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Alte Meister : Kompaktkurs in Kunstgeschichte

  • -Aktualisiert am

Vom Goldgrund bis zum Klassizismus, nach New York sollte man reisen: Unsere Vorschau auf die Auktion mit Alten Meistern bei Christie's.

          3 Min.

          Die meisten Frühjahrstouristen, die sich derzeit am New Yorker Rockefeller Center tummeln, ahnen nichts davon, dass sich meisterliche Kunst aus ihrer europäischen Heimat in unmittelbarer Nähe befindet und dass sie ganz ohne Eintrittsgeld bei Christie's durch die Galerien streifen könnten: ein kompakter Kurs in Kunstgeschichte von früher Goldgrundmalerei über Werke der Renaissance, des Manierismus und des Barock bis zum Klassizismus. Alte Meister aus Italien, Deutschland, England, Frankreich und Holland warten auf ihren Auftritt am 15. April. Zum Verkauf stehen unter anderem Werke aus der Sammlung des New Yorker Altmeistersammlers Saul Steinberg oder aus dem Nachlass der verrufenen Hotel-Milliardärin Leona Helmsley und Gemälde aus dem Depot des im Jahr 1940 ums Leben gekommenen Kunsthändlers Jacques Goudstikker, die erst vor zwei Jahren aus holländischen Museen an seine Schwiegertochter Marei von Saher restituiert wurden.

          Zu den Letzteren gehört die 130 Zentimeter hohe Tafel mit der Darstellung der heiligen Lucia von Jacopo del Casentino: Wohl noch vor 1442 in Florenz entstanden, zeigt sie die Heilige mit rotem Mantel, Palmzweig und einem kostbaren goldenen Gefäß, in dem zwei Augen an ihr grausames Martyrium erinnern. Schon vor einem Jahr hat Christie's die Tafel in der Goudstikker-Auktion angeboten; damals hat sie keinen Abnehmer gefunden. Jetzt ist die frühere Schätzung von 800.000 bis 1,2 Millionen auf 500.000 bis 700.000 Dollar heruntergestuft worden. Der New Yorker Kunsthändler Richard Feigen liefert ein barockes Meisterwerk von Orazio Gentileschi ein, das die Stigmatisierung des heiligen Franziskus mit kräftigem Engel und ohnmächtigem Mönch aus der Untersicht besonders eindrucksvoll beleuchtet (Taxe 2/3 Millionen Dollar). Von Thomas Gainsborough stammt eine einladende Waldlandschaft mit Hirten, Kühen und Schafen an einem Gewässer, ein romantisches Spätwerk, das auf drei bis fünf Millionen Dollar geschätzt ist (und für das ein kleines Dreieck neben der Losnummer im Katalog verrät, dass die Firma Christie's seine Eigentümerin ist).

          Cranachs Porträt der Sybille von Cleve

          Zu den größten Schätzen der Auktion zählt ein liebliches Bildnis von Lucas Cranach d. Ä.: Das bezaubernde Porträt der Sybille von Cleve (1512 bis 1554) mit goldenem Brautkranz entstand, als sie vierzehn Jahre alt und erst kürzlich Johann Friedrich I., dem zukünftigen Kurfürsten von Sachsen, zur Braut gegeben war. Die Erwartung dafür liegt bei vier bis sechs Millionen Dollar. Aus einer französischen Privatsammlung wird ein apartes Werk von Jean-Honoré Fragonard eingeliefert, der in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts die Spezialität entwickelte, leicht bekleidete Frauenzimmer beim Spiel mit Schoßtieren zu malen, so auch "Junges Mädchen mit zwei Welpen" (600.000/800.000): Auf ovalem Format zeigt Fragonard eine lächelnde Schönheit, die liebevoll zwei junge Hunde an ihren nackten Busen drückt. Mit flüssigen Pinselstrichen in Rosa und Braun erweckt Fragonard den Eindruck, als seien die Welpen erst wenige Tage alt; alles ist süß, weich und rund. Zum Schluss der Auktion kommen zwei meisterhafte Bildnisse von Jacques-Louis David zum Aufruf, das Porträt des Dominique-Vincent Ramel de Nogaret, der zwischen 1796 und 1799 als französischer Finanzminister diente, und seiner Frau, Ange-Pauline-Charlotte Ramel de Nogaret, geborene Panckoucke. David malte das Ehepaar im Jahr 1820 in Brüssel, wo das Schicksal den Künstler und den ehemaligen Finanzminister als Napoleongetreue im Exil zusammenführte.

          David und Ramel de Nogaret hatten beide seit der Revolution in Frankreich verschiedene Staatsämter innegehabt, aber sie befreundeten sich erst nach Napoleons Abdankung als Exilanten in Belgien. In Brüssel beschäftigte sich David vermehrt mit Porträtaufträgen. Ramel de Nogaret ernährte seine Familie hier mit dem Textilhandel, was vielleicht erklärt, warum seine Frau mit einer so opulenten, leicht provinziell wirkenden Brüsseler Spitzenhaube bekleidet ist. Beide Dargestellten tragen einen herrlich abgeklärten, fast schon indignierten Blick zur Schau. Zuerst wird das Männerbildnis für eine Taxe von vier bis sechs Millionen Dollar aufgerufen. Um die Chancen zu erhöhen, dass das Bilderpaar nicht auseinandergerissen wird, hat der anonyme Einlieferer zumindest darauf gedrungen, dass der Käufer des ersten Porträts das zweite konkurrenzlos zum Limit kaufen kann. Falls der neue Besitzer des Monsieur sich nicht für Madame interessiert, erhofft sich Christie's für sie von anderer Seite ein Gebot zwischen zwei und drei Millionen Dollar.

          Götterkampf in Stasi-Hand: Die erstaunliche Geschichte einer Restitution

          Cornelis van Haarlems rund zweieinhalb Meter breites Bild „Herkules und Acheloos“ ist nicht nur als Kunstwerk exzeptionell, sondern hat auch eine ungewöhnliche Geschichte. Bis vor wenigen Monaten hing das monumentale Gemälde, das den Kampf zwischen Herkules und dem in Stierform auftretenden Flussgott Acheloos zeigt, noch im Bode-Museum in Berlin. Der in höchster Muskelanspannung dargestellte Herkules, nackt bis auf sein Löwenfell, ist im Begriff, dem zu Boden gegangenen Stier eines seiner Hörner abzubrechen. Rechts im Hintergrund ist zu sehen, wie die Nymphen es zum Füllhorn umwandeln werden.
          Erst im November 2007 ist das Werk an den rechtmäßigen Eigentümer restituiert worden, einen Nachfahr der Familie Potschien, die es um 1925 erworben hatte. Seine Eltern waren in der DDR als Kunsthändler tätig und vererbten ihm das Bild 1976; da es in dem gemeinsam bewohnten Ost-Berliner Apartement der Familie hing, zahlte er damals keine Erbschaftsteuer. Einige Jahre später freundete sich der Besitzer mit einem Mann an - ohne zu wissen, dass es sich um einen Stasi-Spitzel handelte; das erfuhr er erst nach der Wende. 1985 wurde er jedoch wegen schwerer Steuerhinterziehung verhaftet und kam ins Gefängnis; das Bild wurde konfisziert. Zwar wurde das Strafverfahren gegen ihn 1986 eingestellt, und er wurde aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustands wieder freigelassen, aber Cornelis van Haarlems Gemälde und einige andere Objekte blieben im Depot der Staatlichen Museen zu Berlin, um seine Steuerschuld zu begleichen.
          Immer noch nichts ahnend, ließ sich der Eigentümer der Kunstwerke überreden, sie seinem vermeintlichen Freund zu schenken, weil dieser ihm versicherte, dass er mit guten Verbindungen zum DDR-Regime dabei behilflich sein könnte, sie zurückzubekommen. Doch der Stasi-Informant geriet selbst unter Druck der Stasi - und machte eine Schenkung an die Staatlichen Museen: Seit 1987 galt van Haarlems Bild, das schon seit 1986 im Bode-Museum ausgestellt war, als Eigentum der DDR. Nach dem Mauerfall bemühte sich der rechtmäßige Erbe wieder um seine Kunst. 1997 entschied das Berliner Landgericht, dass seine Inhaftierung und die Enteignung des Betroffenen rechtswidrig waren, da er einer gezielten Bespitzelung ausgesetzt war zu dem Zweck, sein Eigentum in den Besitz der DDR zu bringen. Den im Jahr 1990 eingereichten Restitutionsantrag entschied das Landesausgleichsamt erst im November 2007 und gab dem Antragsteller das wertvolle Bild Gemälde von Cornelis van Haarlem zurück. Christie's Altmeisterexperte Nicholas Hall hält „Herkules und Acheloos“ für das bedeutendste nordalpine Werk des Manierismus, das in den letzten zwanzig Jahren auf dem Kunstmarkt aufgetaucht ist; Was für ein Glück für das Auktionshaus, dass ein Mitglied der Familie Potschien im Dezember 2007 bei Christie's in Berlin anklopfte, um sich nach einer Schätzung zu erkundigen. „Herkules und Acheloos“ es soll 1,5 bis zwei Millionen Dollar einspielen.

          Lisa Zeitz, New York

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