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„Culbertson Guidon“ : Vom letzten Aufstand der Indianer

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In der legendären Schlacht am Little Bighorn unterliegt das siebte Kavallerieregiment unter George Armstrong Custer im Kampf gegen die Sioux und die Cheyenne. Geblieben ist der „Culbertson Guidon“, eine seidene schwalbenschwänzige Flagge, die jetzt versteigert wird.

          Wahre Fahnen-Experten sind die nordamerikanischen Patrioten: Sie schmücken sich selbst, ihre Autos und ihre Häuser lustvoll und selbstbewusst mit „Stars and Stripes“ und kennen in dieser Hinsicht weniger Zurückhaltung als andere Staaten. Flaggen haben in den Vereinigten Staaten in letzter Zeit an Popularität gewonnen. Das gilt für beide politischen Lager - und betrifft nicht nur die diversen „Flag Paintings“ von Jasper Johns, von denen jüngst ein kleines Exemplar aus der Sammlung des Bestseller-Autors Michael Crichton bei Christie's in New York mehr als zwanzig Millionen Dollar einspielte.

          Dieser Trend zur Fahne schlägt sich auch in den Preisen für antike Stücke nieder. Der Antiquitätenhändler Jeff Bridgman in Pennsylvania hat derzeit zum Beispiel ein Exemplar im Angebot, das Präsident Abraham Lincoln im Jahr 1864 höchstpersönlich signiert hat - und das deshalb ein Preisschild von zwei Millionen Dollar trägt. Auf der Flagge sind die weißen Sterne auf dem blauen Grund so angeordnet, dass sie das Wort „FREE“ buchstabieren. Erst seit 1912 sind die Sterne des Star-Spangled Banner in Reihen angeordnet: Davor ließen die jeweiligen Schneiderinnen und Schneider ihrem patriotischen Erfindungsgeist freien Lauf und ordneten sie zu Kreisen, Sternen oder eben Botschaften an.

          Seit Sotheby's angekündigt hat, dass es demnächst eine amerikanische Flagge aus einer historischen Schlacht versteigern wird, schlagen einige Sammlerherzen höher. Dass dabei, gänzlich ironiefrei, in der Presseerklärung des Auktionshauses von einer „heiligen Reliquie“ die Rede ist, führt vor Augen, welche Aura dieses handfeste Relikt für seine Verehrer angenommen hat, oder gar, dass die Verklärung der Geschichte für sie religiöse Aspekte hat: Die Rede ist von dem sogenannten „Culbertson Guidon“, einer schwalbenschwänzigen Fahne aus der legendären Schlacht am Little Bighorn.

          Nach den erregenden Goldfunden Mitte des 19. Jahrhunderts strömten immer mehr weiße Siedler auf der Suche nach dem Glück durch das Indianerland der Great Plains - und verletzten dabei die Verträge zwischen verschiedenen Indianerstämmen und der amerikanischen Regierung. Die nomadischen Bisonjäger setzten sich gegen den Bau von Forts und von Straßen durch ihr Jagdgebiet zur Wehr; immer wieder flammten Kämpfe auf. Am 25. Juni 1876 schließlich gipfelte ihr Widerstand in der Schlacht am Little Bighorn River, wo die Lakota zusammen mit den Northern Cheyenne die siebte Kavallerie des George Armstrong Custer blutig auslöschten.

          Sein Rang ist umstritten: Im amerikanischen Bürgerkrieg hatte er den eines Generals, jedoch befehligte er seine Truppen in den Indianerkriegen als Oberst. Seine Fehleinschätzung bei einem Überfall auf ein Indianerdorf kostete alle seine 250 Soldaten das Leben, und auch er selbst fiel der Übermacht des Gegners zum Opfer. Für die Indianer war es ein tragischer Sieg; denn es sollte ihr letzter großer militärischer Aufstand gegen die Weißen sein.

          Ein General mit Kunstgeschmack

          Die schmachvolle Schlacht am Little Bighorn wurde im damaligen Amerika zu einem heroischen Ereignis stilisiert und bewirkte, dass sich die amerikanische Regierung mit verstärkter Brutalität gegen die Indianerstämme einsetzte, sie in Reservate einwies und ihre Kultur veränderte: Häuptling Sitting Bull, der persönlich in der Schlacht am Little Bighorn gegen die siebte Kavallerie gekämpft hatte, trat bald im Wildwest-Wanderzirkus von Buffalo Bill Cody auf. Gleichzeitig hielt Custers Witwe das Andenken an ihren Mann stolz aufrecht und spann die Legenden seiner Tapferkeit im Kampf gegen die Wilden weiter.

          Doch im jüngerer Zeit hat sich das Bild der Historiker gewandelt, und Custers militärische Manöver werden als unsensibel, arrogant, gar dumm charakterisiert. „Das Beste an ihm“, schreibt der englische Historiker Paul Johnson, „war sein Kunstgeschmack.“ Tatsächlich soll Custer kurz vor seinem Tod noch im New Yorker Atelier von Albert Bierstadt gespeist haben, der die großartigen Landschaften des amerikanischen Wilden Westens in strahlenden Farben auf die Leinwand bannte und so die Phantasie des städtischen Ostküstenpublikums anregte.

          Vom Kuriositätenkabinett zum Kunstmuseum

          Direkt nach der Schlacht im Juni des Jahres 1876 hatten die Indianer alles mitgenommen, was als Trophäe dienen konnte oder praktischen Nutzen versprach. Aber der seidene, von Gewehrschüssen zerfetzte Guidon der Kavallerie blieb versteckt unter einer Leiche und wurde erst drei Tage später von einem Sergeant Ferdinand Culbertson gefunden. Er war Teil einer Gesandtschaft, die gekommen war, um die Toten zu begraben. Wahrscheinlich wurde schon zu dieser Zeit einer der Sterne sorgfältig ausgeschnitten und von einem anderen Soldaten als Andenken mitgenommen. Culbertson verwahrte das durchlöcherte, fragile Textil einige Jahr lang und schenkte es dann um 1880 dem Ehepaar Charles und Rose Fowler in Detroit. Von Rose Fowler ging der Guidon 1895, ermöglicht durch eine öffentliche Spendensammlung, in das kurz zuvor gegründete Detroit Institute of Arts über.

          Nun hat sich das Museum im Lauf der vergangenen 115 Jahre von einem kleinen Kuriositätenkabinett in eines der bedeutendsten amerikanischen Kunstmuseen gewandelt, und der Schwerpunkt liegt nicht mehr bei historischem Kunstgewerbe, sondern bei der Kunst. Das Detroit Art Institute besitzt Werke der Hudson River School, aber auch wichtige Arbeiten von van Gogh, Degas, Clyfford Still und Claes Oldenburg, außerdem eine Sammlung von Artefakten der amerikanischen Ureinwohner. Mit diesem Fokus auf der Kunst fällt die Trennung von dem seidenen Fragment in Detroit wohl nicht allzu schwer. Und immerhin erwartet Sotheby's dafür zwei bis fünf Millionen Dollar, die dann dem Kunst-Ankaufsetat des Museums zugutekommen sollen. Wer weiß, vielleicht ist dieses Vermächtnis ganz im Sinn von George Armstrong Custer, dem Oberst der siebten Kavallerie.

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