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Auktionsprotokolle aus dem NS : Wo hört Diskretion auf, wo fängt die Lüge an?

  • -Aktualisiert am

Die Geschichte muss noch einmal aufgerollt werden

Weinmüller unterhielt enge Beziehungen zur Reichskammer der Bildenden Künste, zu den Behörden und Institutionen der Devisenstelle, der Industrie- und Handelskammer und zahlreichen Kunsthändlern. Kurzum: Weinmüller war eine zentrale Figur des Kunsthandels im Nationalsozialismus. Er, der vor 1933 ein bescheidenes Unternehmen führte, stieg zum Marktführer auf, nachdem mit seiner Hilfe sämtliche jüdische Kunsthandlungen liquidiert worden waren. Weinmüller profitierte doppelt von der Judenverfolgung: Zuerst wurde seine Konkurrenz vernichtet. Dann versteigerte er, was jüdische Mitbürger verkaufen oder zurücklassen mussten, später das, was ihnen geraubt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er vollständig rehabilitiert. Ob er seine Angaben im Spruchkammerverfahren von 1947 selbst als „Diskretion“ oder „Lüge“ empfand, kann niemand wissen. Es waren Lügen, juristisch gesehen sind sie verjährt. Er könne sich an seine Kunden nicht mehr erinnern, sagte Weinmüller - und dass es keine Unterlagen aus dieser Zeit gebe. Kriegsverlust.

Und jetzt? Die Geschichte wird noch einmal aufgerollt werden müssen. Wer Raubgut kaufte, kann in den gefundenen Auktionsprotokollen nachgelesen werden. Einige Werke, die Weinmüllers Auktionshaus versteigerte, mussten bereits restituiert werden: 2007 etwa Friedrich von Amerlings „Mädchen mit Strohhut“, das bis dahin im Wiener Belvedere hing. 2012 folgte ein Gemälde von Waldmüller, eine Leihgabe im Oldenburger Landesmuseum. Beide Bilder gehörten Ernst Gotthilf, dem jüdischen Architekten, der vor den Nationalsozialisten aus Wien floh und 1950 im Exil starb. Allein der Name seiner Sammlung taucht sechsundsechzigmal in den Auktionsprotokollen auf. Die Käufer? Privatpersonen, aber auch Museen.

Andere Auktionshäuser schweigen verbissen weiter

Bereits im vergangenen Jahr erschien das glänzend recherchierte Buch „Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien“. Geschrieben hat es die Kunsthistorikerin Meike Hopp, eine Mitarbeiterin des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München. Den Auftrag, die Geschichte zu erforschen, hatte ihr Katrin Stoll gegeben. Meike Hopp wird nun auch die gefundenen Auktionskataloge auswerten und veröffentlichen.

Im Umgang mit Raubkunst ist das eine Sensation: Es ist das erste Mal, dass ein Haus Auktionsprotokolle aus dem Nationalsozialismus der Forschung zur Verfügung stellt. Andere deutsche Auktionshäuser schweigen verbissen zu diesem Thema. Eine juristische Verpflichtung gibt es nicht. Nur eine moralische. Diskretion mag eine Tugend sein, Verantwortung jedoch auch eine, Geschichtsbewusstsein ebenfalls. Diskretion ist weiter das tägliche Geschäft von Katrin Stoll. Sie nimmt es sehr ernst. Lügen will sie deshalb nicht.

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