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Fotokunst für Spanien : Der Tanz der frühen Jahre

  • -Aktualisiert am

Bei einer Auktion in Barcelona zeigte der spanische Staat eine ausgeprägte Vorliebe für historische Aufnahmen. Ob die Neuerwerbungen bald ausgestellt werden ist noch nicht klar. Wofür er sich entschieden hat, steht hingegen fest.

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          Man weiß nicht, wer tanzt, und man kennt den Fotografen nicht. Dennoch handelt es sich um eine Aufnahme mit speziellem Wert. Der spanische Staat sicherte sich die um 1845 datierte kolorierte Daguerreotypie und war bereit, 60000 Euro dafür zu zahlen. Insgesamt erwarb das Kulturministerium im Auktionshaus Soler y Llach in Barcelona 60 historische Aufnahmen und Alben, für 135.000 Euro.

          Die verschiedenen privaten Einlieferer und das Haus müssen sich allerdings geduldig zeigen, denn der Staat hat zwei Jahre Zeit, um seine Rechnung zu begleichen. Das Vorkaufsrecht des spanischen Staates soll das nationale Kulturgut beisammenhalten und erweitern. Der Zuschlag, den ein Interessent erhält, wird vom Kulturministerium übernommen. Im Falle der Fotografien gingen sie alle zur unteren Schätzung an die Allgemeinheit.

          Das Besondere an der frühen Daguerreotypie „Porträt einer Tänzerin der Bolero-Schule“ ist die eingefangene Bewegung. Während das Modell im Studio normalerweise zur starren Pose aufgefordert wurde, denn die Belichtungszeiten waren lang, gelang es hier einem offensichtlich erfahrenen Fachmann, die Tänzerin mit Kastagnetten in den Händen am Ende einer schwungvollen Drehung abzulichten.

          Die Bolero-Schule ist eine dem Flamenco verwandte Sparte des spanischen Tanzes. Da eine 20 mal 14 Zentimeter große Einzelaufnahme auf ganzer Platte kostspielig war, liegt der Schluss nahe, dass es sich um eine gefeierte Künstlerin handelt, nicht um ein Modell und eine bloße Vorlage, nach der anschließend Maler arbeiteten. Manet etwa malte Anfang der 1860er Jahre spanische Tanzszenen, ohne Spanien bislang besucht zu haben, nur nach Zeichnungen, die er selbst anfertigte bei Gastspielen in Paris, und eben Fotografien, die in Form von Visitenkarten vorlagen.

          Aufnahmen aus dem Fernen Osten

          Wie man sich diese populären Visitenkarten vorzustellen hat, zeigt ein Bogen unzerschnittener Ansichten des Majors Annell von 1864. Aufgenommen hat den stolzen Militär André Adolphe-Eugène Disdéri. Der Zuschlag für diesen Originalabzug auf Albuminpapier lag bei 400 Euro.

          Zu den in Barcelona erworbenen Konvoluten gehören umfangreiche Dokumente ferner Länder, etwa vierzig Albuminabzüge zwischen 1850 bis 1860, die der Engländer Francis Frith in Ägypten und Palästina aufgenommen hatte, 44 kolorierte Abzüge aus Japan zwischen 1880 und 1900 von unbekannt oder zwei Alben aus derselben Zeit mit Aufnahmen der Philippinen.

          Ein explodierter Fleck auf dem Bürgersteig

          Charles Clifford hatte Mitte des 19. Jahrhunderts Spanien bereist. Seine Ansichten der Alhambra werden hoch gehandelt. Hier konnte eine bislang unveröffentlichte Detailaufnahme maurischer Zierkunst auf Albuminpapier für 2500 Euro erworben werden. Menschenleere Städte und emblematische Gebäude in Spanien und Portugal dokumentierte der Franzose Jean Laurent, der sich 1843 in Madrid niedergelassen hatte und 1886 dort als Juan beigesetzt wurde.

          Die 1902 in Paris geborene Fotografin Denise Bellon lichtete in den dreißiger Jahren das ländliche Ibiza ab, der Chronist von Barcelonas Rotlichtviertel, Joan Colóm, hat 1958 einen explodierten Fleck auf dem Bürgersteig des Raval aufgenommen, der wie action painting wirkt. In diesem Fall war der Anblick dem Staat 2000 Euro wert. Noch ist nicht bekannt, wo die Fotografien ausgestellt werden. Ein Teil wäre sicher im Reina-Sofía-Museum in Madrid gut aufgehoben, das bereits einen Fundus besitzt, der soziale Bewegungen anhand historischer Fotografien dokumentiert.

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