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Giacometti : Überraschende Rendite

Der phänomenalen Erfolg von Alberto Giaccomettis „L'homme qui marche I“ überrascht auch die Verantwortlichen bei der Dresdner Bank. Die Hintergründe zu einem Kunstkauf, der sich spätestens jetzt für die Bank richtig gelohnt hat.

          Frankfurt reibt sich die Augen. Aber „Der Schreitende“ hat sich auf und davon gemacht. Bis vor kurzem noch trat er im einstigen Vorstandsgebäude der Dresdner Bank an der Gallusanlage auf der Stelle. Eine größere Öffentlichkeit fand er in der Stadt erst im Augenblick seines Verschwindens. Und wegen des Ruhms, das teuerste Kunstwerk zu sein, das je versteigert wurde. Zuletzt hatte Alberto Giacomettis „L'homme qui marche I (Schreitender Mann I)“ für 750.000 Dollar den Besitzer gewechselt; das war im Jahr 1980. Jetzt wurde der Bronzeguss, wie berichtet, in nur acht Minuten bei einer Londoner Auktion für rund 65 Millionen Pfund (das Aufgeld inklusive) an einen anonymen Bieter verkauft. Das entspricht umgerechnet ungefähr 75 Millionen Euro.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine überraschende Rendite. Dabei hatten, wie das frühere Vorstandsmitglied der Dresdner Bank Manfred Meier-Preschany auf Anfrage versichert, die kunstsinnigen Bankiers, die den dünnen Mann in Bewegung einst für die Sammlung ihres Hauses erwarben, an eine Wertsteigerung gar nicht gedacht; die weniger kunstsinnigen auch nicht, in einem anderen Sinn allerdings: Sie hielten es für unmöglich, dass dieser Giacometti jemals zu einem höheren Preis verkauft werden könnte als zu dem - ihnen horrend erscheinenden - Betrag, den er das Unternehmen kostete. So kolportieren es jedenfalls einige an der Aktion Beteiligte.

          Giacomettis Schreitender kommt in den „Silver Tower“

          Besonders günstig war der Preis für das immerhin in sechs Exemplaren vorhandene Bildhauerwerk schon 1980 nicht. Er war aber auch nicht völlig überteuert. Da hatte sich Bankmanager Meier-Preschany schon kundig gemacht. Vom Baseler Galeristen Ernst Beyeler, in dessen Kunsthandlung er 1950 als Werkstudent gearbeitet hatte, erfuhr er erstmals von der Bedeutung Giacomettis. Knapp dreißig Jahre später wandte er sich, nun als Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, an den Kunsthändler. Die Summe aber, die Beyeler ihm als angemessen für eine große Skulptur des 1966 gestorbenen Künstlers nannte, schien ihm irreal. Er recherchierte weiter. Viel billiger wurde es nicht. Schließlich wurde der Frankfurter Kunsthändler Ewald Rathke in New York bei der Galerie von Sidney Janis fündig.

          Rathke flog nach Amerika, schaute sich das Werk an, danach stieg auch Meier-Preschany ins Flugzeug. Er weiß das Datum noch genau: „Am 11. Januar 1980 war der Deal perfekt.“ Für umgerechnet etwa 1,4 Millionen Mark kam Giacomettis Schreitender nach Frankfurt, in den 1978 fertiggestellten „Silver Tower“ am Jürgen-Ponto-Platz, mit seinen 31 Geschossen damals das höchste Gebäude Deutschlands. Der Weg der Dresdner Bank aus Sachsen in die große weite Welt, so erinnert sich Rathke, sollte im 30. Stock, wo der Vorstand residierte, nachvollzogen werden. Mit erlesenen Kunstwerken, von Meissener Porzellan über Arbeiten der Dresdner Brücke-Künstler und des Bauhauses bis hin zu einem Max-Beckmann-Gemälde und internationaler Plastik von Bildhauern wie Calder, Moore, Ernst.

          Verteilung nach Listen

          Das Finanzinstitut gehörte zu jenen Banken, die sich seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt um die Künste kümmerten; im Vorstand gab es eine Arbeitsteilung in Sachen Kultur: Jürgen Ponto war der Musik zugetan, Meier-Preschany der bildenden Kunst. Nach der Ermordung Pontos 1977 bekräftigte die Bank ihr kulturelles Engagement, indem sie eine nach dem ehemaligen Vorstandssprecher benannte Stiftung gründete. Das Finanzinstitut baute mit Hilfe einiger Berater eine Kunstsammlung auf. Ihr Profil sollte sie als Kollektion von Skulpturen gewinnen. Zunächst konzentrierte man sich auf die Klassische Moderne, später gerieten zeitgenössische Arbeiten in den Blick. Das bekannteste Beispiel dafür ist die „Tischgesellschaft“ von Katharina Fritsch, die zu einem Symbol für das 1991 eröffnete Frankfurter Museum für Moderne Kunst wurde.

          Mit der Übernahme der Dresdner Bank fiel der Commerzbank auch deren Kunstsammlung zu. Ihre Entscheidung, den Giacometti zur Auktion zu geben, begründete die Commerzbank mit der Absicht, den Erlös für die Stiftungen des Hauses im kulturellen Bereich einzusetzen. Zudem hatte das Geldinstitut angekündigt, wichtige der überkommenen Kunstschätze unter den Museen aufzuteilen, mit denen es seit längerem verbunden sei. Entsprechende Listen sind schon aufgestellt worden. Außer dem Frankfurter Städel und dem Museum für Moderne Kunst werden auch Häuser in Dresden und Berlin bedacht.

          Wer den Schreitenden sehen will, muss nach Pittsburgh reisen, wo einer der sechs Kunst-Klone steht, oder ins französische Saint-Paul-de-Vence. Einzig ist das Ambiente im Louisiana-Museum in Humlebæk nahe Kopenhagen: Hier schreitet Giacomettis existentialistischer Mann durch einen einzigartigen Raum aus Natur und Architektur. Aber er ist eben nicht der, der dreißig Jahre lang in Frankfurt war.

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