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Auktionen in Berlin : Für freie Geister

Millionenverkauf zum Jubiläum bei Grisebach: Max Beckmann, „Badende mit grüner Kabine und Schiffern mit roten Hosen“, 1934, Öl auf Leinwand, 80 mal 60 Zentimeter, 1,9 Millionen Euro Bild: Grisebach

Ein neu auf den Auktionsmarkt kommender Max Beckmann steht an der Spitze der Offerte moderner und zeitgenössischer Kunst bei Grisebach in Berlin. Doch es gibt noch mehr zu entdecken.

          2 Min.

          Smaragdgrüne Wellen brausen an den Strand. Schwimmer haben sich ins Wasser gewagt. Im Sand spielen Kinder. Am Horizont zieht ein Dampfschiff seine Bahn. Max Beckmanns Bild des niederländischen Seebads Zandvoort „Badende mit grüner Kabine und Schiffern mit roten Hosen“ ist keine klassische Strandansicht, sondern ein Statement für die Freiheit. Das Gemälde, das auf der Auktion „Ausgewählter Werke“ bei Villa Grisebach in Berlin im Rahmen der Winterauktionen erstmals zur Versteigerung kommt, entstand 1934. Ein Jahr nach Hitlers Machtübernahme zeigt es die Flagge der Oranjes, ein Symbol des Widerstands.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Achtzig Jahre war das Gemälde in Familienbesitz, erworben im Atelier des Künstlers, nun ist es auf eine Million bis anderthalb Millionen Euro taxiert und weist die Richtung der Versteigerung am 2. Dezember mit 39 Losen. Werke aus der deutschen klassischen Moderne und zeitgenössische Highlights sind dabei. Auch das zweite marktfrische Spitzenlos ist ein Seestück: Emil Noldes „Meer (I)“ von 1947 war im Besitz von Noldes Frau Jolanthe, bis sie 2010 starb (Taxe 1/1,5 Millionen Euro). Einen sommerlichen Tag fängt Max Liebermanns Anfang der Zwanzigerjahre entstandenes Gemälde „Die Große Seestraße in Wannsee mit Spaziergängern“ ein (500.000/ 700.000), während Karl Horst Hödicke in seinem Triptychon „Potsdamer Platz III“ von 1977 die Teilung Berlins verarbeitet (150.000/200.000).

          Sonniger Tag: Max Liebermann, „Die Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordwesten", um 1918, Öl auf Leinwand, 35 mal 46 Zentimeter, Taxe bei Grisebach 150.000 bis 200.000 Euro
          Sonniger Tag: Max Liebermann, „Die Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordwesten", um 1918, Öl auf Leinwand, 35 mal 46 Zentimeter, Taxe bei Grisebach 150.000 bis 200.000 Euro : Bild: Grisebach

          Ähnlich durchkomponiert ist László Moholy-Nagys „Space Modulator Experiment, Aluminum 5“. Das auf einer Kunststoffscheibe geritzte Werk zeigt die Umlaufbahnen von Himmelskörpern und ist wegweisend für dreidimensionale kinetische Kunst. Bis in die Sechzigerjahre gehörte es dem Guggenheim Museum in New York (600.000/800.000). Der Gegenpol dazu ist das surreale Himmelsbildnis „Effet de soleil reflété dans l’eau“ von Max Ernst aus dem Jahr 1927 (300.000/ 500.000).

          Umkämpft bis zum Zuschlag bei 240.000 Euro: Hannah Höch, „Modeschau“, Collage auf farbig grundiertem Papier, 27,7 mal 22,8 Zentimeter
          Umkämpft bis zum Zuschlag bei 240.000 Euro: Hannah Höch, „Modeschau“, Collage auf farbig grundiertem Papier, 27,7 mal 22,8 Zentimeter : Bild: Grisebach

          Apokalyptisch wirken die Gestirne im Porträt „Der Dichter Däubler“ des Expressionisten Heinrich Maria Davringhausen. Es präsentiert Däubler im roten Anzug als Dämon und Weltenrichter (300.000/ 400.000). Ironisch setzte sich dagegen Marcel Duchamp mit dem traditionellen Kunstbegriff auseinander und schuf mit seinen Koffermuseen ein kleines Denkmal des eigenen Schaffens. Geschätzt ist es auf 100.000 bis 150.000 Euro, ebenso die gewitzte Collage „Modenschau“ von 1925/35, in der Hannah Höch weibliche Schönheitsnormen aufs Korn nimmt.

          Naturalistisch und sozial engagiert: Max Liebermanns Bild „Der Witwer“, 1873, Öl auf Holz, 62,7 mal 46 Zentimeter, Taxe 250.000 bis 350.000 Euro
          Naturalistisch und sozial engagiert: Max Liebermanns Bild „Der Witwer“, 1873, Öl auf Holz, 62,7 mal 46 Zentimeter, Taxe 250.000 bis 350.000 Euro : Bild: Grisebach

          Die 109 Lose der Auktion der Kunst des 19. Jahrhunderts werden durch Max Liebermanns naturalistisches Gemälde „Der Witwer“ von 1873 angeführt, dass einen verarmten alleinerziehenden Vater mit Kleinkind auf dem Arm zeigt (250.000/350.000). Emil Noldes Gartengemälde „Einfahrt zur Heimat“ und seine „Landschaft mit einem Bauerngehöft und einem Mann im Boot“ stellen die Spitzen unter den 151 Losen der Moderne (je 80.000/120.0 00).

          Im Bereich zeitgenössischer Kunst mit 111 Losen ist A. R. Pencks „Spielen und Bauen“ von 2002 die Offerte mit der höchsten Erwartung (150.000/200.000). Wolfgang Tillmans widmet sich in seinem „Stillleben Marktstraße“ von 1997/2021 der Provinz (40.000/ 60.000). Im Rahmen einer Sonderauktion für wohltätige Zwecke versteigert Grisebach Zeitgenössisches aus der Sammlung der Berliner Sparkasse, darunter Maria Lassnigs Gemälde „Hände“ von 1989 (180.000/240.000).

          Für 440.000 Euro verkauft: Maria Lassnig, „Hände“, 1989, Öl auf Leinwand, 145 mal 205 Zentimeter
          Für 440.000 Euro verkauft: Maria Lassnig, „Hände“, 1989, Öl auf Leinwand, 145 mal 205 Zentimeter : Bild: Grisebach

          Das Spitzenlos der 120 Lose zählenden Fotografieauktion ist Helmut Newtons Diptychon „Sie kommen“ (Dressed/Naked), das 1981 für die französische Vogue entstand und vier Frauen zeigt, die einmal nackt, einmal angezogen frontal auf die Kamera zumarschieren (150.000/200.000). Ein weiterer Höhepunkt ist Richard Avedons „Dovima with Elephants“, eine Modefotografie von 1955 (100.000/150.000). Insgesamt werden bei den sechs Winterauktionen vom 1. bis 3. Dezember 574 Kunstwerke mit einem unteren Schätzpreis von 16 Millionen Euro versteigert.

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