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Bonhams Auktion : Auch Frauen mögen’s teuer

Höchste Zeit: Ein britisches Auktionshaus richtet eine eigene Sektion für die Werke von Künstlerinnen ein und lenkt so den Blick auf ein erstaunliches Ungleichgewicht in der Kunstwelt.

          Als im Sommer 2014 der Internetdienst Artprice unter dem Titel „Female Artists and Big Money“ eine Statistik über die Höchstpreise für Künstlerinnen im Auktionsmarkt vorlegte, klang das so: Die Zuschläge für die Werke von Frauen, was die Gegenwartskunst betrifft, hätten noch nicht einmal die Marke von zehn Millionen Dollar passiert, während der Kollege Francis Bacon bereits jenseits der hundert Millionen Dollar notiert wurde. Zwar stimmte das nicht ganz - ein „Untitled“-Gemälde von Joan Mitchell wurde im Mai 2014 bei Christie’s in New York für 10,5 Millionen Dollar zugeschlagen - aber das war auch bereits die einsame Spitze; es folgte mit 9,5 Millionen Dollar eine der bronzenen Riesenspinnen von Louise Bourgeois. Seither gibt es keine neue Statistik, es hat sich aber auch wenig getan - bis auf einen exorbitanten Preis.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Jetzt hat das britische Auktionshaus Bonhams, gegründet 1793, mit Hauptsitz in Londons New Bond Street und Nummer drei hinter Sotheby’s und Christie’s, eine zündende Idee. Warum nicht in der nächsten Versteigerung am 11. Februar in London eine Sektion mit Kunst von Frauen? Sind diese doch „woefully undervalued“ im Markt, arg unterbewertet, und es gibt weitere Belege dafür: Im Jahr 2012 stammten nur 6,5 Prozent der Werke in Auktionen von Künstlerinnen. Von den Losen oberhalb einer Million Dollar waren nur drei Prozent von Frauen. Nur neunzehn unter den fünfhundert teuersten Künstlern waren 2014 weiblich. Aber nun will Bonhams mit seiner Mini-Sektion für die Künstlerinnen auf das Gender-Ungleichgewicht in der Kunstwelt hinweisen, das schließlich „eine der überraschendsten Anomalien des heutigen Markts“ sei.

          Eine amerikanische Säulenheilige

          Während sich die Konkurrenz also mit Cross-Over-Sales für die Schwer- und Neureichen dieser Welt abmüht oder sündteure Tourneen in hinterste Weltgegenden für Spitzenwerke organisiert, fängt Bonhams beim Wesentlichen an. An der Spitze der Fünf-Frauen-Abteilung steht „Le cheval à six têtes“ der französischen Bildhauerin Germaine Richier. Die gut hundert Zentimeter hohe, goldpatinierte Bronze von 1954/56 trägt eine Schätzung von 200 000 bis 300 000 Pfund oder 290 000 bis 440 000 Dollar. Das ist keine atemraubende Taxe, und sie prognostiziert auch kein siebenstelliges Ergebnis.

          Das allerdings eintreffen könnte: Erstens, weil dieses sechsköpfige Ross so anmutig ist - und zweitens, weil Richier, Jahrgang 1902, zu den unterbewerteten Künstlern zählt. Jedenfalls im Verhältnis zu dem ein Jahr älteren Alberto Giacometti. Der höchste Zuschlag für eine lebensgroße Bronze Richiers liegt bei 1,9 Millionen, für ein Gegenstück Giacomettis bei 126 Millionen Dollar. Da ist etwas tatsächlich nicht in der Balance.

          Der erwähnte absolute Spitzenzuschlag fiel im November 2014 bei Sotheby’s in New York für Georgia O’Keeffes „Jimson Weed/Flower No. 1“ von 1932 - mit 39,5 Millionen Dollar. Geschätzt war das große Blumenbild auf zehn bis fünfzehn Millionen, der höchste Preis für O’Keeffe lag bis dahin bei 7,8 Millionen Dollar. Nun ist die Künstlerin eine amerikanische Säulenheilige, dazu kommt, dass die weiße Stechapfelblüte einst im Weißen Haus in Washington im Esszimmer von George W. Bush hing, ehe sie in das nach O’Keeffe benannte Museum in Santa Fe kam, das sich von dem Bild zugunsten neuer Erwerbungen trennte. Käuferin war die Walmart-Erbin Alice B. Walton. Sie brachte das Bild in ihr Crystal Bridges Museum of American Art in Bentonville in Arkansas. Walton kauft gern teuer Amerikanisches: eine Coca-Cola-Flasche von Warhol oder „Blackwell’s Island“ von Edward Hopper. Wo so viel patriotisches Geld und so viel Charisma wie bei Walton und O’Keeffe aufeinandertreffen, kann es kostspielig werden.

          Symbolischer Aufstand gegen die globale Ungerechtigkeit

          Keinesfalls sind Auktionspreise verlässliche Garanten für Wertsteigerungen oder gar Indikatoren für Qualität. Ein Werk, das in einer Versteigerung avanciert, kann eine ganze Reihe von Merkmalen aufweisen, die jenseits davon liegen, und wenn es gut läuft, kommt es zu einer singulären Bewertung wie bei Georgia O’Keeffes „Jimson Weed“ mit seiner Museums- und George-W.-Bush-Vergangenheit.

          Nun probt Bonhams einen symbolischen Aufstand gegen die große globale Ungerechtigkeit. Zur Damenabteilung gehören außer Germaine Richier die japanische Polka-Dots-Königin Yayoi Kusama, die zwei eleganten Italienerinnen Dadamaino und Carla Accardi und die zuverlässige Louise Nevelson, keine von ihnen mit einem Hauptwerk, alle im niedrigen fünfstelligen Bereich. Bahnbrechendes steht nicht an. Aber den Zusammenhang zwischen Gender, dem sozialen Geschlecht einer Person, und dem Preis für ein Kunstwerk kann auch der Begriffsstutzigste nicht übersehen. Schade bloß, dass im Katalogtext gleich wieder die Notbremse gezogen wird, „Five Artists, Five Mediums“ ist die kleine Gruppe überschrieben.

          So viel Materiallehre wäre nicht nötig gewesen - und nicht die Versicherung, dass diese Künstlerinnen sich weniger für Frauen hielten als vor allem für Künstler und dass für sie ihre Arbeit alles war. Aber das versteht sich doch von selbst, für Frauen.

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