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Alte Kunst und Kunsthandwerk : Wenn Blicke tanzen können

  • -Aktualisiert am

Mit entwaffnender Anmut schaut Therese von Tettenborn aus Joseph Stielers Gemälde. Dabei ist sie ist nicht die einzige Schöne in der Offerte von Neumeister mit Alter Kunst.

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          Lady Curzon soll den Schuss Sherry in die Schildkrötensuppe gegeben haben, der Feinschmeckern ihren Namen unvergesslich macht. Auch eine Rosensorte heißt nach ihr und ein Krankenhaus in Bangalore. An der Seite ihres Mannes George Curzon, Vizekönig von Indien von 1899 bis 1905, engagierte sich Mary Victoria Lady Curzon of Kedleston sozial und gesellschaftlich. Franz von Lenbach müssen es vor allem ihre großen langwimprigen Augen angetan haben, als er um 1901/02 beim Porträtieren mit ihr scherzte. Sie selbst schrieb: „. . . the fun with which he made my eyes dance was wonderful“. Eine von mehreren Lenbach-Studien der Lady in farbiger Kreide besitzt die Alte Nationalgalerie Berlin, eine andere versteigert Neumeister in München in der Auktion mit Alter Kunst am 30. November - taxiert auf 9000 bis 9500 Euro.

          In die Hamburger Kunsthalle wünscht man sich Joseph Stielers 1815 gemaltes Bildnis der Therese Alexandra von Tettenborn: Denn dort wartet als Gegenstück der Herr Gemahl, seit die Dame mit leuchtend rotem Kaschmirturban und passendem Schultertuch dem Haus 1863 sein Porträt aus gutem Grund schenkte: General Tettenborn befreite die Hansestadt 1813 von der napoleonischen Herrschaft (Taxe 50.000/55.000 Euro). Bayerischen Esprit scheffeln sechs Spitzweg-Lose in die Partie zum 19. Jahrhundert, vornweg ein Maler, der unterm Sonnenschirm auf einer Waldlichtung von der Arbeit an einer klitzekleinen Studie ausruht (150.000/170.000).

          Geprüft und anerkannt

          Auch der Münchner Lorenzo Quaglio ist mit einem typischen Werk vertreten, es zeigt Lenggrieser Bauern vor einem idyllischen Wirtshaus bei Fischbachau (18.000/20.000). Artfremd zeigt sich hingegen Karl von Piloty, Primus der Historienmalerei an der Münchner Kunstakademie, mit dem Genrestück eines Totengräbers unter rosa blühendem Kirschzweig (13.000/15.000). Pilotys einstiger Meisterschüler Nikolaus Gysis schuf den Entwurf zu einem dramatischen „Golgatha“, der, aus schwedischem Privatbesitz eingeliefert, Sammler aus Gysis’ griechischer Heimat interessieren dürfte (40.000/50.000).

          Abel Grimmers „Turmbau zu Babel“ führt als Hauptlos der Alten Meister überhaupt das gesamte Angebot an. Der Antwerpener, der das Thema mehrmals behandelte, lässt in dieser, im frühen 17. Jahrhundert gemalten Fassung die noch im Bau begriffene Turmspitze hochhausartig in den Wolken verschwinden. Von Sotheby’s 2002 in London versteigert, brachte es das - Grimmer damals nur zugeschriebene - Gemälde von 20.000 geschätzten Pfund auf einen Zuschlag bei 170.000 Pfund. Mittlerweile prüfte und anerkannte es die Autorin des Catalogue raisonné - und die Erwartung liegt jetzt bei 220.000 bis 250.000 Euro. Grimmers Zeit- und Herkunftsgenosse Gysbrecht Lytens ließ als Spezialist für Winterlandschaften die Heilige Familie auf der Flucht unter raureifbedeckten Bäumen durch eisigen Nebel ziehen (60.000/70.000).

          Zahlreiche große Silberplatten könnten bald die festtäglichen Tafeln schmücken und goldene Tabatièren den Gabentisch bereichern (von 3800 Euro an). Dass es auf Weihnachten zugeht, zeigen vor allem auch zwei süddeutsche Reliefs der Geburt Christi: Beide entstammen dem frühen 16. Jahrhundert, sind auf je 14.000 bis 16.000 Euro taxiert - und Josef hält die Kerze. Die spätere Trauer der Muttergottes schnitzte der Wiener Hofkünstler Matthias Steinl in Gestalt einer Pietà von hoher Qualität (30.000/32.000). Was Bayernkönig Ludwig II. den Tschechen bedeutet, gilt es noch herauszufinden; tschechisch wurde jedenfalls ein Glaskasten mit kuriosem Inhalt beschriftet: Er enthält den Kopf des ertrunkenen Monarchen in Wachs und Echthaar nachgebildet (1000/1200). Außerdem im umfangreichen Angebot mit Kunsthandwerk: eine Meissener Prunkvase mit überbordendem plastischem Blütenschmuck und Dresden-Ansicht (10.000/12.000) oder Tapisserien, zum Beispiel „ländliche Freuden“ aus der Berliner Manufaktur Charles Vigne (8000/12.000).

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