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Auktionen in London : Eine Umarmung am Strand

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Graue Herren: René Magritte, „Le mois des vendanges“, 1959, Öl auf Leinwand, 127,6 mal 160 Zentimeter, Taxe 10 bis 15 Millionen Pfund bei Christie’s. Bild: Christie's/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Christie’s versteigert Kunstwerke der Moderne und Zeitgenossen. Bei Sotheby’s gibt es zusätzlich noch Werke der Renaissance: Vorschau auf die Londoner Woche.

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          Auktionen, die eingeführte Kategorien übergreifen, und Live-Übertragungen, die von einem Standort zum anderen springen, bleiben die Strategien, mit denen die internationalen Auktionsfirmen Christie’s und Sotheby’s auf die von der Pandemie erzeugte Situation reagieren. Die Londoner „20th Century Week“ von Christie’s nimmt am 23. März in Hongkong ihren Auftakt, wo nur ein einziges Los unter den Hammer kommt, bevor der Londoner Auktionator übernimmt: Es ist Jean-Michel Basquiats „Warrior“, taxiert mit einer von Hongkong-Dollar in Pfund umgerechneten unteren Taxe von 22,2 Millionen – damit das teuerste je in Asien angebotene Kunstwerk eines westlichen Künstlers. Zuletzt 2007 erzielte das Gemälde bei Sotheby’s in London 2,8 Millionen Pfund; davor 2005 in New York 1,8 Millionen Dollar (jeweils mit Aufgeld).

          Unbehagen an der Idylle: Edvard Munch, „Summer Day or Embrace on the Beach (The Linde Frieze)“, 1904, 90,5 mal 194,9 Zentimeter, Öl auf Leinwand, Taxe 9 bis 12 Millionen Pfund bei Sotheby’s.
          Unbehagen an der Idylle: Edvard Munch, „Summer Day or Embrace on the Beach (The Linde Frieze)“, 1904, 90,5 mal 194,9 Zentimeter, Öl auf Leinwand, Taxe 9 bis 12 Millionen Pfund bei Sotheby’s. : Bild: Sotheby’s

          Zu den Spitzen des „20th Century Art Evening Sale“ bei Christie’s gehören außerdem Francis Bacons marktfrische „Sand Dune“ aus dem Jahr 1981, mit um fünf Millionen Pfund bewertet, sowie zwei Porträts von Picasso: „Femme nue couchée au collier (Marie-Thérèse)“ (Taxe 9/15 Millionen Pfund) aus dem Jahr 1932 und „Femme assise dans un fauteuil noir (Jacqueline)“ (6/9 Millionen), gemalt drei Jahrzehnte später. Die Kunstsammlung der Deutschen Bank, die das Gemälde 1977 ankaufte, hat Lyonel Feiningers „Kirche über Stadt“ aus dem Jahr 1927 eingeliefert (1,2/1,8 Millionen). Insgesamt soll die Abendauktion mit 56 Losen – inklusive des Basquiats – zwischen 88,1 und 128,2 Millionen Pfund einspielen. In der anschließenden Versteigerung mit Surrealismus, die mit 27 Losen 42,5 bis 65 Millionen Pfund zum Umsatz beitragen soll, kommen Werke aus der Sammlung von Claude Hersaint unter den Hammer. Angeführt werden sie von René Magrittes Männer-Gruppe mit grauen Melonen „Le mois des vendanges“ (10/15 Millionen), entstanden 1959 – und mit 160 Zentimetern Breite eine der größten Kompositionen in Magrittes Oeuvre.

          Aus den Goldenen Zwanzigern

          In der folgenden Tagesauktion von Christie’s mit Moderne am 24. März wird eine Gruppe von Werken deutscher Kunst der zwanziger Jahre angeboten, eingeliefert aus einer ungenannten norddeutschen Privatsammlung und überwiegend in den sechziger und siebziger Jahren erworben. Darunter befinden sich Franz Wilhelm Seiwerts konstruktivistische Komposition „Freudlose Gasse“ (120.000/180.000), von Otto Freundlich „Fragments de figure à l’ensemble des plans“ (200.000/300.000), Conradfelixmüllers „Selbstbild (Kopf)“ (150.000/250.000) und von Walter Dexel die grau- und rosafarbene Abstraktion „Das Turmhaus“ (200.000/300.000).

          Die Abendauktion „Modern Renaissance: A Cross-Category Sale“ am 25. März ist die erste Saal-Auktion, die von Sotheby’s in diesem Jahr in London live abgehalten wird. Sie erfolgt gleich im Anschluss an die Versteigerung mit Impressionismus und Moderne bei Sotheby’s in Paris. In London hat das Haus Moderne und Zeitgenossen mit Werken der Renaissance in einer umfangreichen Auktion vereint. Unter ihnen ist Piero del Pollaiuolos „Porträt eines jungen Mannes“, entstanden um 1470 und mit einer Erwartung von vier bis sechs Millionen Pfund. Es ist das letzte seiner Bildnisse, das sich noch in privater Hand befindet. Zusammen sollen die 52 Lose im Angebot des Abends 66,62 bis 93,03 Millionen Pfund einspielen.

          Jüngling vor Himmelblau: Piero del Pollaiuolo, „Porträt eines jungen Mannes“, Tempera und Öl auf Holz, 49,2 mal 35,5 Zentimeter, Taxe 4 bis 6 Millionen Pfund bei Sotheby’s.
          Jüngling vor Himmelblau: Piero del Pollaiuolo, „Porträt eines jungen Mannes“, Tempera und Öl auf Holz, 49,2 mal 35,5 Zentimeter, Taxe 4 bis 6 Millionen Pfund bei Sotheby’s. : Bild: Sotheby’s

          Das Spitzenlos bei Sotheby’s ist das fast zwei Meter breite Gemälde „Summer Day or Embrace on the Beach (The Linde Frieze)“ von Edward Munch aus dem Jahr 1904. Das Bild entstand im Auftrag des Augenarztes und Kunstsammlers Max Linde als Teil des „ Linde-Frieses“ für eines der Zimmer in seiner Lübecker Villa. Von 1914 an im Besitz des deutsch-jüdischen Kunsthistorikers und Sammlers Curt Glaser und 1931 übernommen von der Nationalgalerie in Berlin, gehörte es zu den Werken, die Hermann Göring Ende der dreißiger Jahre über seinen Mittelsmann, den bayrischen Textilkaufmann Josef Angerer, nach Skandinavien verkaufte. 1939 wurde es zusammen mit weiteren Werken Munchs in Oslo versteigert und gelangte so in die Sammlung des norwegischen Reedereibesitzers und Kunstsammlers Thomas Olsen, dessen Nachkommen das Bild 2006 bei Sotheby’s in London für 6,16 Millionen Pfund, inklusive Aufgeld, verkauften. Der damalige Käufer erhofft sich nun neun bis zwölf Millionen Pfund dafür. Von den Nachkommen Olsens wurde diesmal Munchs „Self-Portrait with Palette“ (4,6/6,5 Millionen) eingeliefert, das die Mannheimer Kunsthalle 1926 ankaufte; auch dieses Gemälde wurde von den Nationalsozialisten konfisziert und 1939 in Oslo versteigert.

          Garantien auf Picasso und Hockney

          Mit einer Garantie abgesichert ist Picassos großes Porträt der Dora Maar, „Femme assise dans un fauteuil“, entstanden im November 1941. Es soll 6,5 bis 8,5 Millionen Pfund einspielen. Damit genauso viel wie David Hockneys „Tall Dutch Trees After Hobbema (Useful Knowledge)“ aus dem Jahr 2017, das teuerste Los unter den Zeitgenossen. Frisch auf den Markt kommt auch Oskar Schlemmers „Graue Jungmännergruppe“ (650.000/850.000), gemalt 1928 und seit 1992 in einer Sammlung, in die das Bild über die Kölner Galerie Gmurzysnka gelangte. Zu den besonderen Leckerbissen gehören Werke von František Kupka und Arshile Gorky sowie eine marktfrische Gruppe mit Gemälden von Wols, Fautrier und Dubuffet, die zwischen 1944 und 1947 entstanden. Sie wurden eingereicht von der Tochter eines belgischen Sammlers, in dessen Besitz sie sich seit den fünfziger Jahren befanden.

          Die üblichen Tagesauktionen „Impressionist and Modern Art Day Sale“ und „Contemporary Art Day Auction“ werden von Sotheby’s diesmal als Online-Only-Zeitauktionen durchgeführt. Geboten werden kann bis zum 26. März. Sie sollen mit zusammen 273 Losen zwischen 17,2 und 24,4 Millionen Pfund zum Londoner Saison-Umsatz beitragen.

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