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Impressionismus und Moderne : Die Dekade beginnt mit Rekorden

  • -Aktualisiert am

Giacomettis hoher „Schreitender“ setzt neue Maßstäbe, aber auch sonst fließt sehr viel Geld für repräsentative Kunst: Bilanz der Londoner Auktionen mit Impressionismus und Moderne.

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          Die Londoner Auktionshäuser senden zum Saisonauftakt Signale des Optimismus. Es hätte nicht besser laufen können: Als Alberto Giacomettis Bronze „L'Homme qui marche I“ aus der Sammlung der Dresdner Bank - nach deren Übernahme also im Besitz der Commerzbank - zum Aufruf kam, schrieb Sotheby's vor einem so prall wie zu Boomzeiten gefüllten Saal Auktionsgeschichte. Nach dem Eröffnungsgebot von neun Millionen Pfund überschlugen sich die Gebote von sechs und mehr Interessenten, darunter auch die Händlerfamilie Nahmad in der ersten Reihe.

          Innerhalb von weniger als einer Minute war der Preis auf zwanzig Millionen Pfund hochgeschnellt. Bei 27 Millionen Pfund war der Saal elektrisiert - und nur noch zwei entschlossene Bieter an den Telefonen des Sotheby's-Direktors Philip Hook und des Präsidents Bill Ruprecht übrig. Sie trieben in zügigen Eine- bis Drei-Millionen-Schritten den Preis nach oben, ohne auch nur eine Atempause einzulegen. Die Schätzung auf zwölf bis achtzehn Millionen Pfund rückte in weite Ferne. Nach dem Gebot von 58 Millionen durch Philip Hooks Klient blickte der Auktionator Henry Wyndham noch einmal in den Saal, um mit einem Augenzwinkern zu fragen: „Gibt es sonst noch irgendjemand?“, was mit Gelächter quittiert wurde.

          Darauf fiel schnell der Hammer und der Applaus brauste auf - für den Giacometti, der mit Aufgeld (vielleicht) knapp den Weltrekord für das teuerste Kunstwerk in einer Auktion geschafft hatte. Der Käufer muss 65,00125 Millionen Pfund bezahlen, nach Angaben von Sotheby's waren das zu diesem Zeitpunkt umgerechnet 104,327 006 Millionen Dollar. Damit hatte Giacomettis 182 Zentimeter hoher „Schreitender“ knapp Picassos „Garçon à la pipe“ von 1905 geschlagen, der am 5. Mai 2004 von Sotheby's in New York für brutto 104,168 Millionen Dollar verkauft wurde. Nach der Auktion sagte Hook, einer der Bieter habe ihm vorher verraten, er habe vierzig Jahre lang auf eine solche Gelegenheit gewartet.

          Wählerische Bieter

          Dieser Erfolg - nach einem schwierigen Jahr 2009, das erst gegen Ende mit erfolgreicheren Auktionen im November und Dezember in London und New York Aufwind bekam - demonstriert: Spitzenwerke von musealer Qualität bleiben gefragt. Offenbar ist unter den Reichsten der Welt, die sich mit immer neuen Rekordpreisen einen Wettbewerb liefern, das Geld nicht knapp geworden. Dass ein weiterer Giacometti, die Bronze „Petit buste sur colonne“ von 1952 aus der Sammlung von Yvon Taillandier in Paris, bei derselben Auktion zur Taxe von 1,8 bis 2,5 Millionen unverkauft blieb, zeigt jedoch, wie wählerisch man bleibt.

          Auch die Abendveranstaltung mit Impressionismus und Moderne und die sich anschließende „The Art of the Surreal“- Auktion bei Christie's am Tag davor war schon erfolgreich verlaufen. Es wurden 69 von insgesamt 85 Losen für 76,8 Millionen Pfund verkauft; im vergangenen Februar waren es 63,4 Millionen Pfund für 47 Lose. Von den 47 Losen der Sektion mit Impressionismus und Moderne (ein Degas wurde zurückgezogen) wurden 41 Lose - das bedeutet 87 Prozent nach Losen - für 66,7 Millionen Pfund verkauft, bei einer Gesamtschätzung von 46 bis 66 Millionen Pfund.

          Das meiste Interesse mit mehr als zehn Bietern bestand für Otto Muellers charismatische und sehr zeitgenössisch wirkende „Badende“ (Taxe 500.000/700.000 Pfund) im dunklen Holzrahmen, die schließlich von einem russischen Sammler am Telefon zum Hammerpreis von 1,82 Millionen erobert wurden: Weltrekord für Mueller.

          Picassos „Tête de femme (Jacqueline)“

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