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Fotografie : Zu schön, um wahr zu sein

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Und ewig glänzen die Models, oder „Obsessed by You“: Fotografien von Mario Testino bei Phillips de Pury in London.

          "Claudia", "Kate", "Gisele" - so lauten die Titel einer Auswahl mit zweiunddreißig Fotografien von Mario Testino, die derzeit in den Räumen des Auktionshauses Phillips de Pury in London ausgestellt sind. Wenn also allein schon der eigene Vorname ausreicht, um identifiziert zu werden, weiß man sich als Model im Nirwana angekommen und darf sich nun in der Ausstellung als Muse und Ikone des Modefotografen zur Kunst erhoben fühlen: Ob im cool eingerichteten Schlafzimmer eines erfolgreichen Bankers in New York oder in einem Sommerhaus am Meer - die sich bei einer "Pool Party" und am Strand von "Ipanema" räkelnden, halbnackten jungen Frauen und Männer ziehen die bewundernden Blicke des Besuchers auf sich und die eifersüchtige Unsicherheit der Begleiterin an.

          Die Arbeit des 1954 in Peru als Sohn eines Italieners und einer Irin geborenen Testino beweist einmal mehr: In der Modefotografie geht es nicht um die Kleidungsstücke, sondern um die Körper. Auch vergrößert auf fast zwei mal drei Meter zeigt die mit Photoshop behandelte milchweiße Haut der spärlich mit Strümpfen und einer katzenhaften Maske bekleideten Claudia Schiffer, aufgenommen 2008 in Berlin, keine Unebenheiten; Testino zelebriert Perfektion: Claudia fasziniert Mario. Er kennt sie schon, seitdem sie in den achtziger Jahren, als er selbst sich als Modefotograf in London etablierte, zusammen gearbeitet haben: "Damals projizierte sie die Persona von Brigitte Bardot, dabei war sie eine normale junge Frau aus Düsseldorf, ziemlich schüchtern und oft von ihrer Mutter begleitet. Heute ist sie wirklich sexy, sie ist selbstbewusst."

          Der Ausstieg Giseles

          Zählt die in England lebende Claudia Schiffer, neben Boris Becker, zu den in England beliebtesten Deutschen, so fungiert Gisele Bündchen als Brasiliens erfolgreichster Export-Artikel. Testino fotografierte sie im vergangenen Jahr für das Cover einer "Vanity Fair"-Ausgabe über das südamerikanische Land: Gisele steigt aus ihrer weißen Limousine, ihre gebräunten Waden ebenso auf Hochglanz poliert wie das blitzende, verchromte Trittbrett. "Ich wollte sie mit einem Ausdruck von Leistung und Selbstbewusstsein zeigen, als die Verkörperung brasilianischen Erfolgs", sagt Mario Testino. Das Foto ist nun bei Phillips de Pury für 40.000 Pfund zu haben. Wohl kaum wird eine Frau da ihr Geld investieren. Um sich im ständigen Vergleich mit einem von der globalen Gesellschaft propagierten Schönheitsideal einen Komplex anzuschaffen?

          Die für die Londoner Ausstellung gewählten Fotografien wurden zwischen 1996 und 2008 für die Publikation in Magazinen wie "Vogue" und "Vanity Fair" aufgenommen - und nun zum Verkauf wandfüllend vergrößert. Der Titel der Schau, "Obsessed by You", könnte ebenso gut auf die Besessenheit des Fotografen anspielen, flüchtige Schönheit im Bild einzufrieren, wie auf die mitunter selbstzerstörerische Faszination, die von der Welt der Mode, des Luxus und der celebrities nicht nur auf viele junge Frauen ausgeht. Im 21. Jahrhundert ist die Modefotografie zentraler Bestandteil unserer visuellen Kultur geworden, und zahllos sind die von Models inspirierten Arbeiten: durchaus auch von respektierten Künstlern wie Lucian Freud, der Kate Moss, das Mädchen aus Croydon, dessen Privatleben zum öffentlichen Eigentum geworden ist, ebenso malte, wie es Gary Hume tat.

          Ein Fotoshooting als Entspannung

          Bei Testino sind Kate Moss und Lindsay Lohan - die sonst von Paparazzi gejagte, mit Britney Spears und Paris Hilton befreundete amerikanische Schauspielerin - aber nicht in flagranti erwischte (oder inszenierte) Opfer des männlichen Blicks, sondern Komplizinnen, Opfer nur ihrer eigenen Schaulust, des Genusses, betrachtet zu werden. Testino gibt Lohan in "Lindsay" (2007) die Aura einer kitschigen Hollywood-Göttin, indem er sie - den ganzen Körper mit Goldfarbe bemalt, in goldenem Bikini und Pumps - als goldenes Kalb der "Celebrity Culture" auf einem Thron knallig bunter Luftkissen im Swimmingpool dahingleiten lässt. Persönlicher und zerbrechlicher wirkt eine Schwarzweißaufnahme von Kate Moss in Testinos Londoner Apartment in Holland Park.

          "Kate at Mine" (2006) gehört zu einer mit der Handkamera aufgenommenen Serie, die ohne sterile Inszenierung und aufwendige Vorbereitung auskommt; hier gesteht Testino ein: "Wenn der Inhalt des Bildes stark genug ist, muss die Identität nicht geschaffen werden." Es ist das einzige Großfoto das sofort ausverkauft war. Während bei der Ausstellungseröffnung junge Männer mit muskulösen nackten Oberkörpern blau gefärbten Champagner reichten, sonnte sich übrigens der Starfotograf - den einen Arm um Supermodel Naomi Campbell gelegt, den anderen um Supermodel Claudia Schiffer - einmal selbst im Blitzlicht der Kameras.

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