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Jahresrückblick Österreich : Die Russen machen das Rennen

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Die Bilanzen der Wiener Auktionshäuser zeigen: Es ist ruhiger geworden im Nachbarland. Zuschläge oberhalb der Millionengrenze sucht man vergeblich.

          3 Min.

          Es waren die Millionenzuschläge des Jahres 2010, die es den österreichischen Auktionshäusern im vergangenen Jahr nicht leichtmachten, ihr erreichtes Umsatzniveau zu halten. Hochkarätige Einlieferungen wie Frans Franckens Weltgerichts-Tableau im Dorotheum oder Egon Schieles Gemälde „Prozession“ bei Im Kinsky ließen 2011 vergeblich auf sich warten.

          Mit seinen vielen Sparten - darunter erstmals auch Stammeskunst und Interior Design - und der erfolgreichen Akquise über die Auslandsfilialen schaffte es das Dorotheum dennoch, die Messlatte zu halten und sogar etwas über den 2010 erwirtschafteten Betrag von 144 Millionen Euro zu kommen. Weniger rosig sieht es bei der Konkurrenz Im Kinsky aus, dem Haus, das nach dem unerwarteten Abgang seines Geschäftsführer Nikolaus Schauerhuber nun vom Gesellschafter Michael Kovacek geleitet wird. Der Rekordumsatz von 28 Millionen Euro im Jahr 2010 schrumpfte dort auf 19,2 Millionen Euro. Das Kinsky schaffte es dieses Mal nur mit zwei Ergebnissen in das Ranking der Spitzenlose, in dem auch der Einmannbetrieb Hassfurther einen Rang hält. Die Bestenliste blieb 2011 im sechsstelligen Bereich. Werke des 19. Jahrhunderts fehlen darin vollständig.

          Jawlenskys „Wasserburger Landschaft“

          Die Spitze eroberte ein Werk aus der zeitgenössischen Offerte: Im Anschluss an die „Vienna Art Week“, die das Dorotheum 2011 zum siebten Mal organisierte, trumpfte man hier mit einem besonders ambitionierten Auktionsreigen auf. Die Nachkriegsavantgarden Italiens war darin stark vertreten, genauso wie die hauseigene Spitzensparte der Alten Meister. Dennoch überflügelte all jene ein referenzreiches Konzeptbild des russischen Künstlers Ilya Kabakov.

          Für das Großformat „Bei der Universität 1972“, das der in die Vereinigten Staaten emigrierte Moskauer Künstler 2002 für eine Ausstellung in Cleveland schuf, bewilligte ein deutscher Sammler 650.000 Euro (Taxe 600.000/800.000). Das Werk eines anderen russischen Auswanderers kletterte auf Platz zwei: Jawlenskys bis dato unbekannte „Wasserburger Landschaft mit Häusern und Wiese“ von 1907 spielte 510.000 Euro (180.000/280.000) ein. Diese historisch beste Auktion Klassischer Moderne im Dorotheum konnte mit einem Werk aus der heimischen Kunstgeschichte punkten: Als „Dachbodenfund aus Dänemark“ wurde Alfons Waldes Skifahrerbild „Aufstieg“ von 1930 präsentiert, das einen Auktionsrekord von 500.000 Euro (250.000/350.000) schaffte.

          Karl Wittgensteins Spieltisch

          Eine interessante Vorgeschichte hat der sogenannte „Spinola-Rubens“ vorzuweisen, mit dem die Alten Meister des Dorotheums Platz vier der Bestenliste besetzen. Aus der Sammlung der gleichnamigen Genueser Adelsfamilie gelangte das umstrittene Bild „Christusknabe mit kindlichem Johannes dem Täufer“ in die amerikanische Kollektion von Walter Chrysler und tourte als Attraktion durch die Vereinigten Staaten. Im April schlug das mittlerweile Rubens und Werkstatt zugeschriebene Gemälde mit 450.000 Euro zu Buche (100.000/130.000). In derselben Auktion konnte mit Valerio Castellos „Flucht nach Ägypten“ eine kunsthistorische Entdeckung angeboten werden. Das figurenreiche Ölbild voller Bewegung wechselte bei 420.000 Euro (200.000/ 300.000) den Besitzer.

          Für das Jagdhaus des Großindustriellen, Mäzens und Philosophenvaters Karl Wittgenstein entwarfen Josef Hoffmann und Carl Otto Czeschka um 1906 einen aufklappbaren Spieltisch, der von der Wiener Werkstätte in Eichenholz und mit zum Teil vergoldeten Schnitzarbeiten ausgeführt wurde. Das Im Kinsky taxierte das edle Möbel in seiner Jugendstil-Offerte im Mai auf 90.000 bis 150.000 Euro: Das Bietgefecht endete aber erst bei 410.000 Euro, was dem Auktionshaus Platz sechs in der Bestenliste sichert.

          Porzellanvasen von Napoleons Gattin

          Die italienischen Modernisten der sechziger Jahre erleben im Dorotheum bereits seit längerem große Auftritte. Nun machte das minimalistische Objektbild „Superficie bianca“ von Enrico Castellani das Rennen auf Rang sieben: Das 1969 entstandene Werk spielte 410.000 Euro (180.000/240.000) ein.

          Wer beim Bieten auf den Walde im Dorotheum unterlag, konnte sein Glück im Herbst abermals, aber nun bei Hassfurther versuchen. Dort wurde eine Version von 1933 jenes „Aufstieg“-Bildes angeboten. Mit den dafür erzielten 380.000 Euro (200.000/300.000) katapultierte sich Hassfurther auf den achten Platz der heimischen Topzuschläge 2011. Bei den Antiquitäten wurde im Dorotheum ein Vasenpaar aus der Königlichen Porzellan Manufaktur Berlin besonders hoch gesteigert: Mit 390.000 Euro rangieren die zwischen 1803 und 1813 mit Veduten von Malmaison geschmückten Brûle-Parfum-Vasen, die Napoleons Gattin Josephine als Geschenk erhielt, an neunter Stelle (80.000/120.000).

          Im Kinsky liefert zum Abschluss des Rankings noch den höchsten Preis, der je für ein Werk eines österreichischen Künstlers vor 1800 in einer heimischen Auktion erzielt wurde: Die 360.000 Euro (150.000/ 250.000) für die prächtigen Gemäldependants auf Kupferplatten - eine „Anbetung der Hirten“ und eine „Kreuzabnahme“, des Südtiroler Rokoko-Malers Johann Georg Platzer - belegen Platz zehn der Bestenliste.

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