https://www.faz.net/-gyz-6wqmf

Impressionismus und Moderne : Von Exotik und Urbanität

Das noch junge Auktionsjahr 2012 hebt kraftvoll an in London, wenn dort Impressionismus und Moderne ihren Auftritt haben. Hier zwei prominente Beispiele dafür.

          5 Min.

          Das bemerkenswerteste Werk dieser Londoner Frühjahrsveranstaltungen kommt am Abend des 8. Februar bei Sotheby’s zum Aufruf. Denn das Schicksal von Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Das Boskett: Albertplatz in Dresden“ steht für die politische Geschichte seit einem Jahrhundert so gut wie für die Markthistorie, bis in unsere unmittelbare Gegenwart.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Kirchner malte dieses, mit 120 mal 151 Zentimetern ungewöhnlich große Bild 1911; es ist übrigens dasselbe Jahr, in dem Kandinskys Programmschrift „Über das Geistige in der Kunst“ erscheint. Seine Stadt-Landschaft verweist, mit der palmenbestückten Insel des Bosketts, auf Exotik und Natur so gut wie auf jene Urbanität, die den Maler in seiner expressionistischen Hochphase, seinen Berliner Straßenszenen zumal, bald darauf reizen wird. Und aus heutiger Sicht, da inzwischen der „späte“ Kirchner der dreißiger Jahre - nicht zuletzt durch die große Retrospektive vor zwei Jahren im Frankfurter Städel - in den Blick gekommen ist, erkennt man nicht nur den Anklang an die Palette der Fauvisten darin, sondern man mag darüber hinaus, vor allem in der Farbigkeit, genauso auch schon einen Hinweis auf des Künstlers Vorlieben in Davos identifizieren, wenn er sein Spektrum der Pink- und Lilatöne so eigenwillig gegen Grün- und Blautöne einsetzt.

          Rekonstruktion der Provenienz

          Joseph Feinhals (1867 bis 1947) erwarb bereits im Jahr 1912 das Bild direkt von Kirchner. Feinhals war der Erbe des von seinem Vater 1861 gegründeten Kölner Zigarren-Importhauses, ein Bibliophiler, Kunstsammler und Mäzen. Er schenkte das eminente Werk schon 1927 dem Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Nur zehn Jahre später beschlagnahmten es dort die Nationalsozialisten im Zuge ihrer Aktion „Entartete Kunst“. Es kommt am 30. Juni 1939 bei der Galerie Fischer in Luzern in jener Auktion mit dem zynischen Titel „Gemälde und Plastiken moderner Meister aus deutschen Museen“ zur Versteigerung. Dort erwarb es der Schweizer Bildhauer Alexander Zschokke (1894 bis 1981) für sich selbst; Zschokkes, des Faschismus unverdächtige Brunnenfigur der „Drei Lebensalter“ von 1937/38 steht bis heute in seiner Heimatstadt Basel. Sein Erbe Peter Zschokke lieferte Kirchners Bild dann ein zur Auktion bei der Galerie Kornfeld in Bern am 21. Juni 1991: So weit ist die Herkunft auch im aktuellen Sotheby’s-Katalog verzeichnet, der letzte Eintrag zur Provenienz lautet dort Purchased at the above sale by the present owners.

          Nun hilft das Gedächtnis einer anderen Chronik des Kunstmarkts weiter, wie sie ein Artikel vom 29. Juni 1991 in dieser Zeitung aufgezeichnet hat: Dort steht auch, dass Zschokke Kirchners Gemälde 1939 in Luzern schon für 300 Franken bekam; die Schätzung hatte bei 600 Franken gelegen. Und mehr als fünfzig Jahre später, nun bei der Kornfeld-Auktion, war der Rang von „Das Boskett am Albertplatz in Dresden“ (so der damalige Titel) durchaus bekannt: „Am Nachmittag des 21. Juni erreichte Kirchners Gemälde mit drei Millionen Franken den zehntausendfachen Preis gegenüber dem Zuschlag vom 30. Juni 1939.

          Weitere Themen

          Nicht der große Glanz

          Bilanz der Auktionshäuser : Nicht der große Glanz

          Die Jahreszahlen für 2019 von den Auktionshäusern Christie’s, Sotheby’s und Phillips sind immerhin gediegen. Dass 2020 eine Herausforderung neuer Größenordnung bereithält, war unvorhersehbar.

          Mit und ohne Saal

          Online-Versteigerungen : Mit und ohne Saal

          Die Corona-Krise bringt den Auktionskalender durcheinander. Abseits von Terminverschiebungen sind die deutschen Auktionshäuser offen für alle Varianten von Online-Versteigerungen.

          Topmeldungen

          Trump steht innenpolitisch unter Druck, weil er die Pandemie anfangs kleingeredet hatte.

          Vorwürfe gegen Trump : Wie man mit Masken Politik macht

          Kauft Washington überall Atemschutzmasken auf und leitet Bestellungen um? Deutsche und französische Politiker behaupten das. Aber ist an den Beschuldigungen etwas dran – oder ist es nur Anti-Trump-Polemik?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.