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Das wird sehr teuer! : Zwei Warhols als Deko

Die Spielbank Aachen lässt einen „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ in New York versteigern. Die Schätzungen des Auktionshauses sind bescheiden angesichts der Bilder, um die es hier geht.

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          Jetzt also das nächste deutsche Unternehmen: Die Westdeutsche Spielbanken GmbH & Co. KG (Westspiel) lässt bei Christie’s zwei veritable Schwerstkaräter versteigern. Am 12. November kommen in New York im Rahmen der Auktion mit Nachkriegs- und Gegenwartskunst zwei Werke von Andy Warhol zum Aufruf, mit einer „Gesamttaxe von 130 Millionen Dollar“, so die Ankündigung. Das ist mehr als vage und nachgerade rührend, gemessen an den aktuellen Preisen für Warhols Spitzenstücke. Denn ein „Triple Elvis (Ferus Type)“ und großleinwandfüllende „Four Marlons“ sind am Auktionsmarkt, soweit das Auge reicht, bislang ungesehen. Wer aber ist das verkaufende Unternehmen?

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die in Duisburg ansässige Westspiel ist der staatlich konzessionierte Spielbankenbetreiber in Nordrhein-Westfalen, und Eigentümerin der Westspiel ist die NRW-Bank, die Förderbank des Landes Nordrhein-Westfalen. Geschäftszweck der Westspiel ist „der Betrieb von Spielbanken unter gesetzlicher Hoheit des Landes“ mit dem „Auftrag, ein ausreichend attraktives, verantwortungsvolles und seriöses Glücksspielangebot bereitzustellen“, so die Aufgabenbeschreibung.

          Was ein wenig nach Realsatire klingt, hat also einen ordnungspolitischen Hintergrund, den „Glücksspielstaatsvertrag“. Nun drängt sich naturgemäß die Frage auf, ob die Warhols - wenn denn Eigentümerin der Westspiel die NRW-Bank ist - nicht am Ende Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen seien? Nein, erklärt Christof Schramm, der Sprecher der Westspiel, auf Anfrage dieser Zeitung, die Bilder stehen eindeutig im Eigentum der Westspiel GmbH & Co. KG - was freilich auch das Auktionshaus angesichts dieser kapitalen Einlieferung vorher abgeklärt haben wird.

          Wegen der im Spielbankgesetz verankerten Spielbankabgabe hat die Westspiel allein in den vergangenen fünf Jahren mehr als 250 Millionen Euro an das Land Nordrhein-Westfalen abgeführt, wesentliche Beträge davon fließen in die Stiftung Wohlfahrtspflege des Landes, die Behinderte, alte Menschen und benachteiligte Kinder unterstützt. Da hatte man unbedarft gedacht, Casinos machen Kohle, dabei dürfen sie keine Gewinne erzielen - und machen in Wahrheit eher Verluste.

          Kulturelles Engagement gehörte nicht zur Agenda der Westpiel

          Wie aber kamen die Warhols ins Casino? Sie wurden Ende der siebziger Jahre zur Ausstattung der Spielbank Aachen erworben - „als Deko“, erklärt der Sprecher, einigermaßen entwaffnend. Zwar gebe es noch weitere Kunst im Eigentum der Westspiel, aber längst nicht solche von dieser Qualität. Man muss es glauben, dass auch niemals ein kulturelles Engagement zur Agenda der Westspiel gehörte. Aufgrund ihres gestiegenen Marktwerts hängen die beiden Siebdrucke allerdings schon seit fünf Jahren nicht mehr an den Wänden, sondern sind sicher eingelagert. Erworben wurden sie 1977 und 1978 bei der Zürcher Galerie Thomas Ammann. Die Preise damals lassen nur verträumt lächeln: 183 000 Mark soll der „Triple Elvis“ gekostet haben und 205 000 Mark die „Four Marlons“. Bleibt die Frage, wohin der zu erwartende Auktionserlös fließt? Zunächst an das Unternehmen, das aber Überschüsse in den Landeshaushalt Nordrhein-Westfalens abführen muss, sagt Schramm.

          Tatsächlich gab es zu keinem Zeitpunkt die Erwägung, wenigstens eines der Bilder einem Museum als Dauerleihgabe zu übergeben; das ist unbedingt bedauerlich. Allerdings liegen die Dinge hier deutlich anders als im Fall des Energiekonzerns Eon, der im Mai aus seinem Eigentum Jackson Pollocks „No. 5 (Elegant Lady)“ ebenfalls über Christie’s in New York veräußerte. Denn Eon hatte sich, anders als die Westspiel, über eine 1998 mit der Stadt Düsseldorf geschlossene (inzwischen freilich zurückgefahrene) Public-Private-Partnership stets als Förderer der Kunst geriert. Der Pollock hing seit 2001 als Dauerleihgabe im Museum Kunstpalast, dort zog ihn das Unternehmen dann ab. Die Schätzung für die Auktion lag bei fünfzehn bis zwanzig Millionen Dollar, aber der Hammer fiel schon bei zehn Millionen Dollar.

          Schlichte Trophäensammler

          Für Kenner des aktuellen Markts ist dieser - für die kapitalen Bilder von Pollock relativ niedrige - Zuschlag wenig erstaunlich. Denn die „Elegant Lady“ ist kein typischer Pollock im Sinne jener Käuferschicht, die derzeit im Hochpreissegment für Gegenwartskunst international am aktivsten ist. Das sind schlichte Trophäen-Sammler, sie interessiert an den Werken der charakteristische Wiedererkennungswert, sprich der eigene Prestigegewinn durch ihren Erwerb. Unter kaufmännischen Aspekten, die am reinen Materialwert der Kunst ansetzen, ist die Westspiel also deutlich besser beraten als Eon.

          Denn bei den beiden Warhols handelt es sich um wirkliche Hauptwerke seiner frühen, besten Schaffensjahre. Prognosen sind immer riskant - wobei der Christie’s-Zeitgenossenchef Brett Gorvy selbst kess von einem „unvergleichlichen Ereignis“ schwärmt, in direktem Anschluss an den Hammerpreis von 127 Millionen Dollar für Francis Bacons „Three Studies of Lucian Freud“ vor einem Jahr, noch immer der höchste Preis für ein Werk der Nachkriegskunst. Aber es gibt Parameter: Der teuerste Warhol in einer Auktion ist momentan (noch) ein „Silver Car Crash (Double Disaster)“ von 1963, der bei Sotheby’s im vergangenen November 94 Millionen Dollar einspielte.

          Sowohl der Ferus-Elvis als auch Marlon Brando sind bisher in Auktionen nur als „Double“ aufgetaucht - 2012 für 33 und 2008 für 29 Millionen Dollar -, was sich keineswegs hochrechnen lässt auf „Triple Elvis“ und „Four Marlons“. Und die fast vier Jahrzehnte Marktentzug der Westspiel-Warhols kommen noch dazu.

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