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Kate-Moss-Auktion : Der Körper der Mode

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Auf niemanden trifft das Wort Supermodel so zu wie auf Kate Moss. Seit mehr als zwanzig Jahren prägt sie die Vorstellung von androgyner Attraktivität und schillernder Identität. Jetzt werden in London Fotografien von ihr versteigert.

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          Kate schmollend, verführerisch, dösend, relaxed, keck, roh. Kate golden, Kate unter Wasser, hinter Seifenblasen, nackt auf dem Sofa. The one and only Kate. Das wohl am häufigsten fotografierte Model der Welt - mit jedem neuen Bild, jeder Fotografie, jeder Skulptur, jedem Gemälde unaufhaltsam in eine unsterbliche Ikone verwandelt. Am 25. September veranstaltet Christie’s in London, der Heimatstadt der 1974 im Stadtteil Croydon geborenen Kate Moss, eine Auktion, die mit 58 Losen ganz dieser Muse unserer Zeit gewidmet ist.

          Die meisten Aufnahmen entstanden als Auftragsarbeiten für Modemagazine, und die darunter älteste und wohl bekannteste stammt aus dem Jahr 1992. Es ist eine Schwarz-weißfotografie, an die man sich noch im Megaformat, überschrieben mit dem Wort „Obsession“, an Hauswänden von New York bis Frankfurt erinnert: Der Putz bröckelt von der weiß getünchten Wand, die Bodenfliesen lösen sich auf. Ein dunkles, verranztes Sofa. Auf dem Bauch liegend ein nackter, zerbrechlicher Körper, ein ungeschminktes Gesicht mit forschendem Blick. Ambiguität - ist die Person weiblich, männlich, ein Erwachsener, ein Teenager? Das war der Schüssel zum Erfolg dieser und vieler folgender Werbe-Kampagnen von Calvin Klein, für ein Männer-Parfum im Fall des Plakats. Wie war es zu lesen? Mit diesem Parfum wird diese Frau von dir besessen sein, nackt auf dem Sofa auf dich warten?

          Der neue Model-Typ der Neunziger, den Kate Moss verkörperte, war rough-but-gentle, knabenhaft-androgyn, melancholisch-weltabgewandt, sexy. Was für Eltern oft wie eine Aufforderung zur Anorexie und zu generell ungesundem Lebensstil aussah - diese Richtung in der Modefotografie, die sich bis heute in mancher Nischenpublikation hält, wurde dementsprechend auch „Heroin-Chic“ getauft -, sah für die gleichaltrigen Teenager, die erhofften Konsumenten also, aus wie Coolness, Leidenschaft und Willensstärke: die insinuierte Weigerung, sich richtig zu ernähren, nachts zu schlafen, sich ordentlich anzuziehen, die Haare zu bürsten, einladend zu lächeln.

          Kate Moss und ihre Kollegen, die sich in zahlreichen Mode- und Musikmagazinen vermehrten, sahen aus, als hätten sie die ganze Nacht durchgefeiert, jeden Unsinn mitgemacht, bevor sie nun blass, ausgebrannt, verkatert, ausgehungert vor die Kamera gedrängt wurden - nicht ganz unähnlich dem Mythos vom hungernden Künstler, der für seine Kunst brennt, und dem schwindsüchtigen weiblichen Schönheitsideal des 19. Jahrhunderts. Die neuen, auch waifs (Straßenkinder) genannten Models kultivierten im Gestus der Subkultur eine widersprüchliche Persona.

          Als dann Bilder einer nur in Unterwäsche in ihrer kaum möblierten Wohnung herumlungernden Kate Moss, aufgenommen 1993 von der Fotografin und Moss-Freundin Corinne Day, in der britischen „Vogue“ publiziert wurden, nannte man diesen neuen Stil, der faszinierte Bewunderung wie entrüstete Ablehnung fand, auch „Dirty Realism“. Corinne Day hatte die sechzehnjährige Moss 1991 bei der „Storm Model Agency“ entdeckt und sie am Strand, nur mit Birkenstock-Sandalen an den Füßen und Indianer-Federn im Haar, fotografiert; damit begann Moss’ Karriere. Die Grenzen zwischen Mode-, Dokumentar- und Kunstfotografie verschwammen in den neuen Bildern, die den Betrachter so ganz anders berührten als alle polierte Perfektion.

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