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Auktionswoche in München : Jetzt räumen Habsburger und Wittelsbacher aus

  • -Aktualisiert am

In München wird in dieser Woche jeden Tag versteigert. Die Hauptattraktion läuft bei Neumeister: Eine der so beliebten Adels-Auktionen.

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          Wer mag, kann in dieser Woche in München jeden Tag mindestens eine Auktion besuchen. In keiner Stadt Deutschlands sitzen mehr Versteigerungshäuser für Kunst aller Arten, und so jagen sich bereits zum Anfang der Herbstsaison die Termine: Das Startzeichen gibt Ruef am 22. September mit Alter und moderner Kunst. Am 23. September beginnt Quittenbaums dreitägige Design-Versteigerung mit einer Privatsammlung bedeutender italienischer Objekte.

          Am selben Tag begeht das Haus Gerhard Hirsch Nachfolger die 300. Auktion mit Raritäten seines auf Antike, präkolumbianische Kunst sowie Münzen und Medaillen spezialisierten Programms. Am 26. September schließt dann Art & Auktionen Scheublein die Woche mit Kunst und Kunsthandwerk. Zuvor aber geht bei Neumeister noch eine außergewöhnliche Sonderauktion über die Bühne: „Hundert Gemälde aus Wittelsbacher und Habsburger Besitz“ - Katrin Stoll nimmt sie am 24. September unter den Hammer.

          Die großen Unbekannten

          Es ist keine Hellseherei zu vermuten, dass vor allem Bildnisse der schönen Kaiserin Elisabeth, der legendären „Sisi“, Turbulenzen auslösen werden. Doch auch Vor- und Nachfahren der geborenen Bayern-Prinzessin, ihres Gemahls Kaiser Franz Josef I. von Österreich und etliche Verwandte könnten auf dieser Veranstaltung ins Rampenlicht des Interesses rücken, zumal wenn berühmte Künstler am Werk waren, wie etwa Georges Desmarées.

          Er zeigt uns Clemens August von Bayern in Lebensgröße, bis zum Knie und in blausamtener Rokokopracht. Hut und Helm auf dem Tisch spielen an auf die Ämter des Erzbischofs und Kurfürsten von Köln und Hochmeisters des Deutschen Ordens. Das auf 15.000 bis 20.000 Euro taxierte Bildnis stammt, wie zahlreiche weitere Lose, aus dem Nachlass Herzogs Clemens Franz de Paula von Bayern (1722 bis 1770). Clemens Franz gab auch eine hübsche, später leider geteilte Familiengalerie bei Peter Jacob Horemans in Auftrag, aus ihr stehen zwölf Wittelsbacher Damen und Herren zu Preisen zwischen 2500 und 5000 Euro zum Verkauf.

          Die wegen fehlender Vergleichspreise nicht einfach zu gestaltenden Taxierungen der Offerte fielen im Schnitt moderat aus. Der Kunstmarkt kennt ebenso wenige der angebotenen Werke wie die breite Öffentlichkeit, wurden die meisten doch von Mitgliedern der genannten Dynastien in Auftrag gegeben und schmückten deren Privatgalerien.

          Begehrte Auftragsarbeiten

          Die sorgfältigen Katalogtexte gewähren so manchen Blick auf anrührende Hintergründe: So zeigt das Aquarell eines wie schlafend zwischen Rosen gebetteten Mädchens das erstgeborene Kind von Sisi und Franz Josef auf dem Totenbett; die zweijährige Erzherzogin Sophie war während einer Reise nach Ungarn an der Ruhr erkrankt und starb in den Armen ihrer Mutter (Taxe 3000/4000 Euro). Dann das Ölbild von Kronprinz Rudolf zu Pferde: Seinen Uniformrock hatte er für die nächste Sitzung im Atelier gelassen, aber nur wenige Tage nachdem er Tadeusz Ajdukiewicz für genau dieses Bild Modell saß, beging der Prinz Selbstmord in Mayerling (10.000/ 15.000).

          Nach Rudolfs Tod trug die Kaiserin nur noch Schwarz. So auch bei dem Wiener Künstler Josef Arpád von Koppay, er konterfeit die Schlanke, von einer Dogge begleitet auf den Stufen des Achilleions in Korfu, melancholisch zwar, aber schön wie eh und je. Das vielleicht schönste, jedenfalls mit Abstand wertvollste Bild zeigt Sisis Lieblingskind, ihre jüngste Tochter Marie Valerie.

          Im Auftrag des Kaisers malte Hans Makart die entzückende Kleine auf einem vergoldeten Tabouret, das runde Ärmchen auf Blüten gestützt und mit wachem Blick ins Leben schauend (40.000/ 50.000). Das Drama eines gespannten Mutter-Tochter-Verhältnisses eröffnen hingegen die stark schmeichelnden Bildnisse der Prinzessin Gisela: Ganz in Schwarz, mit überschlanker Taille scheint die in Wahrheit recht pummelige Gisela der schönheitsversessenen Mutter jedenfalls auf Gemälden gefallen zu wollen. Um Giselas Schwiegervater Luitpold von Bayern porträtieren zu dürfen, den beliebten Prinzregenten und großen Förderer der Künste, scheinen sich die Münchner Künstlerfürsten förmlich gerissen zu haben: Der Katalog führt Franz von Stuck, Adolf von Hildebrand und gleich mehrfach Friedrich August von Kaulbach.

          Alte Meister bei Neumeister

          Wer gibt so viel Familiengeschichte aus der Hand? Und aus welchem Grund? Vermutlich stammt die Bilderflut nicht nur aus einer Quelle, aber eindeutig scheint die Herkunft vieler Stücke aus der Deszendenz Giselas von Bayern. Diskretion verbietet dem Auktionshaus die Nennung von Namen. Nur so viel will man bei Neumeister sagen: Weder stehe Geldnot hinter dem Verkauf noch Familienzwistigkeiten, eher die Last konservatorischer und sicherheitstechnischer Probleme mit so vielen Objekten. Warum dann nicht die verzweigte, zum Teil große Schlösser bewohnende Verwandtschaft um Unterbringung bitten? Oder Museen der ehemals von den Wittelsbachern und den Habsburgern regierten Länder mit Geschenken erfreuen? Umsonst will man die Schätze offenbar doch nicht hergeben.

          Hingewiesen sei noch auf zwei Werke in der regulären Versteigerung mit Alten Meistern bei Neumeister, die ebenfalls am 24. September stattfindet: Zum einen auf eine poetische „Mondscheinlandschaft“ von Carl Spitzweg, ein bezauberndes Frühwerk aus der Zeit um 1832, das mit einer Schätzung von 120.000 bis 150.000 Euro versehen ist. Und zum anderen auf ein ausgezeichnetes Porträt von Paul Heyse. Eduard Magnus malte das Bildnis des jungen Mannes - lange vor dessen Auszeichnung als erster deutscher Literaturnobelpreisträger (12.000/ 15.000).

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