https://www.faz.net/-gyz-6l7qi

Alte Kunst : Der Gnom vorm Viadukt

  • -Aktualisiert am

Neumeister in München kann seine 350. Auktion mit Alter Kunst abhalten. Zum Jubiläum setzt das Haus auf bewährte Namen. Angeführt wird das Angebot von Spitzwegs kurioser Allegorie auf „Die neue Zeit“.

          Neumeister beschließt das Auktionsjahr mit einem Jubiläum: Zum 350. Mal wird hier Alte Kunst versteigert, was sogar für ein Haus, das seit 52 Jahren existiert, eine stolze Zahl darstellt. Mit ausgewählten Gemälden und Kunstgegenständen geht es am Abend des 30. November los, am nächsten Tag folgen weitere 900 Nummern in zwei Katalogen.

          Carl Spitzweg, mit dessen Bildern Neumeister schon viele Erfolge feierte, steht mit einer kuriosen Allegorie auf „Die neue Zeit“ wieder ganz vorn: Ein weißbärtiger Gnom schaut aus schattigem Grund zur hoch oben im Sonnenschein auf ihrem Viadukt dahindampfenden Eisenbahn hinauf.

          Spitzweg verfolgte den Ausbau der Bahnnetze um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit großem Interesse; er kommentiert im Tagebuch Bahnhofsarchitekturen und wundert sich über verzögerte Streckenöffnungen, weshalb sein knorriger Zwerg sicherlich als spöttischer Seitenhieb auf Fortschrittsskeptiker zu verstehen ist.

          Vor zwei Jahren versteigerte Ketterer in Hamburg ein vergleichbares Motiv, das Spitzweg auf den Deckel eines Zigarrenkistchens malte, für 70.000 Euro (inklusive Aufgeld). Das größere, auf Leinwand gefertigte Werk in München geht nun mit der Taxe von 125.000 Euro ins Rennen - und wer weiß, ob es nicht am Ende einen Befürworter von Stuttgart 21 begeistert.

          Stier jagt Bauer

          Mehrmals gibt es die Chance, Gemälde zu ergattern, die Neumeister 2005 in seiner Auktion mit Werken aus der Sammlung Georg Schäfer versteigerte und die damals dem Kunsthändler Konrad O. Bernheimer zugeschlagen wurden, der große Mengen Bilder übernahm. Die aktuellen Schätzungen ermittelte man unterhalb der im damaligen Schäfer-Fieber aufgeheizten Ergebnisse: So liegt die prachtvolle Landschaft mit „Ziegelhütten bei Olevano“ des Hamburgers Valentin Ruth jetzt bei 25.000 Euro; damals erforderte sie fast das Doppelte.

          Heinrich Bürkels lustige Szene eines vor seinem Stier auf einen Holzstapel geflüchteten Bauern ist mit 20.000 Euro beziffert, Friedrich von Amerlings Porträt der Rosa Dirsch mit golddurchwirktem Turban mit 8000 Euro. Amerlings Wiener Kollege Franz Xaver Petter schuf ein dekoratives Stillleben aus Trauben, Blumen, Feigen und einem Distelfink, das aus anderer Quelle eingeliefert wurde und 35.000 Euro bringen soll.

          Katzenspeisung in Porzellan

          Der Ulmer Bildhauer David Heschler schnitzte im 17. Jahrhundert mit einem muskulösen Christus an der Martersäule und zwei heftig mit Geißel und Rute agierenden Häschern eine theatralisch bewegte Szene vollrunder Kleinskulpturen aus Buchsbaumholz, die bei 35.000 Euro liegt. Ebenfalls in Ulm, aber schon um 1500, holte ein Meister den heiligen Wendelin mit breitkrempigem Hut aus dem Lindenholz, der noch Reste seiner alten Fassung aufweist (17.000). Aus Florenz kommt das Terrakotta-Tondo mit bunt umkränztem Imperatorenporträt - wenn es denn, wie vermutet, aus der Werkstatt Giovanni della Robbias stammt (28.000).

          Beim figürlichen Porzellan lauert eine große Katze, die Kändler formte, wie sie in ihre frisch gefangene Maus beißt, als sei die ein Hot Dog: Mit 45.000 Euro führen Katz und Maus das Meissen-Aufgebot an, das auch eine „Malabarin“ parat hat, ein „indianisch Weibel“, welches Johann Friedrich Eberlein dem Meissen-süchtigen Grafen Brühl modellierte (25.000).

          Eine Weinranken-Studie von Spitzweg

          Der Augsburger Silberschmied Heinrich Mannlich schuf einen teilvergoldeten Deckelhumpen, dessen Wandung die Jahreszeiten in Gestalt arbeitender Männer umrunden (15.000); er vertritt die Angewandten Künste ebenso würdig wie ein mainfränkisches Aufsatz-Zylinderbureau mit seinen eingelegten Stadt-Veduten auf den Türen und diversen Geheimschubladen im Innern (25.000). Das Kunstgewerbeangebot des nächsten Tages steigt nochmals in die Vollen mit schönen Madonnen, chinesischen Vasen, barocken Spiegeln, flandrischen Tapisserien und vielem mehr.

          Die anschließende Gemälde-Offerte bringt weitere Bilder besagter Schäfer-Auktion ans Licht. Aber auch eine hübsche Weinranken-Studie von Spitzweg (8000) steht auf dem Programm oder eine Reihe scharf beobachteter Tierbilder von Heinrich Zügel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.