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Auktionen in Wien : Österreichischer Sinn für Humor

  • -Aktualisiert am

Zum nach Hause Telefonieren: Kiki Kogelnik, „E.T.“, 1996, Muranoglas, Höhe 50 Zentimeter, Taxe 15.000 bis 30.000 Euro Bild: Im Kinsky

Bei den Frühjahrsauktionen im Kinsky mit moderner und zeitgenössischer Kunst kommt Farbprächtiges und Gewitztes zum Aufruf. Der Schwerpunkt liegt auf Heimischem.

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          So vielfarbig kennt man Hermann Nitsch kaum. Eines seiner Schüttbilder stellt das Titellos bei der Frühlingsauktion am 4. und 5. April im Wiener Kinsky dar. Nicht nur (blut-)rote Acrylfarbe bedeckt die Leinwand, sondern auch gelbe, lila und grüne Schlieren. Das davorgehängte Malhemd erinnert an ein Messgewand, die Palette gemahnt an den liturgischen Jahreskreis. Für das zwei Meter hohe Werk von 2011 wurden 50.000 bis 100.000 Euro veranschlagt. Gute Neuigkeiten von Nitsch gab es erst kürzlich, als die Pace Gallery die Vertretung des 83 Jahre alten Künstlers bekannt gab.

          „Manhattan“ heißt eine 62 mal 114 Zentimeter große Collage von Franz West, auf der vertikale Pinselsetzungen als Skyline fungieren. Das ungelenke Männertrio darauf spiegelt Wests speziellen Bildwitz. Die Arbeit entstand 1988 noch vor dem Aufstieg des Künstlers in Amerika mit David Zwirner (Taxe 80.000 bis 160.000 Euro). Neben zwei Aquarellen mit Tänzerinnen gelangt auch Wests „Clubfauteuil“ zum Aufruf. Dieser Stahlstuhl mit Leinwandbezug wurde für eine Ausstellung mit Wolfgang Tillmans produziert. Er trägt zwei kleine Lautsprecher, aus denen via CD-Player elektronische Musik von Philipp Quehenberger ertönt (20.000/40.000).

          Hermann Nitsch, „Schüttbild mit Malhemd“, 2011, Acryl auf weiß grundierter Jute und Baumwollhemd, 200 mal 150 Zentimeter, Schätzpreis: 50.000 bis 100.000 Euro
          Hermann Nitsch, „Schüttbild mit Malhemd“, 2011, Acryl auf weiß grundierter Jute und Baumwollhemd, 200 mal 150 Zentimeter, Schätzpreis: 50.000 bis 100.000 Euro : Bild: im Kinsky

          Wests langjähriger Weggefährte Rudolf Polanszky, der seit 2020 bei Gagosian unter Vertrag steht, teilt dessen schrägen Humor. Davon zeugt im Kinsky ein „Sitzbild“ von 1983/84, das Polanszky performativ mit dem Hinterteil „malte“. Unterhalb der Hosenbodenabdrücke zeigen vier Fotos, wie sich der 1951 geborene Künstler dafür in Farbe setzte. Auch Polanszkys „Wälz- und Rollbild“ kombiniert Papierarbeit und Fotos (je 25.000/50.000). Kiki Kogelnik dachte bei ihrer Murano-Glasskulptur aus dem Jahr 1996 an den niedlichen Außerirdischen „E. T.“ (15.000/30.000).

          Insgesamt mischen sich nur wenige internationale Namen unter die 313 Lose. Ein aquarelliertes Männerbild von George Condo (15.000/30.000) und Henry Moores 34 Zentimeter hohe Bronze „Study for Head of Warrior“ von 1953 (15.000/30.000) bilden weitere Ausreißer im rot-weiß-roten Angebot. Von Martha Jungwirth gelangen vier Aquarelle zum Aufruf, darunter eine gestische Malerei von 1994, die auf Leinen kaschiert wurde (10.000/20.000). Ins Frühwerk von Arnulf Rainer führt eine Übermalung auf Papier von 1957, ein fast komplett schwarzes Rechteck (50.000/100.000). In den siebziger Jahren wird der Zugang verspielter, wovon schon die Titel „Dumme Bitten (um Verhüllung)“ oder „Van Gogh als trinkender Kampfhahn“ zeugen (je 15.000/30.000). Aus der voraktionistischen Ära von Günter Brus stammen die Pinselattacken seiner 1960 geschaffenen Papierarbeit „Informel“ (25.000/50.000).

          Die Sparte klassische Moderne führt ein „Tiroler Kaiserschütze“ von Alfons Walde an. Der Kitzbüheler Maler schuf die kernige Dreiviertelansicht 1934 auf einem 31 mal 29 Zentimeter großen Karton (70.000/140.000). Wer die typischen Alpensujets sucht, muss sich dieses Mal an Oskar Mulleys „Bergbauernhof“ halten (25.000/50.000). Marktfrisch gelangt ein Schwung von sechs Ölbildern Anton Faistauers ins Kinsky. Neben dem „Damenbildnis“ im typisch rot-braunen Couleur, das die Schwester des Künstlers zeigt (30.000/60.000), zeugt auch das „Obst- und Blumenstillleben mit brauner Flasche“ von Cézannes Einfluss auf den Salzburger Maler (40.000/80.000). Die Grazer Malerin Norbertine Bresslern-Roth erzeugte den typisch weichen Charakter ihrer Tierbilder, indem sie die Ölfarbe mit dem Borstenpinsel auf grobe Jutequadrate tupfte. Höchst dekorativ ihr „Tiger“, den sie im halbschattigen Bambus lauern lässt (70.000/140.000), und auch die springenden Delfine in „Die Insel“ (50.000/100.000).

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