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Auktionen in London : Hier gibt es eine moralische Verpflichtung

Ein unglaublicher Vorgang: Die Deutsche Telekom lässt aus ihrem Kunstbestand in London „Paris. Montparnasse“ von Andreas Gursky versteigern. Wie kann das sein?

          Andreas Gurskys monumentale Fotoarbeit „Paris, Montparnasse“ von 1993 ist eines der Spitzenstücke in der Londoner Zeitgenossenauktion bei Sotheby’s. Die Schätzung von umgerechnet 1,19 bis 1,78 Millionen Euro zielt auf einen neuen Rekordpreis für ein Werk des Künstlers; der aktuelle - für das Großformat „Rhein II“ von 1999 - liegt beim Zuschlag von umgerechnet gut 2,76 Millionen Euro, bei Christie’s in New York vor zwei Jahren. Über diese Einlieferung freut sich Sotheby’s verständlicherweise; die Vorstadt-Wohnmaschine ist entsprechend auch das Cover des Katalogs.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Nicht freuen kann sich die deutsche Öffentlichkeit, genaugenommen muss sie sehr ärgerlich werden angesichts der Umstände dieser Versteigerung: Zur Herkunft des Großformats, bei dem wirklich von einer fotografischen Ikone der Gegenwart zu sprechen ist, steht im Auktionskatalog nur: „Acquired directly from the artist by the present owner.“ Weniger geht nicht - und meist geht so viel Diskretion auf den Wunsch des Einlieferers zurück. Von Sotheby’s ist auf Anfrage immerhin zu erfahren, der Eigentümer habe das Werk „circa 1996“ beim Künstler erworben. Der schönen Ordnung halber sei dieser schamhafte Eigentümer hier enthüllt: Die Deutsche Telekom hat Andreas Gurskys „Paris. Montparnasse“ in London zur Auktion gegeben. Das ist schon ein ziemlich unglaublicher Vorgang.

          Der Bund war alleiniger Aktionär

          Denn wer ist die „Deutsche Telekom AG“? Am 1. Januar 1995 ist sie aus der ehemaligen „Deutschen Bundespost“ entstanden - zunächst mit dem Bund als alleinigem Aktionär; das kann jeder nachlesen. Erst am 18. November 1996 erfolgte der Börsengang; bei ihrer Einführung wurde die T-Aktie als „Volksaktie“ bezeichnet. Genaugenommen hat also möglicherweise der Bund einst Gurskys Bild erworben. Und der Preis damals? Im Entstehungsjahr 1993 vermittelte Gurskys Galeristin Monika Sprüth „Paris. Montparnasse“ für etwa 30 000 Mark; 1996 wird das Foto 70 000 bis 100 000 Mark gekostet haben. Übrigens hat Gursky dieses Exemplar, einen der beiden Künstlerabzüge neben einer Auflage von fünf (nicht sechs, wie im Katalog steht), aus Freundlichkeit dem Unternehmen gegeben für dessen Kantine in Leipzig, Gurskys Geburtsstadt nämlich. Und absolut recht hat der hymnische Katalogeintrag damit, dass es sich um ein Meisterwerk Gurskys handle, von dem die prestigious Tate-Kollektion einen Abzug besitze. Kein deutsches Museum hat einen.

          Auf Anfrage dieser Zeitung erklärte eine Unternehmenssprecherin zunächst, dass ihr „momentan leider keine Informationen zu einer Versteigerung eines Telekom-Kunstwerks in London“ vorlägen. Dann aber doch, dass die Telekom ihre Kunstsammlung „vollkommen neu“ ausrichte „auf zeitgenössische Kunst aus Süd-Ost-Europa und der Türkei“. „Entsprechend“ würden „die Erlöse aus dieser besonderen Versteigerung für den Mittelpool zur Finanzierung von Neuanschaffungen verwendet“. Das kann die Telekom doch jetzt nicht im Ernst meinen.

          Vor diesem Hintergrund ist der klammheimliche Verkauf - mit einer geschätzt fünfzigfachen Rendite - eine äußerst ungute Idee. Hat die Telekom das nötig? Nicht nur der Anstand hätte es geboten, dass dieses auf „Volksaktien“ gegründete, also im Volk verwurzelte Unternehmen sich an ein deutsches Museum wendet: Da darf schon von einer moralischen Verpflichtung die Rede sein. „Paris. Montparnasse“ ist ja nicht irgendein Foto. Es ist ein weltweit berühmtes Hauptwerk eines der wichtigsten, nicht nur deutschen, zeitgenössischen Künstler. Der einzig angemessene Umgang einer Institution wie der Telekom mit einem solchen Werk ist die Dauerleihgabe an ein Museum, endlich die Übereignung in öffentlichen Besitz - an den Bund.

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