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Jahresbilanzen : Die 6,3-Millarden-Dollar-Bilanz

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Viel Licht, wenig Schatten: Die Jahresbilanzen der großen Häuser sind blendend. Grundlage des Erfogs waren besonders Erträge aus neuen Märkten und die Kunst der Zeitgenossen. Doch auch Antiken brachten himmelhohe Zuschläge.

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          Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Um potentielle Kunden zu beeindrucken, machten die führenden Auktionshäuser im Dezember noch vor Abschluss des Geschäftsjahrs jeweils mit ganz- oder gar doppelseitigen Anzeigen in der „New York Times“ auf ihre jeweiligen großen Erfolge des Kunstmarktjahrs 2007 aufmerksam. Christie's nennt sich - aufgrund des minimal höheren Jahresumsatzes - stolz Marktführer, während Sotheby's sich nun schon seit sieben Jahren rühmen kann, das teuerste Werk des Jahres versteigert zu haben. Nun haben die beiden Häuser ihre schwindeln machenden Bilanzen für das Jahr 2007 veröffentlicht: Christie's verzeichnet einen weltweiten Gesamtumsatz von 6,3 Milliarden Dollar.

          Das entspricht einer Steigerung von 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr und etabliert einen Rekord nicht nur in der Geschichte des 1766 gegründeten Hauses, sondern überhaupt in der Geschichte des Auktionswesens. Sotheby's kann sich über die noch höhere Umsatzsteigerung von 51 Prozent freuen und kommt damit knapp hinter Christie's auf 6,2 Milliarden Dollar Jahresumsatz, auch das ein Rekord innerhalb der Firma. Eingerechnet sind dabei Auktionen, private Transaktionen und Verkäufe durch Händler (die Firma Noortman Master Paintings gehört seit 2006 zu Sotheby's; die Galerie Haunch of Venison wurde 2007 von Christie's aufgekauft). Zum Vergleich: Die kleinere Firma Phillips, de Pury & Company setzte 2007 mit ihren Auktionen 308 Millionen Dollar um, immerhin mehr als doppelt so viel wie im Jahr davor (die Zahlen für private sales wurden hier nicht veröffentlicht).

          Christie's legt vor

          Während die Aktiengesellschaft Sotheby's eine detaillierte Aufstellung ihrer Geschäfte erst Ende Februar publik machen wird, prunkt François Pinaults privat geführtes Haus Christie's schon jetzt mit einer Reihe von imposanten Zahlen aus dem Jahr 2007: Bei mehr als 600 Auktionen weltweit wurden bei Christie's allein 793 Werke für mehr als eine Million Dollar versteigert; Christie's setzte 5,8 Milliarden Dollar mit Auktionen um (31 Prozent mehr als 2006) und 542 Millionen Dollar mit privaten Vermittlungen (111 Prozent mehr als 2006). Jeweils rund die Hälfte des Gesamtumsatzes hat Christie's in den Vereinigten Staaten und in Europa gemacht: 2,672 Milliarden Dollar in Amerika, im Vergleich zu 2,656 Milliarden in Europa (davon den Löwenanteil in London); 473 Millionen Dollar entfallen auf Hongkong. Edward Dolman, Hauptgeschäftsführer von Christie's, machte auch die Investition in neue Märkte für den Aufschwung verantwortlich, darunter besonders Indien, Dubai, Russland und China.

          Die auffälligste Entwicklung betraf die Kategorie „Post-War & Contemporary Art“, die um steile 75 Prozent angewachsen ist, einen Umsatz von 1,56 Milliarden Dollar erzielte und damit zur umsatzstärksten Abteilung avancierte. Sie wird knapp gefolgt von der Sektion Impressionismus und Moderne mit 1,442 Milliarden Dollar, was einer Zuwachsrate von immerhin acht Prozent entspricht: Zusammen haben die beiden Abteilungen - allein in der New Yorker Herbstsaison - 937 Millionen Dollar eingespielt und dabei 57 neue Künstlerrekorde aufgestellt, darunter für Matisse, Giacometti, Miró, Freud, Ruscha, Prince und Richter. Das teuerste Werk bei Christie's im Jahr 2007 war Andy Warhols riesiger „Green Car Crash“ für 71,7 Millionen Dollar (brutto).

          Deutliche Umsatzsteigerungen

          Neben den Zeitgenossen haben auch andere Abteilungen krasse Sprünge vorzuweisen: Der Umsatz mit asiatischer Kunst stieg um 38 Prozent auf 654 Millionen Dollar an; amerikanische Malerei erzielte 52 Prozent mehr als 2006 und kletterte auf 147 Millionen Dollar; und der Bereich russische Kunst und Kunsthandwerk stieg um beachtlichte 88 Prozent auf 144 Millionen Dollar. Alte Meister verzeichneten einen leichten Rückgang (um 3 Prozent) auf 304 Millionen Dollar; das teuerste Werk in dieser Kategorie bei Christie's war Raphaels Porträt des Lorenzo de' Medici, Herzog von Urbino“, das es in London auf umgerechnet 37,2775 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) brachte. - Es überrascht nicht, dass Gebote über das Internet immer mehr an Bedeutung gewinnen. Das System Christie's LIVETM wurde bei 517 Veranstaltungen eingesetzt, es wurden insgesamt 38700 Online-Gebote angenommen - und damit elf Prozent aller Lose entweder erfolgreich versteigert oder direkt unterboten.

          Innerhalb des Gesamtumsatzes von 6,2 Milliarden Dollar bei Sotheby's machten die Auktionen 5,4 Milliarden Dollar aus, womit hier eine Umsatzsteigerung von 44 Prozent erreicht wurde. Dabei verringerte die Firma weiterhin die Anzahl der Lose und versteigerte, verglichen mit der Konkurrenz, kaum mehr als halb so viele Werke, was eine hohe Kostenersparnis bedeutet. Wie in den vergangenen sieben Jahren darf sich Sotheby's auch 2007 wieder rühmen, das teuerste Los des Jahres vermittelt zu haben: Mark Rothkos „White Center“ aus der Sammlung von David Rockefeller spielte 72,8 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) ein. Im Bereich der zeitgenössischen Kunst hat Sotheby's außerdem beachtliche Preise für Francis Bacons „Study from Innocent X“ (52,7 Millionen Dollar) und dessen „Second Version of Study for Bullfight No. 1“ (45,9 Millionen Dollar) erzielen können.

          Der enorme prozentuale Anstieg in der Kategorie Gegenwart wird bei Sotheby's dem Ermessen nach ähnlich liegen wie bei Christie's. Schlagzeilen hat Sotheby's 2007 auch im Bereich der Antike gemacht: Zuerst wurde die bronzene Jagdgöttin Artemis mit Hirsch aus der Sammlung der Albright Knox Gallery in Buffalo mit 28,6 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) zum teuersten Werk der Antike und zur teuersten Skulptur überhaupt - bloß um dann von der nur wenige Zentimeter hohen mesopotamischen Sandstein-Löwenfrau, „Guennol Lioness“ genannt, übertroffen zu werden, die im Dezember für sagenhafte 57,2 Millionen Dollar Auktionsgeschichte schrieb. Sotheby's wird detaillierte Zahlen erst in einem Monat veröffentlichen.

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