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Kunst und Design : Märchen von den träumenden Knaben

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Schöne Synergien: Das Wiener Dorotheum bietet zum ersten Mal Moderne und zeitgenössische Kunst in einer Auktion zusammen mit Design an.

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          Die bunten Keramiktotems von Ettore Sottsass würden hervorragend zu dem Rasterbild von Günther Förg passen. Oder doch besser zu dem Gruppenbild mit Mickey Mouse von Yu Xiaofu? Zum ersten Mal hat das Wiener Dorotheum seine Designauktion in die Woche der Zeitgenossen gelegt, und so drängen sich die Kombinationsideen förmlich auf. Den Designkatalog schmückt eine Collage aus technoiden Tischgestellen von Clemens Weisshaar und Reed Kram. Die am Computer generierten „Breeding Tables“ sind Unikate, womit den Designern ein individualisiertes Massenprodukt und ihr Durchbruch gelungen ist. Drei solcher Tische werden mit Taxen von 7000 bis 13.000 Euro ausgerufen. Die kommende Design Miami Basel wird das Duo Weisshaar/Kram übrigens als „Designers of the Future 2008“ feiern. In den reduktionistischen Zeiten von heute wirken die verrückten Entwürfe der achtziger Jahre oft erfrischend verspielt: Der aktuellen Sicherheitsparanoia entsprechen die unregelmäßig gezackten Glasplatten auf schiefen Holzkugelbeinen von Danny Lane garantiert nicht (8000/22.000).

          Ein Schreibtisch in rotem Lacque de Chine von Garouste & Bonetti wird von korallenartigen schwarzen Bronzeelementen veredelt (10.000/ 15.000). Vom kürzlich verstorbenen Ettore Sottsass kann das Dorotheum zwar keine Memphis-Möbel aufbieten, aber dafür vier Keramiksäulen aus der Edition „Flavia“-Totems von 1964, die fast zwei Meter in die Höhe wachsen (55.000/ 75.000). Zu den Raritäten älteren Datums zählen ein skulpturaler Holzstuhl mit geflochtenem Rückenstück von Bernhard Hoetger, der 1927 für das Haus der Malerin Paula Modersohn-Becker entstand (10.000/15.000), sowie zwei eigenwillige Theaterstühle aus Stahlrohr, die der holländische Architekt Herman Frederik Mertens 1931/32 in einer Fahrradfabrik anfertigen ließ (2500/3500).

          Deformation von John Chamberlain

          Die Gruppe Zero, Jörg Immendorff und Street Art lauten die Schwerpunkte in der zeitgenössischen Kunst: Den Katalogdeckel zieren jedoch poppig gequetschte Stahlbänder von John Chamberlain (70.000/100.000). Preislich führt ein „Achrome“ von Piero Manzoni aus dem Jahr 1960 mit einer Taxe von 200.000 bis 240.000 Euro die Offerte an. Die Stunde null des künstlerischen Neuaufbruchs schlug dem Düsseldorfer Heinz Mack 1957; im Jahr darauf malte er „Weiße Vibration“, das als in Farbe geronnenes Licht dem Bieter nun für 50.000 bis 60.000 Euro leuchtet. Vor dem Hammerschlag eines Günther Uecker war ein Baumstamm ebenso wenig sicher wie die Leinwand. Auf 100000 bis 150000 Euro wird sein Nagelbild „Weiße Spirale“ von 1983 geschätzt. Immendorff betrachtete den Affen als das „zweite Ich“ der ambivalenten Künstlerpersönlichkeit. In Bronze ist das Alter Ego (Auflage 6) von 2002 auf 60.000 bis 70.000 Euro geschätzt.

          Ein Schnäppchen im Vergleich zu Werken des Graffitikünstlers Banksy, dessen Ratte auf einer abmontierten Kellertür auch schon 30.000 bis 50.000 Euro wert sein soll. Ein verfrorener „Bub mit grünen Strümpfen“ von Schiele ist das Spitzenlos der Sparte Klassische Moderne. Das aquarellierte Blatt von 1911 wurde mit 380.000 bis 450.000 Euro bewertet, während sich die Taxe für die prägnante Studie „Sitzender Akt, den Kopf nach vorne gebeugt“ auf 80.000 bis 110.000 Euro beläuft. Die dicken Konturen des Aquarells „Stehender Mädchenakt“ zeichnete Oskar Kokoschka 1921 mit der Rohrfeder (70.000 bis 100.000 Euro). Aus seinem Frühwerk stammen die acht lyrischen Farblithografien zu Kokoschkas Märchenbuch „Die träumenden Knaben“, die für 26.000 bis 30.000 Euro garantiert einen neuen Besitzer finden werden.

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