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Hamburger Buchauktionen : Hamburg liebt die Bücher

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Einen echten Hattrick legen drei Hamburger Auktionshäuser zwischen dem 20. und 24. November in Sachen wertvolle Bücher hin: Christian Hesse Auktionen, Ketterer und Hauswedell & Nolte. Die Sensation sind zwei Konvolute mit Briefen von Theodor Fontane.

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          Den Auftakt des seit diesem Frühjahr dreiteiligen Buchauktions-Marathons in Hamburg macht am 20. November mit seiner zweiten Veranstaltung das noch junge Haus Christian Hesse. Der Katalog ist gewachsen und enthält neben den Klassikern wie Alte Drucke, Topographien und Literatur in Erstausgaben vor allem Pressen-Drucke und Rarissima aus dem 20. Jahrhundert.

          Unter ihnen ist Picasso mit einer Trouvaille aus der Pariser Kunstzeitschrift „Verve“ vertreten: in zwei zusammengebundenen Heften von 1948 findet sich die Tuschfederzeichnung eines liegenden Fauns, signiert und gewidmet seiner langjährigen Bekannten, der Sammlerin und Galeristin Marie Cuttoli. Sie ließ offenbar auch die Hefte zusammenbinden (Taxe 9000 Euro).

          Werner Bokelberg fotografierte im summer of love 1969 Uschi Obermaier, die als „Deutschlands schönste Kommunardin“ galt, mit skandalös entblößtem Oberkörper. Aus dieser Serie wählte er zwölf Fotos aus - darunter das am häufigsten reproduzierte, das beinah zum Sinnbild der sexuellen Revolution wurde - und ließ sie in der Art stark vergrößerter Kontaktabzüge in einer kleinen Auflage von zehn Exemplaren drucken: Das signierte und numerierte (8/10) Großformat misst 122 mal 168 Zentimeter, und es sollte die erwarteten 7500 Euro einspielen.

          Mit Uschi Obermaier gewann Rainer Langhans' „Kommune I“ an Glamour, aber verlor an politischer Glaubwürdigkeit; Langhans war das egal: „Die Revolution für eine Frau zu verraten ist immer gerechtfertigt.“ Unter den Autographen leuchtet das Konvolut der unveröffentlichten Briefe des jungen Malers Julius Heinrich Bissier an die Lörracher Lehrerin Hedwig Fäßler hervor (Taxe 4500 Euro): Es sind 150 Liebesbriefe aus den Jahren 1918/19, die Dokumentation seines künstlerischen Werdens sind und zugleich Schilderung der gesellschaftlichen Umstände, die schließlich zum Scheitern dieser Beziehung führten.

          Ein einzelner Brief von Rainer Maria Rilke, in seinem letzten Lebensjahr aus dem Sanatorium oberhalb von Montreux geschrieben, in dem er 1926 starb, ist an den österreichischen Diplomaten Graf Paul Thun-Hohenstein gerichtet (2800). Zu den Höhepunkten der Buchkunst im ausgehenden 20. Jahrhundert gehören die Drucke der 1949 in Zürich geborenen Roswitha Quadflieg für die Raamin-Presse, die 1973 aus ihrer Diplomarbeit entstand.

          Ein Klassiker unter Zeitdruck

          Die komplette Folge, 25 sehr unterschiedlichen Drucke, die von 1973 bis 1998 entstanden, sind in Satz, Illustration, Papierauswahl und Einbandentwurf ganz aus Quadfliegs Hand und gelten als Meilensteine künstlerischen Buchschaffens, dotiert mit 12.000 Euro. Von geradezu barocker Ausstattung ist Dalís radierte und lithographierte Interpretation von Freuds „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“; das Exemplar der raren Ausgabe A, gedruckt auf hellem Schafleder, ist auf 16.000 Euro geschätzt.

          Die Buchauktion bei Ketterer am 22. und 23. November wirbt mit einem Rarissimum, das nie zuvor auf einer Auktion angeboten wurde und nur noch in einem einzigen weiteren Exemplar - in der Bodleian Library in Oxford - bekannt ist: Hugo Grotius' „De iure belli ac pacis libri tres“, der erste Druck der ersten Ausgabe, die als Begründung des modernen Völkerrechts gilt. Dieser erste Druck wurde offenbar in aller Eile für die Frankfurter Buchmesse zu Ostern 1625 hergestellt, wegen des Umfangs an mehreren Pressen gleichzeitig, wegen des Zeitdrucks ohne Korrekturen und Index: Dem Inhalt des Meisterwerks schadete das nicht (50.000).

          Ebenfalls 50.000 Euro gelten einer Schedelschen „Weltchronik“, mit zwei altkolorierten Holzschnittkarten und mehr als 1800 altkolorierten Textholzschnitten. Es ist eines der seltenen Exemplare der deutschen Ausgabe im Koberger-Kolorit, gedruckt in Nürnberg 1439, im zeitgenössischen Schweinsledereinband über Holzdeckeln und mit acht Messing-Buchbeschlägen.

          Von der Entwicklung der französischen Verwaltungsbezirke

          Noch einmal 50.000 Euro gelten der „Historia Naturalis“ von Plinius Secundus dem Älteren, in der ersten italienischen Ausgabe von 1476, hergestellt vom venezianischen Drucker Nicholas Jenson und mit 37 goldgehöhten Flechtband-Initialen verziert. Das gesamte Wissen der antiken Welt ist dort festgehalten: Anthropologie, Astronomie, Mathematik, Medizin und Zoologie. Von größtem Reiz sind die weit mehr als 400 kolorierten Kupfertafeln mit Muscheln, Schnecken und allerlei Röhrenbewohnern in Martinis „Neuem systematischen Conchylien-Cabinet“, Nürnberg 1769 bis 1829, in der vollständigen und bestens erhaltenen zwölfbändigen Ausgabe (24.000).

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