https://www.faz.net/-gyz-x8d3

Bücher und Graphik : My dear Curtius, schreibt T. S. Eliot

  • -Aktualisiert am

Bei dem Auktionshaus Zisska & Schauer in München gibt es Pläne zu Hitlers Linz, aber auch geistvolle Bücher - hier eine Vorschau auf die attraktivsten Lose.

          2 Min.

          Bauen und Städte planen gehörten zu Hitlers Lieblingsbeschäftigungen. Vor allem mit Berlin hatte er Großes vor und mit Linz in Oberösterreich, der Stadt seiner Jugendjahre, wo er auch seinen Lebensabend zu verbringen gedachte. Hermann Giesler hieß der Architekt, der 1942 den Auftrag zur Neugestaltung von Linz erhielt; was er plante, hatte ähnlich gigantomane Ausmaße wie Albert Speers Projekte für Berlin. Giesler sollte das Kulturzentrum mit dem berüchtigten „Führermuseum“ im Süden der Stadt errichten und das gesamte linke Donauufer nach Abriss der gewachsenen Altbebauung mit nationalsozialistischen Repräsentationsbauten besetzen; das Modell dafür lieferte er im Februar 1945 in der Reichskanzlei ab, es kam mit in den Bunker. Bis in die letzte Phase des Untergangs lenkte Hitler sich dort von der kommenden Katastrophe ab, indem er sich am neuen Linz in Kleinformat ergötzte.

          Jetzt sind aus Privatbesitz von Giesler signierte aquarellierte Pläne, Bauzeichnungen und Pausen aufgetaucht, die Zisska & Schauer in München in der Frühjahrsauktion vom 7. bis zum 9. Mai anbietet. Auf 5000 Euro taxiert ist das Plankonvolut mit etwa 300 Originalblättern, die maßgeblich um die „Gauhalle“ kreisen, in der 35000 Personen Platz gehabt hätten, und um den daneben vorgesehenen „Donauturm“, in dem Hitler seine Eltern bestatten wollte. Außerdem reihen sich Verwaltungsgebäude, gewaltige Arkaden, Palasthotels und ein Mausoleum, das Hitler möglicherweise für seinen eigenen Sarkophag vorgesehen hatte. Er selbst spielte Architekt bei den Linzer Plänen und bestimmte den architektonischen Größenwahn, der sich grob an Renaissance-Vorbildern orientierte, bis in kleine Details mit. Das bezeugen handschriftliche Notizen wie „Idee des Führers doch lieber beibehalten“. Oder, neben einer mickrigen Zeichnung: „Skizze Führer zum Sockel“.

          Medizinisches Wissen der Vergangenheit

          Als anders spektakulär und jedenfalls gehaltsvoller erweist sich ein außergewöhnlich großes Inkunabelangebot von rund 140 Bänden, das sich um eine größere Einlieferung sammelt. Mehr als 500 Jahre lang war der „Canon medicinae“ des Persers Avicenna den Ärzten eine maßgebliche Quelle, weil er die vorausgehenden graeco-arabischen Heilkundeerkenntnisse zusammentrug und erweiterte: Als sehr seltene Inkunabelausgabe mit farbigen Initialen liegt das bedeutende, 1482 bei Pierre Maufer in Venedig gedruckte Buch bei 20.000 Euro. Des Johannes Chrysostomos Moralpredigten, auf Lateinisch „sermones morales“, stehen in der Erstausgabe zur Verfügung, die Georg Lauer 1470 als eines der ersten Werke seiner frühen römischen Presse eben dort druckte (Taxe 15000 Euro). Unter fünf Petrarca-Bänden der wertvollste ist seine „Historia Griseldis“ in unkorrigierter Erstfassung des lateinischen Originals (12000), die Heinrich Steinhöwel 1473 in Ulm herausgab, kurz bevor er seine deutsche Übersetzung folgen ließ.

          Dem Romanisten Ernst Robert Curtius zugedachte Widmungsexemplare versorgen die Abteilung Moderne Literatur mit Erlesenem wie „Finnegans Wake“ in Erstausgabe, darin eingeklebt ein Brief von T.S. Eliot, der „My dear Curtius“ bittet, das Besprechungsexemplar des jüngsten Werks von James Joyce wohlwollend zu lesen. Zehn Jahre zuvor hatte Curtius eine „brillante Analyse des Ulysses“ verfasst; jetzt aber - 1939 - gab es für den ersten Kritiker in Deutschland, der Joyces und auch Eliots Bedeutung erfasst hatte, keine Chance der Rezension avantgardistischer Literatur (2500). Weitere Widmungsexemplare stammen von Gottfried Benn, Paul Eluard, André Gide, Joyce, Hofmannsthal oder Paul Valéry.

          Weitere Themen

          Weltloses Melodrama Video-Seite öffnen

          Filmkritik „The Kindness of Strangers“ : Weltloses Melodrama

          Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat mit ihrem neusten Film ein unrealistisches Melodrama entworfen, findet F.A.Z.-Redakteur Andreas Kilb. Warum sich ein Besuch im Kino trotzdem lohnt, verrät die Videofilmkritik.

          Topmeldungen

          Zwei große Mächte im Welthandel: US-Präsident Donald Trump (links) fasst sich an die Jacke, während er für ein Foto mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Rande des G-20-Gipfels in Osaka posiert.

          Trumps Blockade : Schwerer Schlag für den Welthandel

          Donald Trump legt das Instrument zur Streitschlichtung der Welthandelsorganisation lahm. Die EU-Kommission sucht noch nach einer Lösung, um die Blockade zu umgehen.
          Präsidenten Macron und Putin in Paris

          Ukraine-Gipfel in Paris : Die Folgen der Inkonsequenz

          Auf dem Pariser Gipfel ging es nicht nur um den russisch-ukrainischen Konflikt. Sondern auch darum, mit welchen Botschaften der Westen dem russischen Regime entgegentritt. Putin spielt auf Zeit – und der Westen setzt ihm kaum etwas entgegen.

          Trauer um Roxette-Star Fredriksson : „Danke Marie“

          An ihrer Stimme kam in den 90er Jahren niemand vorbei, sie war das Gesicht von Roxette: Marie Fredriksson ist früh gestorben – die Trauer bei den Fans ist groß. Und auch ihr Band-Partner nimmt Abschied von einer ganz besonderen Freundin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.