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Kunst des 19. Jahrhunderts : Der Salon? Der Salon!

Aus der Provinz ins Herz des Salons von Paris: Auf Bouguereau & Co. ist Verlass - demnächst wieder in einer New Yorker Auktion.

          2 Min.

          Es gibt ja ständig Diskrepanzen zwischen Kunst und Markt, Kritik und Kommerz. Nachhaltig ist davon das 19. Jahrhundert betroffen, was zumal das Revier des „Salon“ angeht. Das schert den Markt nicht, er gibt einfach Millionen Dollar dafür her. Nicht aus Interesse am sogenannten Handwerk, sondern aus Vergnügen an den Bildern. Gelegentlich schwappt die „Salon“-Debatte bis in die Gegenwart, wenn Gerhard Richter und selbst der undurchsichtige Neo Rauch unter Deko-Verdacht kommen, weil auch sie zweifelsohne das opulent strömende Kapital animieren können: Geheimnisse über dem Sofa. Der echte Salon ist ganz harmlos, er will nur spielen. Das tut er jetzt wieder, im Katalog der New Yorker Sotheby's-Auktion mit europäischer Kunst des 19. Jahrhunderts am 23. April. Und eine hübsche Zusammenführung ereignet sich da auch.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Das Spitzenlos ist ein fulminantes Bravourstück des prominentesten Aufsteigers, der aus der französischen Provinz mitten ins Herz des Salons von Paris vorstieß, nämlich „Amor und Psyche“ von William Bouguereau. Daneben gibt es aber auch ein Bild seiner Schülerin, der amerikanischen Malerin Elizabeth Jane Gardner. Sie kam 1864 nach Paris und hielt sich dort mit Kopien populärer Gemälde über Wasser, die sie an Touristen verkaufte, schaffte als eine der ersten Frauen überhaupt die Aufnahme in die Académie Julian, dann in die Schauen des Pariser „Salon“ - und endlich 1887 eine Medaille dort: für „The Farmer's Daughter“, ihr Gemälde eines Bauernmädchens, das mit so huldvoller Geste die Hühner füttert, als speiste es die Ortsarmen.

          Diese rurale Idylle eben firmiert jetzt im Katalog, für immerhin 200.000 bis 300.000 Dollar. Das Bild war mehr als hundert Jahre aus der Öffentlichkeit verschwunden, nachdem es, wohl um 1900, der amerikanische Schuh-Magnat Albert E. Nettleton aus Syracuse erworben hatte. Übrigens heiratete Bouguereau im Jahr 1896 seine begabte Schülerin, die seinen Stil beherrschte bis zur Verwechselbarkeit. Noch in den neunziger Jahren waren Gemälde von Elizabeth Gardner für wenige tausend Dollar in Auktionen zu haben, oder sie gingen gleich zurück. Die Zeiten sind vorbei, vor genau drei Jahren wurde „L'Imprudente“ von ihr für 250.000 Dollar zugeschlagen.

          William Bouguereau dagegen mit seinem geflügelten Salon-Sex von 1899, der annähernd lebensgroß und in leichter Untersicht alle Träume des Plüsch bedient, ist mit einer Schätzung von 1,8 bis 2,2 Millionen Dollar ausgezeichnet. Das nimmt sich eher moderat aus, gemessen an seinen Triumphen, die bis dato in den 3,2 Millionen Dollar gipfeln, die im Mai 2000 „La Charité“, eine außerordentlich attraktive Personifizierung der Nächstenliebe, einspielte. Erster Besitzer von „Amor und Psyche“ war Jacques Olry, erzkonservatives Mitglied der Nationalversammlung; Olry war mit Léonie Roederer verheiratet, der Tochter des Champagnerindustriellen. Prost.

          Käufer sind überwiegend Privatsammler

          Es ist ein Teil Kulturgeschichte des alten Europas und der Neuen Welt, was Polly Sartori, bei Sotheby's für das 19. Jahrhundert zuständig, erläutert: Die meisten Spitzenwerke dieses sehr speziellen Geschmacks werden in Amerika gefunden, nachdem sie bald ein Jahrhundert „verloren“ waren. Ihre Künstler waren die contempories des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und ihre Sammler waren die neuen Reichen Amerikas, die Vanderbilt und ihresgleichen. Sartori sagt offen, dass man auch heute die Bedürfnisse des obersten Marktsegments bedienen will, das selbst im downturn Ende 2008/2009 an seinem Preisniveau weitgehend festhielt.

          Allein in den letzten drei Jahren hat Sotheby's siebzehn Gemälde des 19. Jahrhunderts jenseits der Eine-Million-Dollar-Marge vermittelt. Wer sind die Käufer? Überwiegend Privatsammler, wieder in Amerika. Man glaubt es, angesichts der Preislisten für William Bouguereau, Lawrence Alma-Tadema oder Jean-Léon Gérôme. Manchmal geschieht es eben, dass Kunst und Markt sich nahe kommen. Es war bloß eine Frage der Zeit, dass der Salon der musealen Revision unterzogen würde. Ein eigenständiger Geschmack hat noch nie geschadet, und der Salon will doch nur spielen - mit sehr viel Geld. Gestern wie heute.

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