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Literatur für Zauberer : Die Bibliothek des Professors Magicus

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Der Magier Adolphe Blind war auch ein Sammler seltener Zauberbücher. Teile seiner Kollektion werden jetzt beim Auktionshaus Hauff & Auvermann in Berlin versteigert.

          Sein Publikum glaubte an einen Scherz und applaudierte. Eben erst hatte der Magier den Zauberspruch deklamiert, der das rohe Ei aus dem kleinen schwarzen Beutel ins Nichts verschwinden lassen sollte. Und dann: Lautlos sackte er auf der Bühne zusammen. Auf der Stelle war er tot. Der Herzschlag hatte Adolphe Blind getroffen; an einem Spätsommertag des Jahres 1925 inmitten einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Schlösschen von Bossey unweit des Genfer Sees.

          Nur 53 Jahre alt war Blind geworden, aber bereits zu Lebzeiten eine Legende. Schon als Schüler hatte der Sohn einer wohlhabenden Genfer Kaufmannsfamilie die vermutlich weltweit erste „Fachzeitschrift“ für Zauberkünstler herausgebracht. Den beziehungsreichen Namen „Le Cagliostro“ hatte er ihr gegeben und sie für seine Abonnenten mühsam Stück um Stück per Hand vervielfältigt.

          Vom Hobbyisten zum anerkannten Trickerfinder

          Hunderte von ähnlichen Periodika für magische Enthusiasten sollten dem Prototyp im 20. Jahrhundert folgen. Seinen Kindheitstraum vom eigenen Wandertheater verwarf Blind zwar schnell. Stattdessen stieg er konventionell in das väterliche Geschäft ein. Mit ungefähr 35 Jahren aber finanziell saturiert, beschloss er doch noch, aus seiner Leidenschaft einen Lebensinhalt zu machen; natürlich nicht als tingelnder Taschenspieler, sondern standesgemäß als Privatgelehrter unter dem wohlklingenden Pseudonym „Professor Magicus“.

          Blinds Plan ging auf. Binnen kurzer Zeit wurde aus dem magischen Hobbyisten der kreative und international anerkannte Erfinder von immer neuen und verblüffenden Tricks, der Autor vieler geistreicher Publikationen und nicht zuletzt ein beneideter Sammler: Von raren Zauberbüchern längst vergangener Jahrhunderte über ausgefallene Apparate mit verborgenen Geheimnissen bis hin zu ungezählten magischen Ephemera wie Autographen, frühen Fotografien, Plakaten und skurrilem Werbematerial - Blinds Fundus hatte museale Dimensionen.

          Die Wiederbelebung einer Sammlung

          Allein die Fachbibliothek in seiner Genfer „Villa Magica“ zählte weit mehr als 2000 Werke in vielen Sprachen. Gemeinsam mit dem englischen Juristen und Historiker Sidney W. Clarke hatte Blind die meisten von ihnen 1920 in der ersten ernst zu nehmenden Bibliographie der Zauberkunst erfasst. Sie gilt bis heute als unverzichtbares Referenzwerk. Nach Blinds Tod verwahrte zunächst seine Tochter die Sammlung. Als auch sie starb, ging das Eigentum an den Schätzen auf den „Club de Magiciens“ in Blinds Heimatstadt über. Selbstverständlich war damit die Erwartung ihres Erhalts verbunden.

          Der Verein freilich war mit der Gabe überfordert. Schlecht gelagert und selbst vor den Augen der Fachöffentlichkeit verborgen, geriet sie zunehmend in Vergessenheit. Erst als sich der französische Filmproduzent Christian Fechner - selbst mit vielen Preisen ausgezeichneter Amateurzauberer, Sammler, Biograph und Autor mehrerer gewichtiger Werke zur Magiehistorie - der Kollektion annahm, erwachte sie zu neuem Leben.

          1991 präsentierte Fechner die restaurierten Raritäten aufwendig in Lausanne. Bald darauf gelang ihm das Kunststück, aus der Position des Kurators in diejenige des Eigentümers der Blindschen Exponate zu wechseln. Wie genau das geschah, gehört zu den immer noch großen Rätseln der an Geheimnissen ohnehin nicht armen Zauberkunst.

          Preislisten und Kataloge für den Zauberer

          Christian Fechner starb vor einem Jahr. Große Teile seiner Sammlung und mithin auch des Nachlasses von Adolphe Blind sind inzwischen vom New Yorker Auktionshaus Swann Galleries versteigert worden. Zu den gleichwohl noch immer eindrucksvollen Restbeständen, die am 4. Oktober bei Hauff & Auvermann in Berlin angeboten werden, gehören die rund dreihundert deutschsprachigen und daher in Amerika kaum marktfähigen Bücher aus der Sammlung von Professor Magicus sowie ein vergleichbar großes Konvolut von Katalogen und Preislisten für Zaubergeräte.

          Mit diesem Werbematerial buhlten renommierte Händler wie der Hamburger Feinmechaniker Carl Willmann, sein Berliner Erzkonkurrent Friedrich Wilhelm Conradi-Horster oder aber Manufakturen wie jene des Nürnberger Spielzeugfabrikanten Caspar Baudenbacher in aller Welt um die Gunst eines beachtlichen Kundenstammes von Amateur- und Berufszauberkünstlern.

          Vergebliche Bemühungen um den Erhalt der Sammlung

          Tatsächlich ist gerade dieses Material, das Fechner noch kurz vor seinem Tod von dem Berliner Spezialisten Peter Schuster in einer opulenten Monographie (Horster, Willmann & Co - Collection Adolphe Blind „Le Professeur Magicus“, Paris 2007) aufarbeiten ließ, nicht nur ein eindrucksvolles Stück Zauberkunstgeschichte. Unter Werbegesichtspunkten ist es vielmehr auch ein schönes Beispiel für die Bürgerlichkeit der Vermarktung des eigentlich Unbürgerlichen. Im Vorfeld der Auktion in Berlin hatte es Bemühungen gegeben, die Sammlung von Blinds deutschen Büchern oder zumindest das Werbekonvolut als Einheit zu erhalten.

          Verhandlungen blieben allerdings ohne Ergebnis. Zu weit gingen die Preisvorstellungen auseinander. Jetzt sollen die Kataloge - in ungefähr einhundert Lots zerschlagen - für Taxen zwischen einhundert und 600 Euro pro Bund ihre Käufer finden. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Für Blinds Sammlung von 233 Autographen zumeist deutschsprachiger Zauberkünstler sind 6000 Euro aufgerufen. Die Preise für Bücher rangieren von 120 Euro für kleine Konvolute mit eher einfachen Trickheftchen der Zeit um den Ersten Weltkrieg bis hin zu 2000 Euro für magische Klassiker des 17. bis 19. Jahrhunderts.

          Mit Spannung wird erwartet, welchen Zuschlag drei sogenannte „Magische Brief aus dem Zauberreiche“ erzielen. Sie stammen aus der Feder des Schauspielers, Theatermalers und späteren Apparatehändlers Eduard Hensel, der sie 1884/85 in Dresden herausgab. Man kann sie mit einigem Recht als die erste deutschsprachige Zauberzeitschrift bezeichnen. Die angebotenen Exemplare gelten als die weltweit einzig erhaltenen Stücke. Die Taxe beläuft sich auf 1500 Euro. Auch ohne Hokuspokus könnte daraus mehr werden.

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