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Kunst und Bücher : Pizza für alle geduldigen Bieter

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Ergebnisse: Die Frühjahrsauktionen mit Gemälden, Zeichnungen und Büchern bei Koller in Zürich triumphieren in allen Sparten.

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          Roelant Saverys „Blumenstillleben in einer Glasvase mit Eidechse und Schmetterling in einer Nische“ war angekündigt als kapitalstes Los der Frühjahrsauktionen von Koller. Das Bild wurde den Erwartungen gerecht. Das Gemälde in Öl auf Kupfer, entstanden 1612 und nur 16,8 mal 13,5 Zentimeter klein, kam mit einer Taxe von 2,8 bis 3,8 Millionen Franken zum Aufruf. Das Interesse war enorm: 4,7 Millionen, mit Aufgeld sogar 5,4 Millionen, waren am Ende nötig, um diese Trouvaille von Zürich nach Russland übernehmen zu können.

          Savery schuf mit seine Stillleben eine neue Bildgattung, obwohl nur ungefähr zwanzig Werke des Holländers von dieser Art bekannt sind. Ein prächtiger Blütenreigen vor dunklem Hintergrund leuchtet dem Betrachter entgegen, bei genauem Hinsehen entdeckt man Insekten, die die Szene lebendig wirken lassen. Saverys seltene Blumenbilder gelten als wegweisend, weil ihnen neben botanischer Exaktheit eine mystische Ausstrahlung eigen ist.

          Rückgänge bei den Alten Meistern

          Ein gotischer Flügelaltar zur Privatandacht aus der Zeit um 1360 ist dem Florentiner Maler Andrea di Bonaiuti zugeschrieben. Das Kleinod landete bei 135.000 Franken - exakt in der Mitte seiner Schätzungen. Rund hundert Jahre später entstand wohl in der Werkstatt Roger van der Weydens eine Lukas-Darstellung im Halbfigurenprofil. Das in Öl auf Holz gemalte Bildnis erfüllte die Erwartungen mit 145.000 Franken, die ein Schweizer Privatsammler bot.

          Unter den Gemälden Alter Meister gab es jedoch auch prominente Rückläufe: Für Denijs van Alsloots „Winterlandschaft“ konnte sich bei einer Taxe von 135.000 bis 185.000 Franken niemand erwärmen. Ebenso blieben ein Stillleben von Isaac Soreau (Taxe 300.000/400.000 Franken), ein Gemälde von Balthasar van der Ast (400.000/600.000) und eine Winterlandschaft aus der Werkstatt Pieter Brueghels des Jüngeren (220.000/ 320.000) ohne Gebot.

          Eine Frage der Ausdauer

          Die Erfolge feierten andere: Zwei Gemälde von Carl Spitzweg zogen das Interesse auf sich. Vor allem „Die Lektüre“ (90.000/120.000) aus den Jahren um 1870/75 reüssierte. 200.000 Franken waren nötig, um sich die kleinformatige Preziose in typischer Manier zu sichern. Weitere 90.000 Franken gingen für ein Gemälde von Spitzweg aus den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit dem Titel „Begegnung im Walde“ (70.000/ 90.000) in die Statistik ein.

          Die Lust am Kunstkauf ist offenbar dann ausgeprägt, wenn originelle Privatsammlungen auf den Markt gelangen. So nahm der Auktionsmarathon für die Sammlung Nessi so viel Zeit in Anspruch, dass für einige standhafte Bieter Pizza geordert werden musste. Der Tessiner Architekt und Stadtplaner Luigi Nessi begeisterte sich für historische wissenschaftliche Instrumente und Handwerkszeug. Insgesamt 15.000 kunstfertig hergestellte Geräte trug er zusammen, jetzt kamen sie, eingeteilt in neunhundert Lose unter den Hammer.

          Vom Vulkanismus auf Sizilien

          Mit 40.000 Franken gehörte eine 1824 in London produzierte Drehbank mit Werkzeug und fünfbändiger Anleitung zu den Spitzenstücken. Auch martialische Instrumente von Chirurgen wurden offeriert: Ein Trepanationsbesteck mit reich verzierten Bohrern und Hebeln aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts sieht zwar hochelegant aus, diente aber der wenig appetitlichen Öffnung von Schädeln. Das schaurig-schöne Set ging für 22.000 Franken in neue Hände. Das finale Gebot für eine süddeutsche Präzisions-Sonnenuhr lautete 45.000 Franken, mehr als das Doppelte der oberen Schätzung.

          Zum Spitzenlos der Buchauktion avancierte die 1776 bis 1779 von William Hamilton veröffentlichte Studie zum Vulkanismus auf Sizilien, die Dutzende kolorierte Karten und Bilder enthält. Die drei Prachtbände stiegen bei einer Taxe von 30.000 bis 40.000 auf stolze 85.000 Franken. Unerwartet erfolgreich war Marcel Proust: Sein Hauptwerk „A la Recherche du temps perdu“ in dreizehn Halbmaroquinbänden einer Vorzugsausgabe der zwanziger Jahre war auf etwa 1500 Franken kalkuliert, 24.000 Franken standen am Ende zu Buche.

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