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Gegenwartskunst : Sanfte Landung

  • -Aktualisiert am

Reduziertes Angebot, niedrige Taxen - so haben sich die Londoner Auktionen mit Gegenwartskunst noch einmal gerettet: Hier die Ergebnisse.

          3 Min.

          Die Auktionshäuser haben für ihre Versteigerungen mit Gegenwartskunst Gespür bewiesen: Sie können dank eines genau durchdachten Angebots und angepasster Schätzungen hohe Verkaufsraten vorweisen. Viele Kunstwerke gingen in den Handel. Das schafft Vertrauen. Auch wenn nur selten ein aufregendes Meisterwerk aufgerufen, kaum ein Rekord mit Applaus gefeiert wurde. Doch trotz Preisrückgängen der jüngeren Kunst feierten die „classic young artists“, wie Peter Doig, Erfolge. Künstler wie Alighiero Boetti und Dubuffet trotzen dem Trend und erfreuen mit beständig steigenden Preisen.

          Sotheby's stach mit marktfrischen Kunstwerken hervor: Kaum eine Handvoll der Lose war nach Angaben des Katalogs jemals zuvor auf einer Auktion vermittelt worden. Drei Warhol-Bilder aus der Stuttgarter Sammlung Froehlich waren begehrt, konnten jedoch ihre untere Taxe nicht übertreffen: „Mrs. McCarthy and Mrs. Brown (Tunafish Disaster)“ wurde am Telefon für 3,3 Millionen Pfund (Taxe 3,5/4,5 Millionen) vermittelt, „Hammer and Sickle“ erzielte 1,75 Millionen Pfund (2/3 Millionen), und für „Diamond Dust Shoes“ setzte Larry Gagosian 530.000 Pfund (600.000/800.000) ein.

          Im Schnitt 690.000 Pfund je Los

          Calders frühe Arbeit „A cinq morceaux de bois“ von 1934 wurde für 2,3 Millionen Pfund (1,2/1,8 Millionen) dem Londoner Händler Simon Theobald zugeschlagen; das Mobile war zuletzt 1987 von Sotheby's in New York für 198.000 Dollar (mit Aufgeld) versteigert worden. Ein ungenannter, „auf Doig spezialisierter“ Sammler bewilligte für dessen Schneelandschaft „Almost Grown“ 1,8 Millionen Pfund (1,4/1,8 Millionen). Der Umsatz von Sotheby's kletterte mit 25,5 Millionen Pfund über die untere Gesamtschätzung von gut 19,7 Millionen Pfund, worunter sechs Lose jeweils mehr als eine Million Pfund einspielten.

          Stolze 92,5 Prozent, das heißt 37 der vierzig angebotenen Lose, wurden unter 380 registrierten Interessenten verteilt. Der Durchschnittspreis pro Los (inklusive Aufgeld) lag mit knapp 690.000 Pfund jedoch weit unterhalb des Niveaus vom Juni 2008: Damals wurde ein Gesamtumsatz von mehr als 94 Millionen Pfund erreicht. Die Käufer kamen bei Sotheby's zu 57 Prozent aus Europa, zu 24 Prozent aus Amerika und zu neunzehn Prozent aus Asien.

          Umsatz im Rahmen der Erwartung

          Höhepunkt des Abends bei Christie's war Doigs „Night Playground“. Es erzielte mit 2,65 Millionen Pfund (1,5/2 Millionen) den zweithöchsten Zuschlag für ein Werk des Künstlers bisher, nur übertroffen von den 5,1 Millionen Pfund, die der Ukrainer Victor Pinchuk im Februar 2007 bei Sotheby's für Doigs „White Canoe“ einsetzte. Zwar vermisste Christie's die Publikumsströme der vergangenen Jahre, aber trotzdem fanden 88 Prozent der vierzig angebotenen Lose neue Besitzer, drei davon für mehr als eine Million Pfund. Der Gesamtumsatz von neunzehn Millionen Pfund blieb innerhalb der Erwartung von 17,4 bis 24 Millionen.

          Von Richard Prince hatte eine Krankenschwester aus dem Besitz des Juweliers Graff Erfolg: Er saß in der ersten Reihe und sah mit an, wie seine „Country Nurse“ für die untere Taxe von 1,5 Millionen Pfund verkauft wurde. Gerhard Richters „1025 Farben“ sicherte Amy Cappellazzo von Christie's für 1,2 Millionen Pfund (1,3/2 Millionen) für eine amerikanische Privatsammlung. Fontanas Lehmkugel „Concetto Spaziale, Natura“ blieb unverkauft (1,3/1,9 Millionen). Einen Rekord kann Christie's für Boetti vorweisen: Daniella Luxembourg war bereit, für „Rosso Gilera 60 1232 Rosso Guzzi 60 1305“ stolze 600.000 Pfund (280.000/350.000) zu bewilligen. Der als eines der vier Spitzenlose gelistete Basquiat wurde kurzfristig aus der Auktion zurückgezogen, da ein hohes privates Kaufangebot gemacht worden sei.

          Frank Auerbachs „Tree in Mornington Crescent“

          Christie's konnte mehrere Lose, die in den vergangenen zwei Jahren als zu hoch bewertet abgelehnt wurden, jetzt vermitteln: Das kleine Selbstporträt von Warhol war im Februar 2008 bei Christie's mit einer Schätzung von 1,4 bis zwei Millionen Pfund zurückgegangen; nun erzielte es 580.000 Pfund (500.000/800.000). So erging es auch einer Wachs-Katze von Bruce Naumann, auf der Christie's im Juni 2008 mit der Taxe von 200.000 bis 300.000 Pfund sitzengeblieben war; nun bot ein Käufer 145.000 Pfund (100.000/150.000) dafür. Frank Auerbachs „Tree in Mornington Crescent“ war im Juni 2007 mit einer Erwartung von einer bis 1,5 Millionen Pfund liegengeblieben; nun bewilligte der Londoner Händler Ivor Braka 750.000 Pfund für das Gemälde, an dem auch Gilbert Lloyd von Marlborough Fine Art Interesse zeigte (500.000/700.000).

          Auktionator Simon de Pury legte sich bei Phillips de Pury ins Zeug: Kein Bietschritt war zu klein, kein Telefoninteressent zu zögerlich. „Fiona, go on! Say 52.000!“, trieb er seine Spezialistin an. Der Verkauf von Jack Goldsteins Leinwand „Untitled“ aus dem Jahr 1988 dauerte eine Viertelstunde; an deren Ende setzte sich ein Telefonbieter mit 100.000 Pfund (20.000/30.000) durch. Glücklos blieb das Spitzenlos: Richard Princes Foto von Brooke Shields im Bikini neben einem Motorrad, „Spiritual America IV“ (400.000/600.000), das sich auf ein umstrittenes Foto der zehnjährigen Schauspielerin von Gary Gross bezieht, ging zurück. Ruschas Leinwand „That Was Then This Is Now“ kletterte auf die untere Taxe von 600000 Pfund (600.000/ 800.000).

          Ihre oberen Schätzungen übertrafen Mark Grotjahn, Wim Delvoye, Roni Horn und Michael Raedecker. Die Verkaufsrate von 76,5 Prozent ist für Phillips de Pury beachtlich, allerdings hat das Auktionshaus am stärksten reduziert. Bei dreißig verkauften Losen von 39 waren die Reserven oft um einiges niedriger als die Taxen, trotzdem wurde die Gesamtschätzung von 5,3 bis 7,6 Millionen Pfund mit einem Umsatz von 5,1 Millionen Pfund nur knapp verfehlt. Ermutigend für das Auktionshaus, an dem die russische Mercury-Group Besitzanteile hat, ist auch das Ergebnis der Tagesauktion, in der 107 von 127 Losen, sämtlich unter 100.000 Pfund, verkauft wurden.

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