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Klimts „Bildnis Gertrud Loew“ : Eine fragile Schönheit

Die Geschichte des Gemäldes ist ähnlich faszinierend wie die der Porträtierten: Gustav Klimts Bildnis der Gertrud Loew wird versteigert. Der Ausgangspreis ist vergleichsweise niedrig angesetzt.

          2 Min.

          Das „Bildnis Gertrud Loew (Gertha Felsöványi)“ darf als eines der schönsten Frauenporträts gelten, die Gustav Klimt geschaffen hat. Der Wiener Malerstar des Fin de Siècle hat die Neunzehnjährige im Jahr 1902, am Beginn seines Aufstiegs zum Meister dieses Genres, in ihrer Zerbrechlichkeit, beinah durchscheinend, dargestellt, mit einer Zartheit seinerseits, die kaum ihresgleichen in seinem Œuvre hat. Nun wird das fast lebensgroße Gemälde in London versteigert. Auftraggeber war Gertruds Vater, Anton Loew, Eigentümer des Sanatoriums in Wien-Purkersdorf, zu dessen Patienten Mahler, Wittgenstein, auch Klimt zählten. Loew war früh ein begeisterter Förderer Klimts. Bereits 1902 gehörte ihm dessen „Judith I“, heute in der Österreichischen Galerie Belvedere. Die wilde Judith und die ätherische Gertrud können in ihrer Gegensätzlichkeit für das Frauenbild der vorletzten Jahrhundertwende stehen – fatale Frau versus fragile Frau.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Im Jahr 1903 heiratete Gertha, wie sie genannt wurde, den Fabrikanten Johann Arthur Eisler von Terramare. Die Ehe zerbrach nach dem frühen Tod der gemeinsamen Tochter. Aus ihrer zweiten Ehe 1912 mit dem ungarischen Industriellen Elemér Baruch Felsöványi gingen drei Kinder hervor; Felsöványi starb 1923. Schon seit Anton Loews Tod 1907 leitete Gertrud das Sanatorium. Die Nationalsozialisten schlossen die Klinik 1938. Sie musste wegen ihrer jüdischen Wurzeln 1939 aus Wien fliehen, über Berlin gelangte sie in die Vereinigten Staaten. Die Sammlung und auch ihr Bildnis blieben in der Obhut einer Freundin, die die Kunstwerke aber, ebenfalls unter Druck, verkaufte. Gertha Felsöványi kehrte nie mehr nach Wien zurück. Sie starb 1964 in Menlo Park, Kalifornien, im Alter von 81 Jahren.

          Als „Raubkunst“ belastet

          Bald nach 1939 erwarb das Gemälde Gustav Ucicky, geboren 1899 als unehelicher Sohn (vermutlich) Klimts von einem seiner Modelle, der Wäscherin Maria Ucicka. Früh interessierte sich Ucicky für den Film, er wird Mitarbeiter eines gewissen Mihály Kertész Kaminer, kein anderer als jener Michael Curtiz, dessen berühmtester Film 1942 „Casablanca“ heißen wird. Allerdings ging Kertész bereits 1926 nach Amerika zu Warner Brothers. Gustav Ucicky aber diente sich den Nationalsozialisten an; so dreht er 1941 den üblen Propagandastreifen „Heimkehr“. Es gelang ihm, wichtige Klimt-Werke an sich zu bringen, darunter „Wasserschlangen II“, die 2013 in einem von Sotheby’s vermittelten Privatverkauf für 112 Millionen Dollar verkauft worden sein sollen, Spekulationen zufolge nach Doha. Damit wären die „Wasserschlangen II“ das bis heute zweitteuerste Werk Klimts, nach dem 135 Millionen Dollar teuren „Bildnis Adele Bloch-Bauer I“, genannt „Goldene Adele“, dessen Restitutionsgeschichte aktuell Simon Curtis’ Film „Die Frau in Gold“ nachzeichnet. Die Rückgabe von „Wasserschlangen II“ erfolgte aufgrund einer Einigung, die Ucickys Witwe Ursula mit den Nachkommen der von den Nationalsozialisten enteigneten Familie Steiner schloss.

          Im September 2013, mehr als fünfzig Jahre nach Ucickys Tod 1961, überführte Ursula Ucicky die restlichen Werke der Sammlung in die „Gustav Klimt / Wien 1900-Privatstiftung“. Dazu gehörte auch das „Bildnis Gertrud Loew“, das bereits als Raubkunst „belastet“ war. Die Recherchen führten jetzt zur Einigung zwischen den Felsöványi-Erben und der Klimt-Foundation; vermutlich wird der Erlös für das Gemälde zu gleichen Teilen an die beteiligten Parteien gehen. Wenn es bei Sotheby’s in London am 24. Juni aufgerufen wird, lautet die Schätzung umgerechnet 16,8 bis 25,3 Millionen Euro; das klingt moderat, zumal angesichts seiner Provenienz. Die Auktionsliste führt das „Bildnis Adele Bloch-Bauer II“ an; es wurde 2006 in New York für umgerechnet 61,5 Millionen Euro zugeschlagen und hängt heute im New Yorker Museum of Modern Art. Auf sechs Landschaften folgt das (unvollendete) „Bildnis Ria Munk III“, 2010 in London für umgerechnet gut 20,1 Millionen Euro versteigert. Dort scheint die Orientierung zu liegen. Sie könnte weit übertroffen werden.

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