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Dürer zum Vorbild : Ein Hase kommt selten allein

Das Bild eines Hasen beweist Hans Hoffmans Begeisterung für Albrecht Dürer. Jetzt kommt das Aquarell mit bewegter Provenienz bei Lempertz in Köln zum Aufruf. Sein Vorbild freilich verharrt in der Wiener Albertina.

          Das Wiener Museum Albertina in Wien nennt eine der berühmtesten graphischen Sammlungen der Welt sein eigen. Doch was wäre die Albertina – ohne ihn? Ihren Superstar, dessen felliges Konterfei schon die Kinder kennen? Denn wohl die meisten Besucher kommen überhaupt seinetwegen, aus der ganzen Welt: Es ist jener Feldhase, den Albrecht Dürer im Jahr 1502 in Aquarell und Deckfarben auf ein Blatt Papier gebannt hat, als posiere er für den Meister, auf gerade 25 mal gut 22 Zentimetern brauntonigem Grund, vor dem seine Schnurrhaare zittern. Er wird das Museum gewiß nie mehr freiwillig verlassen, aber sein – gerade achtzig Jahre jüngerer – Doppelgänger ist weit herumgekommen in Europa, um nun einen neuen Eigentümer zu finden.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Gewissermaßen österlich kann Henrik Hanstein, Chef des Kölner Auktionshauses Lempertz, einen wahren Schatz für seine Frühjahrsauktion ankündigen: einen Zwilling von Dürers Hasen nämlich, den der Maler Hans Hoffmann im Jahr 1582 seinem Vorbild bis in die Haarspitzen nachempfunden hat. Dabei ist Hans Hoffmann (um 1530 bis 1591/92), wie Dürer in Nürnberg geboren, keineswegs bloß ein Nachahmer, sondern ein Künstler hohen eigenen Rechts. Seine Bewunderung für den deutschen Altmeister schlechthin lässt ihn viele Kopien nach dessen Vorlagen schaffen; bereits im ausgehenden 16. Jahrhundert wird er, selbst ein Meister des Manierismus, zum eminenten Vertreter einer „Dürer-Renaissance“. Und Kaiser Rudolf II. holte Hoffmann 1585 nach Prag, machte ihn zum Hofmaler und Berater seiner legendären Kunstsammlungen.

          Einst in der kaiserlichen Sammlung in Prag

          Damals beginnt auch die Karriere eben des Hasen, der jetzt in Köln angekommen ist: Hoffmann, der freundschaftlich Willibald Imhoff, dem Nürnberger Dürer-Sammler der ersten Stunde, verbunden war, hatte nach Zeichnungen aus dessen Bestand gearbeitet. So gelangte auch sein Feldhasen-Double in die kaiserliche Kollektion nach Prag, mit dieser später in die Kunstkammer von Schloß Ambras in Tirol. Von dort kam das Blatt, so verzeichnet es sein Herkunftsnachweis, in die Graphische Sammlung Albertina, aus der es dann 1826/27 an den Wiener Kunsthändler und Sammler Joseph Grünling verkauft wurde. „Heute in Privatbesitz“ lautet lapidar der letzte Eintrag in der Provenienzenkette. Die Lücke über zwei Jahrhunderte kann Hanstein füllen; es ist ein abenteuerlicher Weg: Ihm Rahmen einer Stiftung Joseph Grünlings wurde die Bremer Kunsthalle Eigentümerin von Hoffmanns Hasen.

          Mit anderen, in Ostdeutschland während des Zweiten Weltkriegs ausgelagerten Beständen geriet es in die Hände der Russen – und war weg. Es tauchte, zunächst unerkannt, erst vor wenigen Jahren wieder auf, als ein Russe es einem belgischen Geschäftsmann als Sicherheit anbot. Der Russe zahlte nie und verschwand, bis heute; der Belgier behielt die Zeichnung. Nicht wissend, was er da hatte, trug er sie schließlich zu Lempertz in Brüssel zur Begutachtung: Dort erkannte man die Rarität. Nun lagen die Dinge so: Die Bremer Kunsthalle wollte den Hasen zurück, als sie erfuhr, daß er noch existiert. In Belgien gilt jedoch das Prinzip des gutgläubigen Erwerbs; der belgische Geschäftsmann ist uneingeschränkter Eigentümer des Blattes, wie ein Kölner Gericht feststellte.

          Einigung mit Charme

          Jetzt war guter Rat teuer – und die Lösung des Problems klingt wahrlich salomonisch: Der Hase wird bei Lempertz versteigert; die Summe, die er einspielt, wird fifty-fifty geteilt zwischen dem Belgier und der Bremer Kunsthalle (der Hanstein charmanterweise die Einliefererkommission erlässt). Dass Hans Hoffmanns hohe Kunst die Kenner und Liebhaber Alter Meister auf den Plan ruft, ist sicher: Zuletzt hat Christie’s in London im Juli 2006 eine „Kauernde Katze“, von ihm als eigenständige Findung um 1569 in Aquarell auf Pergament erfasst, für 800.000 Pfund zugeschlagen (umgerechnet gut 1,15 Millionen Euro), angesichts einer herausfordernden Taxe von 800.000 bis 1,2 Millionen Pfund.

          Das teuerste von Hoffmanns Werken am Markt bis heute freilich, ein Grundstein des Tierporträts überhaupt, ist – schon wieder ein Hase: Dieser kauert in einem Waldstück, auf einer rund 60 mal 80 Zentimeter großen Holztafel, wohl 1585 entstanden. Sotheby’s in New York hatte dafür im Januar 2001 mit einer bis 1,5 Millionen Dollar gerechnet; der im Januar 2007 verstorbene Händler Robert Noortman ließ sich die Holztafel für 2,4 Millionen Dollar zuschlagen (bezahlte also inklusive der Käuferkommission knapp 2,65 Millionen Dollar dafür) und vermittelte den „Hasen im Wald“ dann auf der Kunstmesse in Maastricht an das Getty Museum in Los Angeles, wo er jetzt hängt. Nun hüpft der glücklich wiedergefundene Hoffmann-Hase mit einer Taxe von 500.000 bis 600.000 Euro in die Mai-Auktion bei Lempertz. Seinesgleichen mag es noch zwei, drei weitere Exemplare geben: Aber der kaiserliche Stall auf dem Prager Hradschin ist einmalig.

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