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Kunst und Kunstgewerbe : Schneelandschaft

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Das Wiener Auktionshaus Im Kinsky erfüllt auch 2008 wieder die Sehnsüchte der Sammler: Zum Auftakt der Saison punkten Egon Schiele und Gustav Klimt. Überraschen konnte eine intime Papierarbeit von Ernst Ludwig Kirchner.

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          Der Traum jedes Bieters: Einmal ein Los im Preis sinken sehen, anstatt immer nur steigen. Die Erfüllung dieser Sehnsucht kündigte die 67. Auktion des Wiener Im Kinskys an, das diesmal keine Schätzwerte, sondern nur sehr moderate Rufpreise ansetzte. Auktionator Otto Hans Ressler versprach, bei fehlendem Gebot von der ausgerufenen Summe hinunterzugehen. Eine solche „Steigerung nach unten“ kam in der Praxis nur bei wenigen der rund 650 Lose zustande, denn für die meisten galten doch Limits. Der Marketinggag erwies sich aber als Publikumsmagnet und bescherte dem Auktionshaus mit 71 Prozent eine ansehnliche Verkaufsrate.

          Großer Andrang herrschte bei den Werken von Klimt und Schiele, die aus der Sammlung des Wiener Architekten Kurt Schlauss auf den Markt kamen. Noch während seines Akademiestudiums 1908 malte Schiele das Landschaftsgemälde „Dorf am Fluss I“, das eine Häuseransammlung samt Wasserspiegelung in Erdtönen festhält. Das mit 50.000 Euro ausgerufene Kleinformat konnte für 250.000 Euro versteigert werden. Aus dem Folgejahr stammen die skizzenhaften Zeichnungen, die ebenfalls im Schiele-Gesamtverzeichnis von Jane Kallir abgebildet sind. Das mit 15.000 Euro ausgerufene Blatt „Mädchen sich Schuhe bindend“ wechselte für 40.000 Euro den Besitzer, während für die intime Bleistiftzeichnung „Liebende“ (Rufpreis 20.000 Euro) erst bei 90.000 Euro der Hammer fiel.

          Klimt und Schiele in alter Stärke

          Von Klimt konnte das Im Kinsky Studien zu berühmten Arbeiten anbieten: In dichte Rüschen hüllte der Secessionist das Mädchen für seine Illustrationen von Lukians „Hetärengespräche“. Die auf nur 15.000 Euro geschätzte junge Frau mit abgewandtem Blick und enthüllter Brust war einem Bieter stattliche 120.000 Euro wert. Eine Studie für die fragile Tänzerin mit Halskette, die Klimt im Fries des Brüsseler Palais Stoclet verewigte, spielte 100.000 Euro ein. Im Jahr 1909 verließ Schiele mit seinem Akademiekollegen Anton Faistauer aus Protest die konservative Kunstakademie und gründete die „Neukunstgruppe“. Faistauers „Blumenstrauß mit grünem Krug“ schmückte den Katalog mit hochsommerlichen Farbtönen vor dunklem Hintergrund. Das 64 mal 53 Zentimeter große Gemälde des Salzburger Malers konnte seine Taxe von 50.000 Euro auf 115.000 Euro mehr als verdoppeln.

          Im Jahr 1927 war der Künstler Herbert Boeckl erstmals in der Secession vertreten, und aus jener Zeit stammt auch sein pastoses Gemälde „Rotes Haus bei Maria Saal“, das für 122.000 Euro einen Liebhaber fand. Auch das „Stillleben mit Früchten“ von Anton Kolig, der wie Boeckl zum österreichischen Expressionismus zählt und mit ihm zur Künstlergruppe Nötscher Kreis gehörte, erzielte einen guten Zuschlag bei 65.000 Euro. Das Werk des 1889 in Karlsbad geborenen Josef Dobrowsky, ein Künstler der Zwischenkriegszeit, erlebte zuletzt eine deutliche Aufwertung. Sein kleines friedvolles Bauernbild „Ernteszene“, 1924 in Ockertönen auf Holz gemalt, stieg auf 59.000 Euro, und auch Dobrowskys gebirgige „Schneelandschaft“ kam mit 23.000 Euro auf das Mehrfache ihres Ausrufungspreises. Alfons Walde zieht auf dem österreichischen Markt immer, auch das unscheinbare Pastell „Zwei Akte“ wechselte für 10.000 Euro den Besitzer.

          Erfolg mit Kirchner

          Eine beschädigte Papierarbeit von George Grosz, frivoles Großstadttreiben „In der Bar“, fand für die geschätzten 15.000 Euro Absatz. Kirchners Akt „Morgentoilette“ mit Nachlass-Stempel konnte sogar seinen angesetzten Weliebest auf 16.000 Euro verdoppeln. Auch die kleine Kohlezeichnung „Drei Männer“ von Max Pechstein stieg auf 10.000 Euro. Überraschungserfolge boten die Papageien von Norbertina Bresslern-Roth für 29.000 Euro und ein üppig bevölkertes, mehrteiliges Antiken-Fries von Adalbert Franz Seligmann von 1914, das von 14.000 Euro auf 47.000 stieg. Unter den Werken des 19. Jahrhunderts gefiel besonders August von Pettenkofens „Duell in der Au“ mit Hammerschlag bei 39.000 Euro. Dagegen fiel die Farbgebung des Familienbildes „Kohlenbrenner“ von Theodor von Hörmann fast idyllisch aus (30.000).

          In der spärlich besetzten Sparte Alte Meister konnte ein „Küchenstück mit Köchin und Küchenmagd“ von Joachim Wtewael Werkstatt mit 25.000 Euro punkten. Der fast siebenstündige Auktionsmarathon umfasste Glas-, Porzellan- und Silberobjekte, Skulpturen, Türschlösser und Möbel. Darunter fand ein österreichischer Barock-Tabernakelschrank aus der Mitte des 18. Jahrhunderts für 15.000 Euro Anklang. Zur Auktion gelangten auch Objekte aus dem Nachlass von Iris Brendel, der ersten Frau des Pianisten Alfred Brendel. Die auf Reisen nach Afrika und Asien erstandenen Masken und Skulpturen wurden zwar verkauft, aber einige der Souvenirkonvolute wurden tatsächlich nach unten gesteigert.

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