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Falsche Graphik : Rasterpunkte statt Runzelkorn

  • -Aktualisiert am

Der Skandal um die Sammlung Jägers geht bald vor Gericht in die zweite Runde. Doch nicht nur Gemälde werden gefälscht, sondern alles, was begehrt ist. Stark gefährdet ist die zeitgenössische Druckgraphik.

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          Fälschungen haben Konjunktur. Dies betrifft nicht nur die Werkstätten der Übeltäter, sondern auch die Medien. Denn die Presse berichtet - vor allem über falsche Gemälde, zumal es in solchen Fällen oft um hohe Summen geht und der Schaden besonders groß erscheint, wie im aktuell brisanten Fall der angeblichen Kölner Sammlung Jägers. Doch die Berichte über solche spektakulären Täuschungsversuche lassen ein verzerrtes Bild von der tatsächlichen Situation entstehen: Es sind nicht in erster Linie Ölbilder und Bronzeplastiken, die den Markt verseuchen, sondern gefälschte Papierarbeiten, also fragwürdige Zeichnungen, Collagen und Druckgraphiken.

          Ein kleines Aquarell oder eine schlichte Bleistiftzeichnung sind meist leichter nachzumachen als ein Gemälde auf Leinwand. Und wenn jemand eine Druckgraphik fälscht, dann wird er wohl kaum nur ein einzelnes Blatt im Sinn haben: Erst die Menge erzeugt einen finanziellen Hebeleffekt, der den Betrüger animiert, gleich mehrere Exemplare herzustellen. Da Druckgraphiken normalerweise nicht als Unikate, sondern als Editionen oder in numerierter Auflage erscheinen, lässt sich dann später meist nicht auf Anhieb sagen, ob zum Beispiel das Blatt mit der Nummer 32 womöglich bereits existiert.

          Aber gerade bei der Druckgraphik als jenem Medium, das vom Seriencharakter lebt, wird oft nicht genau hingeschaut. So kann es nicht verwundern, dass der Handel mit Falsifikaten mittlerweile immer üppigere Blüten treibt. Die unzähligen Nachdrucke und Fälschungen etwa nach Motiven von Dürer, Rembrandt, Toulouse-Lautrec, Schmidt-Rottluff, Miró, Chagall, Dalí und Picasso sind legendär. Doch das Bewusstsein dafür, dass auch zeitgenössische Blätter nicht authentisch sein können, ist wenig ausgeprägt. Druckgraphiken, die arglistig mit einer falschen Urheberschaft angeboten werden, tauchen nicht nur von Roy Lichtenstein vermehrt auf, sondern auch Sigmar Polke und lebende Zeitgenossen wie Gerhard Richter sind längst ins Visier der Fälscher geraten. Denn was begehrt ist, das wird gefälscht.

          Exemplare von Polkes kunsthistorisch bedeutendem und äußerst gesuchtem Offsetdruck „Freundinnen“, die 1967 von dem Hannoveraner Galeristen August Haseke für vierzig Mark angeboten wurden, können im Kunsthandel mittlerweile um die 20.000 Euro kosten. Doch Vorsicht ist geboten, da schon seit mehr als zehn Jahren unechte Blätter kursieren: Das erste Exemplar fiel den Verfassern des Werkverzeichnisses unter anderem deshalb auf, weil der Fälscher so dumm war, eine falsche Jahreszahl (1965) unter das Motiv zu notieren.

          Heute muss man davon ausgehen, dass dieses Malheur auf weiteren Exemplaren im wahrsten Sinne des Wortes längst ausradiert worden ist. Als Polke das besagte Blatt in seinem Kölner Atelier im Jahr 2000 vorgelegt wurde, meinte er zwar, dass die Signatur nicht von ihm sei, ob es sich jedoch bei dem ganzen Blatt um eine Fälschung handeln würde, das könne selbst er nicht definitiv sagen.

          Sparsame Drucktechnik

          Legt man das Corpus Delicti neben ein unzweifelhaftes Original, wie es sich zum Beispiel im Berliner Kupferstichkabinett befindet, erkennt man die Unterschiede: Der Karton, auf den die Fälschung als Offsetdruck reproduziert wurde, ist leichter und weicher, als er sein dürfte. Außerdem hat die eingesetzte fotomechanische Reproduktionstechnik in diesem Fall zum Verlust von Tonwerten und Details geführt. Dadurch ist besonders die obere Bildhälfte viel zu hell, was dem prüfenden Blick auffallen sollte.

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