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Gegenwartskunst : Bestens bestückt mit den üblichen Verdächtigen

  • -Aktualisiert am

Keine Atempause lautet das Signal aus London: Bei den Auktionen mit Gegenwartskunst werden wieder Höchstpreise erwartet, natürlich für die Altbekannten, Bacon, Freud und Koons.

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          Seitdem London es sich gönnt, dreimal im Jahr Zeitgenossen-Auktionen abzuhalten, könnte man glauben, nach dem Kaufrausch der vergangenen zwei Jahre würden Spitzenwerke der teuersten Künstler knapp und die Rekorde für die üblichen Verdächtigen, welche die Umsätze nach oben trieben - Bacon, Richter, Hirst, Koons und Freud -, seien im Licht düsterer Wirtschaftsaussichten erst einmal konsolidiert. Falsch: Die anstehenden Auktionen mit Gegenwartskunst bei Christie's, Sotheby's und Phillips de Pury peilen ungebrochen neue Höchstpreise an.

          Zum Beispiel erwartet man bei Christie's für Jeff Koons' "Balloon Flower (Magenta)" mehr als zwölf Millionen Pfund. Erst im November 2007 zahlte der in London lebende Ukrainer Victor Pinchuk für Koons' riesiges "Hanging Heart (Magenta/Gold)" 21 Millionen Dollar. London lässt den eifrigsten Sammlern kaum Zeit, die Rechnungen für jüngste Einkäufe in New York oder Basel zu begleichen. Man hofft eben, dass Neueinsteiger mit einem Hang zu Rekordpreisen - wie der Russe Abramowitsch, Pinchuk oder der Emir von Qatar - weiter power-shoppen gehen.

          Bescheidene Erwartungen

          Vergleicht man jedoch die angepeilten Umsätze, so scheinen die Erwartungen bei Christie's und Sotheby's in London im Vergleich zu den New Yorker Mai-Resultaten von 362 und 348 Millionen Dollar bescheiden: Sotheby's setzt für die Abendauktion mit 75 Losen auf 67 Millionen Pfund, Christie's mit 59 Losen, von denen übrigens fast die Hälfte aus Amerika kommt, auf mehr als achtzig Millionen Pfund; Phillips de Pury strebt einen Gesamtumsatz seiner Auktionen zwischen 41 und 58 Millionen Pfund an.

          Das Spitzenlos bei Phillips de Pury am 29. Juni ist ein Chinese: Zeng Fanzhi malte "Chairman Mao II" in den frühen neunziger Jahren; er soll zwei bis drei Millionen Pfund erzielen. Der erste Eindruck trügt aber; denn bei den Chinesen haben alle drei Häuser deutlich abgespeckt: Es ist schwieriger geworden, Hauptwerke aus den Neunzigern für Auktionen zu bekommen. Zweitteuerstes Werk soll bei Phillips de Pury Warhols "Nine Multicolored Marilyns" aus der "Reversal Series" werden (Taxe 2,2/2,8 Millionen Pfund).

          Eine Rockmusikerin von Franz Gertsch

          Konkurrenz bekommt Marilyn von "Patti Smith IV", entstanden 1979: Das riesige Acrylbild des Schweizer Fotorealisten Franz Gertsch soll 1,5 bis zwei Millionen Pfund erzielen - ebenso viel wie Paul McCarthys voyeuristisch-verstörende Installation "Bunk House" von 1996. Für ein Schlüsselwerk aus Hirsts Schmetterlingsserie, "The Importance of Elsewhere - The Kingdom of Heaven" im Kirchenfensterformat, stellt sich Einlieferer Larry Gagosian 1,5 bis 2,5 Millionen Pfund vor. Und aus der amerikanischen Sammlung Ames kommt "Das Motiv: Abendstimmung" von Georg Baselitz (200.000/ 300.000).

          Mehr als vierzig Millionen Pfund sollen am 30. Juni bei Christie's allein die vier Spitzenlose einspielen; gar nichts ist unter 400.000 Pfund zu haben, vierzehn Werke sind mit Garantiesummen versehen. Auf Koons' obenerwähnte Ballon-Blume aus der Rachofsky-Kollektion in der pole position folgen "Three Studies for Self-Portrait" von Bacon, seit 1976 in einer französischen Privatsammlung und auf Anfrage mit einer Erwartung im Bereich von zwölf Millionen Pfund. Lucian Freuds "Naked Portrait with Reflection", das 1998 noch 2,8 Millionen Pfund erforderte, soll nun zehn bis fünfzehn Millionen einspielen.

          Ein geweitetes Spektrum

          Im März konnte Sotheby's mit einem Hammerpreis von 9,2 Millionen Pfund für ein goldenes Oval Fontanas einen Rekord aufstellen - jetzt zieht Christie's mit einem löchrigen Ei in Rosa nach: "(Concetto Spaziale) La fine di Dio" steht für mehr als acht Millionen. Tom Wesselmanns "Great American Nude #44" (2,5/3 Millionen) erfordert reichlich Wandfläche im Vergleich zu seinem "Mouth #2" (800.000/1,2 Millionen). Nicht nur die Käufer, auch das Angebot globalisiert sich: Der Inder Subodh Gupta, den alle drei Häuser anbieten, ist bei Christie's gleich dreimal vertreten.

          Auch bei Sotheby's am 1. Juli ist die Spannweite des Angebots eindrucksvoll: 52 verschiedene Künstler sind gelistet. Erstmals ist der Iraner Farhad Moshiri in einer Abendauktion dabei. Mit drei oder vier Arbeiten vertreten sind nur Warhol, Richard Prince, Yves Klein, Fontana und Murakami; Letzterer hat durch rezente Ausstellungen in Los Angeles und Brooklyn Aufwind bekommen. Bei Sotheby's prägt, wie schon in New York, die Sammlung Lauffs aus Krefeld den Gesamteindruck: Alle zwölf in der Abendauktion plazierten Lauffs-Werke sind mit einer Garantiesumme versehen (insgesamt wurden 27 Lose garantiert).

          Zeitgenossen aus Amerika

          Yves Kleins rot-saftiges Schwammbild "RE 3" aus der Sammlung Lauffs ist auf 1,5 bis drei Millionen Pfund geschätzt, ein rotes "Concetto Spaziale, Attese" von Fontana auf 800.000 bis 1,2 Millionen. Die Amerikaner sind prominenter vertreten als bei den vorangegangenen Auktionen: An eine weitere der Krankenschwestern von Richard Prince (4/6 Millionen) reihen sich das "Bedroom Painting #1" von Wesselmann (1,8/2,5 Millionen) und eine unbetitelte zehnteilige Eisen- und Plexiglas-Kästen-Arbeit Donald Judds (1,5/2 Millionen). Seltener finden Arbeiten wie Martial Raysses "Snack" (600.000/800.000) und Armans Meisterstück "Massacre des Innocents I" (100.000/150.000) ihren Weg in Auktionen.

          Groß angekündigt ist eine der ersten farbigen Leinwände der britischen Op-Art-Künstlerin Bridget Riley aus der deutschen Sammlung Hoh: "Chant 2" (2/3 Millionen) war eines von drei Gemälden, die bei der Biennale in Venedig 1969 gezeigt wurden. Liebhaber von Marlene Dumas sollten sich ihr Großformat "The Visitor" von 1995 (800.000/ 1,2 Millionen) von 1995 nicht entgehen lassen. Den höchsten Einsatz erwartet Sotheby's aber wieder einmal für Francis Bacon. Gleich zwei seiner Werke führen die Auktion an: "Figure Turning" ist mit einem Preisschild von zehn bis fünfzehn Millionen deutlich größer als die nur 35,8 mal 30,4 Zentimeter messende "Study for Head of George Dyer", die acht Millionen fordert.

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