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Gegenwartskunst : Aufmarsch der Klassiker

  • -Aktualisiert am

Sie sehen richtig gut aus - die Herbstauktionen mit Zeitgenossen. Es wird interessant in New York: Die Vorschau.

          3 Min.

          Bei den New Yorker Abendauktionen mit Gegenwartskunst hat Christie's 47 Lose für geschätzte 67 bis 94 Millionen Dollar im Programm, Sotheby's 55 Lose für 69 bis 94 Millionen und Phillips 42 Lose zur mittleren Gesamttaxe von knapp sieben Millionen. Den Auftakt macht Christie's am 10. November mit einem schon beinahe klassischen Angebot: Die großen Amerikaner von den Fünfzigern bis zu den Achtzigern stellen das Gros der Werke - Calder, de Kooning, Rothko, Kline, Mitchell, Lichtenstein, Basquiat, Warhol, Judd und Koons. Zu abstraktem Expressionismus, Pop-Art und Minimalismus gesellen sich einige internationale Persönlichkeiten wie Japans Grande Dame Yayoi Kusama, der Engländer Peter Doig, der Belgier Tuymans oder der australische Designer Marc Newson. Sein Aluminiumschrank mit Schubladen, aus einer asiatischen Sammlung, ist das letzte Los des Abends (Taxe 500.000/ 700.000 Dollar).

          Die ersten sechs Lose stammen aus der Sammlung des im Juli gestorbenen Tänzers und Choreographen Merce Cunningham und seines langjährigen Arbeits- und Lebenspartners, des Komponisten John Cage. Die beiden pflegten intensive Freundschaften mit Robert Rauschenberg und Jasper Johns, zeitweise auch mit Philip Guston, und so kommen nun einige Werke unter den Hammer, die ihre persönlichen Beziehungen beleuchten, zum Beispiel das Cunningham von Johns gewidmete Ölbild „Dancers on a Plane“ von 1980/81 (1,5/2 Millionen).

          Inspiriert von den abgefetzten New Yorker Straßen

          Eine Arbeit auf Papier Rauschenbergs von 1961 ist John Cage gewidmet und spielt mit Uhrenmotiven auf die Unpünktlichkeit an, die Cage selbst ein Greuel war (100.000/150.000). Der Zeitungszar und Sammler Peter Brant und seine Frau, das Fotomodell Stephanie Seymour, waren einst regelmäßig Gäste bei den Zeitgenossen-Auktionen, doch nun lassen sie sich scheiden. Seymours Forderung von monatlichen Zahlungen in Höhe von 270.000 Dollar könnte mit ein Grund dafür sein, dass Brant sich von zwei besonders schönen Stücken trennt: einem „Tunafish Disaster“ Warhols und Basquiats „Brother Sausage“, einem fast fünf Meter breiten Polyptychon von 1983, als Basquiat mit 23 Jahren auf dem Höhepunkt seines Schaffens war.

          Das Bild, inspiriert von den abgefetzten New Yorker Straßen jener wilden Zeit, ist mit einer Taxe von neun bis zwölf Millionen Dollar das Spitzenlos des Abends. Beim ungenannten Einlieferer dreier Objekte von Jeff Koons soll es sich angeblich um den Verleger Benedikt Taschen handeln: ein üppiger Blumenstrauß aus bemaltem Holz, der auch schon einmal Wolfgang Joop gehörte, eine Vitrine mit einem Hoover-Staubsauger und der barock gerahmte Spiegel „Wishing Well“ sollen zusammen mindestens sieben Millionen Dollar einspielen.

          Zwei Spätwerke Willem de Koonings

          Bei Sotheby's beginnt der Abend am 11. November mit zwanzig Losen aus der Sammlung von Mary Schiller Myers und Louis S. Myers aus Ohio. Ihr Geschmack umfasst Figürliches von Alex Katz und Wayne Thiebaud ebenso wie Abstraktes von Lee Krasner oder Adolph Gottlieb. Die meisten Werke sind schon kurz nach ihrer Entstehung in die Sammlung gelangt, etwa das Doppelporträt eines androgynen Pärchens von Alice Neel (400.000/500.000), der groteske „Head of Julia“ von Frank Auerbach (350.000/ 450.000) oder eine unbetitelte Kupferplastik Donald Judds (800.000/1,2 Millionen).

          Hohe Erwartungen erwecken zwei Spätwerke de Koonings, ganz reduziert auf seine großen Gesten, das Gemälde „Untitled XV“ von 1977 (5/7 Millionen) und die Bronze „Large Torso“ (4/6 Millionen), die in einer Auflage von sieben (plus 2) existiert, eine davon im Museum Frieder Burda in Baden-Baden.

          Erst vor einem halben Jahr gab es einen Rekordpreis für David Hockney, als sein Porträt der Sammlerin Betty Freeman bei Christie's einen Hammerpreis von sieben Millionen Dollar erzielte. Sotheby's hat jetzt Hockneys „California Art Collector“ von 1964 aus der Versenkung geholt (5/7 Millionen). Die skulptural wirkende Hausdame reiht sich in den Reigen ihrer Statussymbole ein; dazu gehören Architektur, Kunst und Pool. Dabei soll es sich sogar um den ersten Pool handeln, den Hockney überhaupt in Los Angeles malte.

          „Ilona on Top“ trifft auf „Old Couple“

          Ungefähr zur gleichen Zeit begegneten sich an der amerikanischen Ostküste Stockhausen und Rauschenberg. Sie befreundeten sich, der deutsche Komponist schrieb ein Stück für den amerikanischen Künstler, und der bedankte sich mit einer Arbeit auf Papier, in Gouache, Bleistift, Tusche, Aquarell und Collage. Eingeliefert von der Stockhausen-Stiftung für Musik in Kürten, liegt die Erwartung dafür bei 400.000 bis 600.000 Dollar.

          Jeff Koons' Sex-Phantasie „Ilona on Top (Rosa Background)“ von 1990 hat 1997 bei Sotheby's brutto 156.500 Dollar gekostet: Jetzt ist die fotografische Reproduktion der zwei himmlischen Liebenden (Unikat plus ein Artist's Proof) auf zwei bis drei Millionen Dollar geschätzt. Ganz passend trägt das nächste Los von John Currin den Titel „Old Couple“; es stellt 1993 in altmeisterlicher Manier ein leichtbekleidetes weißhaariges Paar dar (800.000/1,2 Millionen).

          Am 12. November dann kommen 41 Lose meist jüngeren Datums bei Phillips de Pury unter den Hammer. Dash Snow, Olafur Eliasson, Tracey Emin, Anselm Reyle und Katja Strunz sind vertreten, aber auch Schwergewichte des 20. Jahrhunderts, allen voran Warhol, dessen „Brillo Box“ mit 700.000 bis 900.000 Dollar das Spitzenlos des Katalogs ist. Es folgen Richard Prince mit einer Fotografien-serie „Untitled (four women with their backs to the camera)“ von 1980 (400.000/ 600.000; Auflage 10) und Ed Ruscha mit „Mean As Hell“ von 2002 (400.000/ 600.000). Eine Neonarbeit des englischen Duos Tim Noble & Sue Webster von 2004 trägt den Titel „Puny Undernourished Kid & Girlfriend From Hell“ (200.000/ 300.000).

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