrealistischen Gedankenwelt haben Spiegel einen besonderen Platz, und so ist auch das Spitzenlos unter den Surrealisten bei Sotheby’s ein solches Spiegel-Bild: Paul Delvaux’ 136 Zentimeter breiter „Le Miroir“ aus dem Jahr 1936, beziffert mit 5,5 bis 7,5 Millionen Pfund.

          Auffallend ist das Fehlen von Garantien im Spitzensegment beider Häuser, die im vergangenen Jahr an den Profiten nagten. Ein Werk sollte sich eben doch bei einer Auktion behaupten können, ohne zuvor abgegebene unwiderrufliche Gebote und abgesprochene Mindestpreise. Mehr Risiko, weniger inszeniertes Theater.

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