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Demokratiekurs bei Christie’s : Warhol für alle

Wie sieht der Kunstmarkt von innen aus? Für 800 Dollar kann man bei Christie’s einen Kurs im Kunstverkaufen belegen und die Vorbereitung der nächsten Online-Auktion aus dem Warhol-Nachlass miterleben.

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          Christie’s hat eine Bildungsabteilung. Auf der Homepage wirbt ein Foto vom Eingang der Zentrale des Auktionshauses im Rockefeller Center für den New Yorker Master-Studiengang. Ein lächelnder Portier im grauen Mantel hält einer Dame mit Luxuseinkaufstüte die Tür auf. Daneben steht: „Ihr Eingang in die internationale Kunstwelt. Jetzt bewerben!“ Die Studiengebühren betragen 43.945 Dollar. In diesem Herbst kann man auch einen sechswöchigen „einmaligen“ und „innovativen“ Kurs zum Thema „Andy Warhol und das Geschäft mit der Kunst“ belegen. Kostenpunkt: 800 Dollar. Die Teilnehmer schauen den Spezialisten bei der Vorbereitung und Abwicklung der nächsten Online-Auktion aus dem Warhol-Nachlass im November über die Schulter.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Auf den ersten Blick überrascht es, dass man den Kurs für ein Fünfzigstel der Auslagen für den Studiengang belegen kann. Was soll jemand über den Kunstmarkt noch lernen, der Warhol und das Geschäft mit der Kunst begriffen hat? Aber die Preispolitik kopiert die Logik hinter der Kooperation von Christie’s mit der Andy Warhol Foundation, die der Untersuchungsgegenstand des Kurses ist. Der riesige Bestand von Warhol-Hinterlassenschaften im Eigentum der Stiftung soll über mehrere Jahre im Internet unter die Leute gebracht werden. Es wird als Beitrag zur Demokratisierung der Kunst verkauft, dass auch Menschen, die noch nie einen Warhol im Museum gesehen haben, sich einen echten Warhol leisten können. Die Massenware soll die Preise für die Spitzenstücke nicht verderben, sondern im Gegenteil den Beweis für die anhaltende Popularität Warhols erbringen, die der Grund der Spitzenpreise im Auktionssaal ist.

          Als Motto des Kurses dient ein auf dem Kunstmarkt besonders beliebtes Warhol-Zitat: „Geschäftlicher Erfolg ist die faszinierendste Form von Kunst.“ Der Satz stammt aus dem Buch „The Philosophy of Andy Warhol“ von 1975. Dort - das richtige Lehrbuch kann den Kurs ersetzen - findet man auch die Geschäftsidee hinter der Partnerschaft von Auktionshaus und Nachlassverwaltung vorformuliert. „Das Großartige an diesem Land ist: Amerika hat die Tradition begründet, dass die reichsten Konsumenten im Wesentlichen die gleichen Sachen kaufen wie die ärmsten.“ Warhols Beispiel war Coca-Cola. „Der Präsident trinkt Coke, Liz Taylor trinkt Coke, und weißt du was? Du kannst auch Coke trinken.“

          Oder jetzt eben einen Warhol kaufen, vielleicht sogar das Porträt von Liz Taylor. Unpraktisch an dieser Art von Gleichheit ist nach Warhol, dass niemand mehr die Arbeit des Dienstpersonals machen will. Es weist ihn als genialen Geschäftsmann aus, dass er das Problem durch Ausgabe akademischer Zertifikate lösen wollte. Im gleichen Buch schlug Warhol vor, es solle ein Studium für Dienstmädchen und Hausmeister geben, mit glamourösem Namen. Der Inhaber des Christie’s-Mastertitels auf dem Christie’s-Werbefoto müsste dann der Türöffner mit der Schirmmütze sein.

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