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Auktion in Wien : Ein Dorado für die Italiener

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Am 31. Mai und 1. Juni auktioniert das Wiener Dorotheum Moderne und Zeitgenossen – auch diesmal ist die italienische Kunst stark vertreten. Eine Vorschau.

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          Er fühlte sich lange als Außenseiter in einer Gesellschaft, die seine Kunst verkannte. Die von James Ensor gemalten Masken verkörperten einerseits die ignorante Masse, andererseits die Sehnsucht des belgischen Künstlers nach Authentizität hinter den Larven. Eine vergleichsweise sympathische Partie von Clowns tritt in Ensors Ölbild „Baptême de masques“ auf, in dem sich der Künstler selbst im Husarenkostüm verewigte. Das in Perlmuttfarben getauchte Gruppenbild entstand zwischen 1925 und 1930, als Vorlage diente eine Fotografie mit Mitgliedern der befreundeten Familie Narath. Liebevoll bringt Ensor mit feinem Pinsel Details ein; psychologisch reizt das farbharmonische Bild durch die unterschiedlichen Posen und Mimiken der Pierrots und Harlekine. Mit einer Taxe von 300 000 bis 500 000 Euro stellt die „Maskentaufe“ nun das Toplos der Auktion Klassische Moderne im Wiener Dorotheum am 31. Mai.

          Italiener, wo man nur hinsieht

          In den beiden umfangreichen Zeitgenossen-Katalogen für den 1. Juni wimmelt es wieder von italienischen Künstlernamen. Bevor ihre Kunstwerke fünfzig Jahre alt werden und unter die Exportgenehmigungspflicht fallen, entscheiden sich viele südliche Nachbarn für den Verkauf. Die Dorotheum-Filialen in Mailand und Rom sind angesichts des unterentwickelten italienischen Auktionsmarkts beliebte Anlaufstellen für Einlieferer. Das Titellos stammt jedoch aus einer deutschen Privatsammlung. Um 1967/68 setzte Lucio Fontana das Stanleymesser an die blitzblaue Leinwand und schlitzte sie mit einem seiner legendären „tagli“ auf. Dieses auf 600 000 bis 800 000 Euro geschätzte „Concetto spaziale“ war auch 1996 in der Fontana-Retrospektive der Schirn Kunsthalle zu sehen.

          Auch Liebhaber der Zero-Künstler werden im Dorotheum bestens bedient: Sei das mit Günther Ueckers 1970 gerastertem Nagelbild „Reihung“ (Taxe 250 000/350 000 Euro), mit einem strukturgeprägten Aluminiumquadrat von Heinz Mack (70 000/90 000) oder mit dem lavaroten Bild „Run“, das Otto Piene 1978 mit Feuer bearbeitete (35 000/40 000). Piene entwarf auch Leuchtkörper, die Designobjekten nahekommen; seine mundgeblasene Glassäule „Weißer Lichtgeist“ spendet via integriertem Timer unregelmäßige Leuchtimpulse (230 000/280 000). Strukturierte Leinwände von Fontanas jüngeren Mitstreitern - wie Enrico Castellanis „Superficie bianca“ (250 000/ 350 000) oder das mit feinen Pinselstrichen akzentuierte „Grigio“ von Agostino Bonalumi (150 000/200 000) - stoßen im Dorotheum stets auf Anklang. In Rom fand Carla Accardi bereits früh zu ihren arabesken Formen, wie in der Weiß-auf-Schwarz-Komposition „Integrazione“ von 1958 (80 000/100 000); später schuf sie mit Plastikformen auf der Leinwand gewellte Schattenmuster (100 000/150 000). Ihre Kollegin Dadamaino kam der Op-Art mit einer modulierten Lochstruktur 1960 noch näher (110 000/160 000).

          Mit dem Hinweis „Aus einer wichtigen Privatsammlung“ kündigt der Katalog Gerhard Richters Porträt von Karl-Heinz Hering, dem ehemaligen Direktor des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, an, eine mit dem Entstehungsjahr 1968 frühe Ausführung der verwischten Schwarzweiß-Bilder (400 000/600 000). Außerdem gelangt eine Richter-Abstraktion von 2005 zum Aufruf (200 000/ 300 000). Von Georg Baselitz gehen die Kopfüber-Stillleben „Hinterglas“ und „St. Georgstiefel“, beide 1997, an den Start (je 180 000/260 000). Wie ein Blütenmeer nimmt sich David Schnells Großformat „Pink“ aus (60 000/90 000). Aus Amerika stammt das kosmisch anmutende Gemälde „Suspended Light“ des wenig bekannten Richard Pousette-Dart, der seinerzeit zu den ersten abstrakten Expressionisten zählte (200 000/300 000).

          Werke von Rauschenberg, Wesselmann und Lassnig unter dem Hammer

          Eine Mischtechnik aus Robert Rauschenbergs „Ägyptischer Serie“ von 1974 zeigt ein Kreuz aus einem alten Karton (110 000/130 000). Dem Pop-Artisten Tom Wesselmann gelang 1983 ein starkes Porträt der Kunsthistorikerin Nancy Scribble (260 000/ 360 000). Ein riesiges Insekt lässt Maria Lassnig in ihrem leuchtenden Gemälde „Hitze der Geschwindigkeit“ von 1985 eine Figur verfolgen, die Feuer speit (140 000/200 000). Und auch Herbert Brandl scheint in seiner 2,5 mal sechs Meter großen Abstraktion eine Gluthölle zu inszenieren (90 000/140 000). Für Abkühlung könnte da die freche Brunnenskulptur von Erwin Wurm sorgen, die aus dem Stinkefinger Wasser spritzt (20 000/ 30 000). Zu den wenigen Plastiken der Auktion zählt Anish Kapoors fast 2,5 Meter hohes rotes Fiberglasobjekt „Pouch“ mit geheimnisvoller Einbuchtung (250 000/400 000).

          Zu den zentralen Losen bei der Klassischen Moderne zählt eine kleine hochsommerliche Meeresansicht, die Renoir an seiner geliebten Côte d’Azur schuf (140 000/200 000). Als „Memento of a Trip“ betitelte der begeisterte Seefahrer Hundertwasser sein 1957 in St-Tropez gemaltes Bild, dessen Reiz auch aus der Verwendung von starken Aquarellfarben auf weiß grundiertem Packpapier herrührt (80 000/130 000). Der Maler Rudolf Bauer ist heute kaum bekannt, war seinerzeit aber als Einkäufer für die Sammlung von Solomon R. Guggenheim wichtig.

          Der 1889 geborene Künstler förderte auch in seinem Berliner Privatmuseum „Das Geistreich“ ungegenständliche Malerei. Nun gelangt seine spannende Komposition „Two Purple Balls - Das Geistreich“ von 1938 auf den Markt, die noch das Etikett der Guggenheim Collection trägt (150 000/200 000). Alberto Savinio, der Bruder von Giorgio de Chirico, lässt über seiner mythologischen Szene „Die Abfahrt der Argonauten“ um 1933 einen riesigen Kopf auftauchen, der wie eine schützende Instanz wirkt; die eigenwillig hexagonal geformte Malerei ist auf 130 000 bis 180 000 Euro geschätzt. Der Futurist Gino Severini verwendete für sein Stillleben „Le Homard“ von 1948 auch Sand (40 000/50 000).

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