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Berliner Kunstauktion : Im hellen Licht des Mondes

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Bei der Villa Grisebach in Berlin dominiert auch in diesem Frühjahr die Klassische Moderne, aber die Gegenwartskunst muss sich nicht verstecken.

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          So rund, als wäre der Kreis mit dem Zirkel gezogen worden, leuchtet der Mond hinter den Zweigen auf Max Beckmanns Gemälde „Nachtgarten bei Cap Martin“. Der Aufenthalt an der Côte d'Azur „hat mir ganz großartig getan und alle meine Nerven und Ideen neu gefärbt“, schreibt Beckmann am 26.April 1939. Doch die Gartenszene hat er erst fünf Jahre später im Amsterdamer Exil aus der Erinnerung gemalt. Sie bezeugt Beckmanns visuelle Kraft, aber auch sein Leiden unter der Verfemung durch die Nationalsozialisten. Das 60,5 mal 95 Zentimeter große Bild ist das Spitzenlos der Frühjahrsauktionen bei der Villa Grisebach in Berlin vom 4. bis zum 6. Juni.

          Die Schätzung liegt bei 800.000 bis 1,2 Millionen Euro. Zum Vergleich: Den höchsten Zuschlag für ein Landschaftsbild Beckmanns erreichte Christie's in London im Februar 2008 mit der früheren „Küstenlandschaft mit Ballon“ von 1932 für umgerechnet 1,6 Millionen Euro. Mithalten kann da keine der Taxen im nur 63 Lose umfassenden Katalog der „Ausgewählten Werke“. Im Herbst 2008 zählte man noch 83, 2007 sogar 99 Lose. So liegt die untere Gesamtschätzung aller Auktionen jetzt bei nur 9,7 Millionen Euro; im Herbst 2008 waren es noch 14,2 Millionen Euro.

          Aus Oskar Schlemmers Nachlass

          Mit einer Erwartung von 500.000 bis 700.000 Euro folgt Schlemmers „Sitzende auf geschwungenem Stuhl“ von 1931. Der Katalog verzeichnet als Provenienz den „Nachlass Oskar Schlemmer“ und eine „Privatsammlung Schweiz“. Dahinter könnte sich Schlemmers Tochter Uta Jaina und ihr Sohn Raman verbergen oder seine Enkelin Janine. Um den Nachlass des Künstlers tobt ein Erbstreit, der im Dezember 2008 eskalierte, als bei Lempertz in Köln 63 seiner Werke versteigert werden sollten. Die Auktion wurde schließlich gerichtlich gestoppt, auf Veranlassung der Tochter Uta Jaina.

          Ein zweites Schlemmer-Bild mit identischer Einlieferer-Nummer, „Dunkle Vierergruppe mit Vorübergehender“ von 1936 (Taxe 200.000/300.000 Euro), hing einst in der Staatsgalerie Stuttgart und zeigt seine Herkunft ebenfalls mit in der Schweiz an.
          Die Fotografie macht traditionell den Anfang bei Grisebach, ihr folgt am 5. Juni die Abendauktion mit „Ausgewählten Werken“ - diesmal angeführt von Jean Baptiste Gayot Dubuisson auf einem Gemälde von Antoine Pesne. In der Hand hält Dubuisson eine Palette mit Pinsel; denn er war als Stilllebenmaler bekannt (50.000/70.000).

          Porträt einer jungen Dame mit flachem Hut

          Ernst blickt eine Frau in Festtagstracht auf Wilhelm Leibls „Studienkopf einer jungen Dame mit flachem Hut (Felicia Kirchdorffer)“ von 1896. Präziser Realismus in Höhe der Augenpartie und skizzenhaft-unvollendete Flächen machen den Reiz dieses eigenwilligen Porträts aus (20.000/30.000).
          Von 1938 an konnte Karl Hofer nur noch unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Ein Jahr nach der Zerstörung seines Berliner Ateliers samt Inhalt durch einen Bombenangriff am 1. März 1943 entstand sein 117 mal neunzig Zentimeter großes Gemälde „Kartenspielende Mädchen“ (200.000/250.000). Eindrucksvoll in Komposition und Ausdruck ist auch sein Bildnis eines „Blinden“ von 1938 (70.000/ 90.000). Im Jahr 1940 dann malte Hofer das Ölbild „Frau, sich waschend“ (100.000/150.000).

          Schon 36 Jahre alt war Lyonel Feininger, als er zur Ölfarbe griff; bis dahin hatte er als satirischer Zeichner gearbeitet. Einer seiner ersten Versuche ist das „Stilleben“ mit Vasen und Krug von 1907 (80.000/100.000). Vertrauter mit dem Medium präsentiert sich Feininger 1933 mit den „Badenden“ (180.000/240.000) und 1949 mit „Im Schnee“, das im Exil in den Vereinigten Staaten entstand (100.000/150.000).
          Ihren Traumort fand Paula Modersohn-Becker in der Künstlerkolonie Worpswede: In den ersten Jahren malte sie dort den „Bauerngarten mit rotem Haus“ von 1902 (100.000/150.000) und die „Landschaft mit Föhre“ aus dem Jahr 1901 (60.000/ 80.000).

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