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Kunst und Kunstgewerbe : Ein Erzengel vor vereinigten Lederrücken

  • -Aktualisiert am

Landschaften des Jan van Goyen waren erfolgreich bei Ruef und Hampel in München. Für Überraschung sorgte eine Szene am osmanischen Hof, wohl von einem deutschen Maler des 17. oder 18. Jahrhunderts.

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          Jan van Goyens Gemälde einer Dünenlandschaft mit Kirche und plaudernden Bauern bewies bei Ruef in München keinerlei Problem damit, von einem Limit bei 30.000 Euro auf 40.000 Euro zu steigen. Auch eine komplexe Allegorie aus dem Umkreis des Wiener Malers Franz Anton Maulbertsch - die es schafft, den ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille mit einer Verherrlichung des Hauses Liechtenstein und dem Regierungswechsel von Kaiser Josef II. zu Kaiser Leopold II. in Einklang zu bringen - überflügelte mit dem Zuschlag bei 20.000 Euro ihren Startpreis fast ums Zehnfache.

          Kein Los der beiden Auktionstage mit Alter und Moderner Kunst bei Ruef konnte jedoch diesem Gemälde das Wasser reichen: „Deutsch, 17./18. Jh.“ wusste der Katalog über die osmanische Szene zu sagen; sie zeigt einen hohen Herrn auf niedrigen Polstern in schummrigem Gelass beim Empfang zahlreicher Turbanträger. Dass dies Werk von 4500 auf 60.500 Euro und in ausländischen Handel zog, könnte auf besseres oder mehr Wissen der Bieter deuten oder aber auf große Begehrlichkeit aus dem Land seiner Darstellung.

          Künersberger Fayencen trafen auf investitionsfreudige Bieter: Ein weiß glasierter, mit des heiligen Michaels Drachenkampf bemalter Walzenkrug von 1771 kam von 5000 auf 29.000 Euro und ein Enghalskrug mit Insekten und Blumen auf 21.000 Euro (Limit 15000). Auch ein blau bemalter Enghalskrug aus Nürnberg verzeichnete trotz restaurierter Montierung noch 15.000 Euro (12.000). Um 1720 schmiedete wohl im schlesischen Jauer ein Meister mit den Initialen „FW“ einen vergoldeten Brautbecher, den für 16.000 Euro (1500) ein Telefonbieter bekam.

          Ähnlich steil stieg ein gotischer Bronzemörser von 1200 auf 19.000 Euro. Mit Initialen und Fürstenhut seines Herzogs Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel versah Hofbüchsenmacher Johann S. Hauschka eine Steinschlossflinte und schmückte sie mit einem römischen Feldherrn sowie Diana im Streitwagen: Jetzt kehrt das Stück durch ein Privatgebot für 11.500 Euro (4000) nach Braunschweig zurück.

          Bestzuschlag für eine „ dekorative Bibliothek“

          Auch bei Hampel konnte Jan van Goyen punkten, hier mit zwei Tondi mit idyllischen Flusslandschaften: Das Bildpaar - Hofstede de Groots Verzeichnis holländischer Malerei führt es im achten Band - erzielte 100.000 Euro (50.000/70.000). Gemeinsam mit Pieter van Avont malte der jüngere Jan Brueghel die Fruchtbarkeitsgöttin Ceres, umgeben von Kindern und Früchten, an einem blumenbestandenen Waldrand. Gesichert durch Werkverzeichnis und Expertise von Klaus Ertz, bestätigte die Kupfertafel mit 55.000 Euro die Schätzung. Eine dem Antwerpener Sebastian Vrancx zugeschriebene „Winterlandschaft mit Soldaten“ brachte es auf 46.000 Euro (20.000/30.000).

          Der Bestzuschlag der Auktion bei Hampel entfiel auch diesmal wieder auf eine „dekorative Bibliothek“. Sie umfasst mehr als „900 prächtige Einbände des 17. und 18. Jahrhunderts“ - der Inhalt der sämtlich französischsprachigen Bücher wird vom Katalog nur summarisch angedeutet. Es scheint gut möglich, dass auch dieses Konvolut, wie schon andere zuvor, erst für die Versteigerung aus verschiedensten Quellen zu einer jener Schmuckbücherwände zusammengestellt wurde, die bei Hampel in letzter Zeit außerordentlich erfolgreich waren: Mit 230.000 Euro landeten die vereinigten Lederrücken im oberen Schätzungsbereich.

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