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Auktionsprotokolle aus dem NS : Wo hört Diskretion auf, wo fängt die Lüge an?

  • -Aktualisiert am

Eine Sensation im Umgang mit Raubkunst: Im Auktionshaus Neumeister tauchten Auktionsprotokolle aus dem Nationalsozialismus auf. Das Haus will sie jetzt der systematischen Forschung zur Verfügung stellen.

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          Wer schon einmal ein Auktionshaus betreten hat, ein großes oder auch ein kleines, in München, Köln, Berlin, London oder Paris, der kennt die angespannte Stille, die von den Objekten auszugehen scheint, den Gemälden, Teppichen oder Möbeln, die versammelt wurden, um ihren Besitzer zu wechseln. Sie alle tragen eine Nummer, sie haben einen Schätzwert, sie wurden in einem Katalog verzeichnet. Sie scheinen auf die Auktion zu warten, die Bieter, die Gebote, das Klopfen des Hammers. Es ist die funkelnde Fassade - das, was man sieht. Doch dahinter gibt es eine Welt der Geheimnisse: Wer ein Stück einliefert oder kauft, gehört häufig zu den gehüteten Geschichten des Auktionswesens.

          Es funktioniert wie ein Roman, in dem es nur eine Person gibt, die das ganze Geschehen überblickt. In der Literatur heißt diese Person der auktoriale Erzähler. Im Auktionshaus ist diese Person der Geschäftsführer: Er kennt nicht nur die Objekte, er kennt die Einlieferer, die Käufer, ihre Namen und ihre Geschichten. Diskretion ist sein Geschäft. „Diskretion“ ist ein schönes Wort, es klingt nach einer Tugend, nach jemandem, auf den man sich verlassen kann, der vertrauliche Informationen für sich behält und damit nicht hausieren geht. Einen Haken hat jedoch die Diskretion: Es gibt Umstände, in denen sie zur Lüge wird. Welche? Diese Frage stellte sich vor einigen Wochen Katrin Stoll, Geschäftsführerin und Inhaberin des Kunstauktionshauses Neumeister. Es war ein Montag, der 18. März, als ein Mitarbeiter sich meldete, weil er etwas gefunden hatte, von dem er nicht wusste, was es war.

          „Ich hatte eine Leiche im Keller“

          Neumeister ist ein Auktionshaus in München, es liegt fußläufig zu den großen Kunstmuseen, den Pinakotheken; jährlich durchlaufen das Haus etwa zehn- bis zwanzigtausend Objekte, allein im Haupthaus gibt es drei Lastenaufzüge. Dazu kommen zahlreiche Depots. Im Keller befindet sich ein Raum, der bisher nur den Hausmeister interessierte: der Raum für Haushaltstechnik, mit einem Schaltpult, bunten Knöpfchen und einem unscheinbaren Stahlschränkchen. Dieses Schränkchen hatte der Mitarbeiter geöffnet: Gefunden wurden vierundvierzig annotierte Auktionskataloge aus den Jahren 1936 bis 1945. „Annotiert“ heißt: mit handschriftlichen Vermerken. Und das heißt: Hier steht das, worüber in der Nachkriegszeit eisern geschwiegen wurde. Werk für Werk lässt sich nachlesen, wer ein Stück eingeliefert hat, wem es gehörte, wer es kaufte und für welchen Preis. In den gepflegten Handschriften dieser Jahre liest man zum Beispiel „Gestapo“ - oder „Gotthilf“, den Namen eines Wiener jüdischen Architekten. Kurzum: Das Schränkchen verwahrte die Provenienz von Kunstwerken, die wir heute Raubkunst nennen.

          Wäre es Diskretion oder Lüge, diese Geschichten nicht zu erzählen? Das Schränkchen wieder zu verschließen? Wer würde davon erfahren? Die Antwort auf die letzte Frage lautet: niemand. Die Antwort auf die erste Frage gibt Katrin Stoll selbst: „Ich hatte eine Leiche im Keller“, sagt sie, „diese Leiche wollte ich ans Tageslicht holen.“ Unvorbereitet traf Katrin Stoll der Fund nicht: Seit 2008 ist sie die Geschäftsführerin von Neumeister, einem Unternehmen, das bereits zuvor in Familienbesitz war. Stolls Vater, Rudolf Neumeister, hatte es 1958 übernommen, der vorherige Inhaber hieß Adolf Weinmüller. Von Weinmüller, der 1958 starb, gibt es keine Fotografie, kein Historiker weiß, wie er aussah, aber es gibt Zahlen. In den Jahren 1936 bis 1945 handelte Weinmüller etwa 34.500 Objekte über sein Stammhaus in München und die spätere Dependance in Wien. In München gab es dreiunddreißig Versteigerungen, in Wien achtzehn.

          Die Geschichte muss noch einmal aufgerollt werden

          Weinmüller unterhielt enge Beziehungen zur Reichskammer der Bildenden Künste, zu den Behörden und Institutionen der Devisenstelle, der Industrie- und Handelskammer und zahlreichen Kunsthändlern. Kurzum: Weinmüller war eine zentrale Figur des Kunsthandels im Nationalsozialismus. Er, der vor 1933 ein bescheidenes Unternehmen führte, stieg zum Marktführer auf, nachdem mit seiner Hilfe sämtliche jüdische Kunsthandlungen liquidiert worden waren. Weinmüller profitierte doppelt von der Judenverfolgung: Zuerst wurde seine Konkurrenz vernichtet. Dann versteigerte er, was jüdische Mitbürger verkaufen oder zurücklassen mussten, später das, was ihnen geraubt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er vollständig rehabilitiert. Ob er seine Angaben im Spruchkammerverfahren von 1947 selbst als „Diskretion“ oder „Lüge“ empfand, kann niemand wissen. Es waren Lügen, juristisch gesehen sind sie verjährt. Er könne sich an seine Kunden nicht mehr erinnern, sagte Weinmüller - und dass es keine Unterlagen aus dieser Zeit gebe. Kriegsverlust.

          Und jetzt? Die Geschichte wird noch einmal aufgerollt werden müssen. Wer Raubgut kaufte, kann in den gefundenen Auktionsprotokollen nachgelesen werden. Einige Werke, die Weinmüllers Auktionshaus versteigerte, mussten bereits restituiert werden: 2007 etwa Friedrich von Amerlings „Mädchen mit Strohhut“, das bis dahin im Wiener Belvedere hing. 2012 folgte ein Gemälde von Waldmüller, eine Leihgabe im Oldenburger Landesmuseum. Beide Bilder gehörten Ernst Gotthilf, dem jüdischen Architekten, der vor den Nationalsozialisten aus Wien floh und 1950 im Exil starb. Allein der Name seiner Sammlung taucht sechsundsechzigmal in den Auktionsprotokollen auf. Die Käufer? Privatpersonen, aber auch Museen.

          Andere Auktionshäuser schweigen verbissen weiter

          Bereits im vergangenen Jahr erschien das glänzend recherchierte Buch „Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien“. Geschrieben hat es die Kunsthistorikerin Meike Hopp, eine Mitarbeiterin des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München. Den Auftrag, die Geschichte zu erforschen, hatte ihr Katrin Stoll gegeben. Meike Hopp wird nun auch die gefundenen Auktionskataloge auswerten und veröffentlichen.

          Im Umgang mit Raubkunst ist das eine Sensation: Es ist das erste Mal, dass ein Haus Auktionsprotokolle aus dem Nationalsozialismus der Forschung zur Verfügung stellt. Andere deutsche Auktionshäuser schweigen verbissen zu diesem Thema. Eine juristische Verpflichtung gibt es nicht. Nur eine moralische. Diskretion mag eine Tugend sein, Verantwortung jedoch auch eine, Geschichtsbewusstsein ebenfalls. Diskretion ist weiter das tägliche Geschäft von Katrin Stoll. Sie nimmt es sehr ernst. Lügen will sie deshalb nicht.

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