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Gegenwartskunst in London : Diamantenstaub an den Schuhen

  • -Aktualisiert am

Die Rückkehr der Garantien: Aus den Tiefen der Sammlungen konnten die Auktionshäuser in London marktfrische Werke von Zeitgenossen akquirieren. Doch das Angebot hält dem Vergleich mit dem Vorjahr nicht stand - die Vorschau.

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          Für die anstehenden Auktionen mit zeitgenössischer Kunst in London setzt man mit Richter, Prince, Calder und Doig auf die bewährten Pferde - und auf Marktfrische. Seit den frühen neunziger Jahren oder deutlich länger in selbem Besitz gewesene Werke wurden eingeliefert: So werden die meisten Vorbesitzer kaum über Verluste zu klagen haben, einige mussten allerdings wohl mit Garantien zum Verkauf bewegt werden.

          Man hat weiter abgespeckt; der Durchschnittspreis der Lose in den prestigeträchtigen Abendauktionen ist deutlich niedriger als 2008. Und war damals bei Christie's kein Los des Abends auf weniger als 400.000 Pfund geschätzt, so ist jetzt das günstigste Werk - ein Gemälde von Jules de Balincourt, „Internal Renovations“ von 2006 - auf gerade mal 30.000 bis 40.000 Pfund taxiert. Mehr als die Hälfte der Lose rangiert zwischen 100.000 und 400.000 Pfund.

          Warhols aus der Sammlung Froehlich

          Den Spitzenplatz des Abends bei Sotheby's am 25. Juni (der Termin wurde kurzfristig vorverlegt, auf denselben Tag wie die Hauptauktion mit Impressionismus und Moderne) belegt Warhol mit einem Werk aus seiner „Death and Disaster“-Serie: „Mrs. McCarthy and Mrs. Brown (Tunafish Disaster)“ hing von 2002 bis 2006 als Leihgabe im ZKM Museum für Neue Kunst in Karlsruhe und kommt mit einer Erwartung von 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund zum Aufruf. Der Sammler Josef Froehlich ersteigerte den gut einen mal zwei Meter großen Siebdruck in Silber 1995 bei Sotheby's in London für 290.000 Pfund.

          Die Stuttgarter Stiftung Froehlich trennt sich außerdem von zwei weiteren Warhols: „Hammer and Sickle“ (Taxe 2/3 Millionen Pfund), das von 2005 bis 2006 als Leihgabe in der Staatsgalerie Stuttgart war, und „Diamond Dust Shoes“ (600.000/800.000), zuvor ebenfalls in Karlsruhe. Sotheby's hat den Einlieferern von dreizehn Losen einen garantierten Preis zugesagt, unabhängig vom Ausgang der Auktion also; das ist mehr als ein Viertel der Abendauktion: darunter Gerhard Richters attraktives „Geweih“ von 1967 (500.000/700.000) sowie ein Schmetterlingsbild von Hirst (500.000/800.000), das sein Vorbesitzer im Boomjahr 2007 bei Gagosian in New York kaufte. Auch Peter Doigs waldige Schneelandschaft „Almost Grown“ von 2000 ist mit einer Garantie versehen und soll als drittteuerstes Los 1,4 bis 1,8 Millionen Pfund einspielen.

          Zwei Mobiles von Calder

          Sotheby's bietet ferner zwei plastische Arbeiten von Alexander Calder an: Das frühe, stehende Mobile „A cinq morceaux de bois“ von 1934 und „Untitled“ von 1956. Beide wurden zuletzt vor mehr als sechzehn Jahren angeboten und sind jetzt mit der stolzen Erwartung von 1,2 bis 1,8 Millionen verbunden. Das Auktionshaus setzt mit diesem Programm auf Bewährtes der europäischen und amerikanischen Kunstgeschichte. Zhang Xiaogang ist mit dem Gemälde „Comrades“ (300.000/400.000) vertreten, Ai Wei Wei mit einer Holzskulptur ohne Titel (80.000/120.000).

          Das günstigste Los des Abends stammt von Raqib Shaw: Die glitzernde Abbildung einer Iris mit Eisvogel „After Hokusai“ soll 40.000 bis 60.000 Pfund bringen. In der Sotheby's-Auktion versammeln sich 40 Lose für mehr als neunzehn Millionen Pfund. Zum Vergleich: Im Juni 2008 wurden dort für 67 Lose der Abendauktion 67 Millionen Pfund erwartet.

          „Spiritual America IV“ von Richard Prince

          Phillips de Pury & Company, das in den vergangenen Monaten kaum Glück mit seinen Spitzenlosen hatte, hofft am 29. Juni mit Richard Prince auf mehr Erfolg. Mit „Spiritual America IV“ (Taxe 400.000/ 600.000 Pfund) aus dem Jahr 2005 bezieht er sich auf eine seiner frühen Arbeiten von 1983: Im Jahr 1975 hatte er die zehnjährige Schauspielerin Brooke Shields abgelichtet - im Auftrag ihrer Mutter. Princes Appropriation löste einen Rechtsstreit aus, der Fragen der Autorschaft und Authentizität behandelte und Princes späteres Werk tief beeinflusste.

          Für „Spiritual America IV“ arbeitete der Künstler nun mit Brooke Shields selbst zusammen, die ihre eigene kindliche Pose (diesmal im Bikini) nachstellt. Die Offerte bei Phillips de Pury enthält außerdem Qualitätvolles zwischen 200.000 und 800.000 Pfund von Thomas Schütte, Ruscha, Rauschenberg und Merz. Auch bei Phillips de Pury wird eine im Vergleich zu 2008 reduzierte Anzahl von vierzig Losen mit einer Gesamttaxe von 5,4 bis 7,8 Millionen Pfund angeboten. Doch schon im vergangenen Sommer bröckelte es, als nur sechzig von 91 Losen der Abendauktion einen neuen Liebhaber fanden.

          Vier Werke auf der Spitzenposition

          Auf 41 Lose ist das Angebot bei Christie's am 30. Juni zurechtgestutzt, die jedoch mehr als zwanzig Millionen Pfund einspielen sollen. Acht Lose überschreiten die obere Schätzung von einer Million Pfund. Im vergangenen Juni konnte man zuversichtlich für 59 gelistete Lose mehr als achtzig Millionen Pfund erwarten. Den Titel des Spitzenloses teilen sich vier Künstler: Doig, Basquiat, Prince und Gerhard Richter (2 Millionen).

          Von Richter wird das Gemälde „1025 Farben“, an dem Richter von 1966 bis 1974 arbeitete, zum Aufruf kommen. Es befand sich seit 1974 in einer europäischen Sammlung und soll 1,3 bis zwei Millionen Pfund einspielen. Doigs „Night Playground“, gemalt 1997/ 98 und seit 1998 nicht mehr öffentlich zu sehen, ist auf 1,5 bis zwei Millionen Pfund geschätzt. Dicht darauf folgt eine marktfrische Terrakotta-Plastik von Lucio Fontana - „Concetto Spaziale, Natura“ (1,3/1,9 Millionen) - eine Lehmkugel, die zuerst 1960 im Palazzo Grassi in Venedig ausgestellt wurde.

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