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Auktionsergebnisse Lempertz : Auf einem Feld voller Nägel

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Die Klassische Moderne schwächelt, die Zeitgenossen bestätigen die Erwartungen: Der Star der Mai-Auktionen bei Lempertz in Köln heißt Günther Uecker.

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          Unicef darf sich schon jetzt freuen. Das Kinderhilfswerk hatte 43 Lose aus der Sammlung von Gustav Rau bei Lempertz in Köln zur Auktion gegeben, und fast alle fanden einen neuen Besitzer. 1,5 Millionen Euro (ohne Aufgeld) kamen zusammen, die einem von Rau in den achtziger Jahren gegründeten Krankenhaus im kongolesischen Ciriri zugute kommen. Der 2002 gestorbene Stuttgarter Arzt hatte Unicef seine Kollektion vermacht und eine Auswahl an Bildern zum Verkauf freigegeben. Sotheby’s, Bonhams und Lempertz bekamen den Zuschlag für die mehr als fünfhundert Werke. Die Versteigerung bei Lempertz zeigt also nur einen kleinen Ausschnitt. Sotheby’s bietet am 19. Juni und 2. Juli das größte und bedeutendste Konvolut in London an.

          Die Auktion mit Klassischer Moderne bei Lempertz, in deren Programm die Sammlung Rau geführt wurde, war mit einer Gesamtschätzung von 4,8 bis 5,8 Millionen Euro angekündigt; erzielt wurde ein Netto-Gesamtumsatz von 2,2 Millionen Euro. Zum unverhofften Star im dicht besetzten Saal stieg eine anmutige, stille Tischszene des Wiener Secessionisten Carl Moll auf: Das 1915 entstandene Werk wurde von einigen Telefonbietern umworben und erst bei 235.000 Euro (Taxe 50.000/60.000) zugeschlagen; Gewinner ist österreichischer Handel.

          Max Slevogts lockeres Porträt der japanischen Tänzerin Kawakami Sadayakko begeisterte einen deutschen Sammler, der das Gemälde aus dem Jahr 1901 bis auf 360.000 Euro (250.000/300.000) hob. Durchwachsen sehen die Ergebnisse zweier markanter Porträts aus: Louis Anquetins schelmisches Selbstbildnis von 1892 wurde zur unteren Taxe von 150.000 Euro (150.000/180.000) abgegeben, während sich das mit 100.000 bis 150.000 Euro bezifferte Selbstporträt mit Katze von Léonard Tsuguharu Foujita nicht durchsetzte. Für seine schwarze Hündin mit Jungen fiel der Hammer bei 70 000 Euro (80.000/100.000).

          Eine geheimnisvolle kleine „Meditation“ von Jawlensky aus dem Jahr 1935 bestätigte ihre Erwartung von 50.000 Euro. Der monumentale „Sämann“ des Tiroler Malers Albin Egger-Lienz bleibt in Österreich: Ein Sammler bewilligte stolze 480.000 Euro (280.000/ 320.000) und etablierte damit einen neuen Auktionshöchstpreis. Erfolg hatten auch Max Liebermanns „Blumenstauden am Gärtnerhäuschen nach Osten“: Das einst verschollen geglaubte Gemälde aus dem Jahr 1928 ging für 270.000 Euro (240.000/260.000) in deutschen Handel.

          Kandinskys Entwurf für sein Gemälde „Leicht Zusammen“ fand kein Interesse, wie auch nicht die feine Zeichnung „Jeune fille en vert dans intérieur rouge“ von Matisse. Starke Steigerungen erfuhren hingegen die zahlreichen Keramiken von Picasso: Eine „Femme du barbu“, ein Krug mit Frauenantlitz aus dem Jahr 1953, stieg von geschätzten 7000 bis 8000 auf 25 000 Euro, und ein Krug aus dem Jahr 1969 als „Visage au nez noir“ gar bis hinauf auf 31 000 Euro (8000/10 000).

          Bei den Zeitgenossen ruhte alle Hoffnung auf zwei Meter hohem Gemälde „Ohne Titel (Mask)“ von Zeng Fanzhi aus dem Jahr 2000; die Schätzung lag bei einer Million bis 1,2 Millionen Euro. Doch der maskierte Mann mit Zigarre setzte sich nicht durch: Erst in Nachverhandlungen bewilligte ein chinesischer Sammler 900.000 Euro für das Werk von Chinas derzeit teuerstem lebenden Künstler. Mit Aufgeld sind das rund 1,1 Millionen Euro - also bloß ein Bruchteil jener umgerechnet 6,8 Millionen Euro, die ein ähnliches Maskenporträt Zengs bei Christie’s in Hongkong 2008 einspielte. Das ist bis heute der höchste Zuschlag für das Werk eines zeitgenössischen chinesischen Künstlers. Es stellt sich die Frage, warum sich der Schweizer Einlieferer für Köln als Versteigerungsort entschied? Das Ergebnis sollte wohl als Signal für internationale Sammler dienen, dass Lempertz den neuen Kunsthandelsplatz China im Auge hat und davon profitieren will.

          In der Auktion mit Gegenwartskunst wurden dann die Favoriten ihrer Rolle gerecht und sorgten für einen Gesamtumsatz von 3,8 Millionen Euro; geschätzt war das Programm netto auf 3,9 Millionen Euro. Günther Uecker bewies wieder einmal seine ungebrochene Anziehungskraft. Sein „Feld 83/84“ aus der Mitte der achtziger Jahre sorgte im Saal und gleich an einem Dutzend Telefonen für ein minutenlanges Bietgefecht. Die 1,2 mal 1,2 Meter große Nagelung ließ dabei ihre obere Erwartung von 250.000 Euro im Nu hinter sich; der Hammer fiel erst bei 650.000 Euro, bewilligt von einem deutschen Sammler.

          Gerhard Richters „Pyramide“ aus dem Jahr 1966 war einer französischen Sammlung das Gebot von 140.000 Euro wert (100.000/150.000). Emil Schumachers „Belula“ von 1960 wurde einst auf der Venedig-Biennale gezeigt, nun spielte es 80.000 Euro (80.000/120.000) ein. Viel Interesse gab es für Joseph Beuys’ collagierte Papierarbeit „Ohne Titel (Hirsch)“ aus dem Jahr 1962: Auf 30.000 bis 40.000 Euro geschätzt, verdoppelte das Blatt seine obere Erwartung und wurde erst bei 85.000 Euro an einen amerikanischen Sammler abgegeben.

          Zufriedene Gesichter sah man auch bei der Versteigerung von Fotografie. Ein Sammler aus Belgien etablierte einen neuen Höchstpreis: László Moholy-Nagys 1929 entstandenes Porträt von Ellen Frank bebot er bis 43.000 Euro (20.000/25.000). Insgesamt 270.000 Euro spielte die Versteigerung von knapp hundert Werken zeitgenössischer Fotografie aus der Sammlung Teutloff ein.

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