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Auktionen-Rückblick : Mit den Heiligen läuft es besser

  • -Aktualisiert am

In Spanien ist der Aufschwung 2015 deutlich: Die Bilanz der Auktionen zeigen, dass besonders Alte Kunst im letzten Jahr gefragt war

          Die Erholung ist nicht zu leugnen. Sammler hielten ihre Schätze nicht länger zurück, und vermögende Kunstfreunde bevölkerten die Auktionen in Madrid, Sevilla und Barcelona. Rund dreißig Werke spielten 2015 je mehr als 100 000 Euro ein. Seit 2006 gab es insgesamt keine so teure Kunst mehr in spanischen Auktionen, auch der Staat bot mit. Das stärkste Interesse galt der Alten Kunst und den Heiligen. Spitzenlos bleibt ein „Heiliger Antonius mit Jesuskind“ von Murillo, den das Haus Isbilya in Sevilla schon im Juni zur Schätzung von 900 000 Euro einem ungenannten Bieter am Telefon zuschlug. Eine kleinere Version des Motivs aus der Zeit um 1670/80 hängt in der Ermitage in St. Petersburg. Rang zwei belegt ein Diego Velázquez zugeschriebenes Porträt König Philipps IV., das ebenfalls Isbilya im April taxgerecht bei 750 000 Euro an einen spanischen Sammler im Saal abgab; das großformatige Bildnis war vor einigen Jahren bei 2,5 Millionen Euro zurückgegangen. Den dritten Platz konnte sich im Dezember das Madrider Haus Fernando Durán sichern: Ein „Heiliger Hieronymus im Gehäuse“ ging für 650 000 Euro (Taxe 350 000) an einen anonymen Bieter; zugeschrieben ist er dem flämischen Renaissance-Maler Marinus van Reymerswaele, tätig zwischen 1533 und 1545.

          Eine Überraschung und Platz vier verbucht in Madrid Abalarte im Juni 2015 mit einem philippinischen Album von José Honorato Lozano, der im 19. Jahrhundert in Manila lebte: Der Band mit 23 Aquarellen und farbigen Gouachen volkstümlicher Szenen aus der spanischen Kolonie ist eine Rarität. Die niedrige Taxe von 9000 Euro und das Interesse für Werke der Kolonialzeit riefen mehrere philippinische Sammler auf den Plan; der Zuschlag erfolgte bei 400 000 Euro, das ist ein Weltrekord für Lozano. Ähnlich unterschätzt war ein lesender „Heiliger Hieronymus“ bei La Suite in Barcelona im Juni. Zunächst dem Umkreis Jusepe de Riberas zugeordnet, stammt er wohl doch aus der römischen Kirche Santa Maria degli Angeli e del Martiri - und von einem Caravaggio-Schüler: Der Zuschlag erfolgte erst bei 350 000 Euro an einen ausländischen Händler, gegenüber einer Taxe von 7000 Euro - damit Platz fünf. Den sechsten Rang nehmen die „Heilige Lucia“ und die „Heilige Apollonia“ von Artemisia Gentileschi gemeinsam ein. Die 1642/44 gemalten Andachtsbilder wurden im März bei Alcalá in Madrid auf 300 000 Euro (275 000) angehoben. Und zwei hübsche Mädchen sicherten sich Platz sieben: Der andalusische Symbolist Julio Romero de Torres nahm die biblischen Schwestern Martha und Maria zum Vorbild für seine dekorative Version des Motivs, die er 1917 schuf und die von 1965 an als Briefmarke im Umlauf war; bei Abalarte ging das Ölbild im Oktober 2015 zur Taxe von 200 000 Euro in Privathand.

          Ein explosives Hochformat mit wilder Linienführung

          Auf Rang acht rückte im März im Madrider Haus Fernando Durán ein Porträt des „Tiberio Fiorilli als Scaramouche“ vom italienischen Barockmalers Pietro Paolini. Fiorilli soll in der Rolle der komischen Figur den zweijährigen späteren Sonnenkönig Ludwig XIV. zum Lachen gebracht haben. Das attraktive Bild stieg von erwarteten 35 000 auf 200 000 Euro. Auf Platz neun gelangte noch einmal ein Werk von philippinischer Hand: Das „Porträt der Familie Azcárraga“ von Juan de Arzeo stellt die Eltern und zwei Schwestern des späteren Generals José und des künftigen spanischen Ministerpräsidenten Marcelo Azcárraga dar. Bei Durán in Madrid wurde das 226 mal 178 Zentimeter große Ölbild von 1924 im Oktober mit 15 000 Euro aufgerufen und, trotz leichter Mängel, erst bei 180 000 Euro abgegeben. Ein zweites kleineres Porträt Arzeos zeigt den dreijährigen José und seine einjährige Schwester Pilar; es wurde von 10 000 auf 110 000 Euro angehoben. Auf beiden Großformaten mit abgebildet ist ein philippinisches Kindermädchen. Platz zehn teilen sich - mit je 170 000 Euro Hammerpreis - drei Lose: Den Dezember-Katalog von Abalarte schmückten die Porträts von Philipp V. und der jungen Königin Maria Luisa Gabriella von Savoyen in Jagdkleidung. Die beiden je 107 mal 84 Zentimeter großen Ölbilder von Miguel Jacinto Meléndez sicherte sich bei 170 000 Euro (150 000) der spanische Staat per Vorkaufsrecht.

          Mit einem Ölbild des 1924 in Manila geborenen und 1984 in Rom gestorbenen Fernándo Zóbel konnte sich auch das Madrider Haus Segre unter den teuersten Zuschlägen plazieren: „Bronze IV“ ist mit wilder Linienführung ein explosives Hochformat von 1959, das mit dem Aufruf bei 21 000 Euro Aufruf im Dezember deutlich unterschätzt war. Ebenso war es Durán in Madrid bereits im Mai mit der Holztafel „Christus trägt sein Kreuz“ ergangen. Die 118 mal 92 Zentimeter große Leidensszene des italienischen Renaissance-Malers Sebastiano del Piombo trug eine Erwartung von 12 000 Euro.

          Liebliche Szenen des italienischen Rokoko

          Der Staat sicherte sich im Oktober bei Balclis in Barcelona zur Taxe von 130 000 Euro die Karnevalsszene „Murga gaditana“ von José Gutiérrez Solana; die satirische Truppe wird das Museum für Gegenwartskunst Reina Sofía bereichern. Im November erwarb der Staat dann bei Fernando Durán zwei liebliche Szenen des italienischen Rokoko von Corrado Giaquinto taxgemäß für 125 000 Euro. Die 84 mal 240 Zentimeter großen Gemälde mit purzelnden Putten, Girlanden und Trauben schmückten einst die Königliche Teppichmanufaktur Spaniens und sind als nationales Kulturgut geschützt. Beide Lose waren schon mehrmals zuvor und mit deutlich höherer Erwartung angeboten worden, bis sie nun Erfolg hatten.

          Diese guten Ergebnisse lassen auch Rückgänge verschmerzen, etwa einer Miniatur von El Greco, die bei Ansorena im Mai für 450 000 Euro liegenblieb, oder eines „San Antonio Abad“ von Francisco de Zurbarán, der als Modell für weitere Heiligenfolgen diente: Abalarte erwartete dafür im Oktober 650 000 Euro, ein Exportverbot des Kulturministeriums stoppte den Höhenflug.

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