https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/auktionen-in-koeln-und-muenchen-bei-van-ham-und-karl-faber-18471494.html

Van Ham und Karl & Faber : Gemeinsam marschieren, getrennt schlagen

  • -Aktualisiert am

Bei Karl & Faber: Ernst Ludwig Kirchner, „Straßenszene, am Schaufenster“, 1913/14, Holzschnitt auf festem Velin, 31,5 mal 23 Zentimeter, eines von acht bekannten Exemplaren, Taxe 60.000 bis 80.000 Euro Bild: Karl & Faber

Vor den Auktionen in Köln und München: Van Ham und Karl & Faber stellen ihre modernen und zeitgenössischen „Highlights“ erstmals zusammen aus. Ein Blick auf das Angebot.

          3 Min.

          Die Chemie muss stimmen, wenn zwei, die im Grunde Konkurrenten sind, ein gemeinsames Projekt anschieben. Markus Eisenbeis und Rupert Keim, die Chefs der beiden Auktionshäuser Van Ham und Karl & Faber, bestätigen genau das: Ihre Stile seien vergleichbar, man ziehe am selben Strang. Zunächst in Köln, kurz darauf in München präsentierten die beiden Häuser zusammen vierzig Highlights aus ihrem herbstlichen Angebot an Klassischer Moderne und zeitgenössischer Kunst. „Auction Alliance“, der etwas irritierende Titel des begleitenden Katalogs, ließ allerdings Besucher dieser Vorbesichtigungen die Frage stellen, ob auch die Auktionen zusammengelegt würden. Doch nein, da trennen die Häuser wieder. Sie versteigern ausschließlich die jeweils eigene Offerte, bei Van Ham am 30. November, bei Karl & Faber am 7. und 8. Dezember.

          Eine Frage der Strategie

          Gemeinsam marschieren, getrennt schlagen könnte man dieses Vorgehen in Abwandlung des bekannten Strategie-Zitats nennen. Sicherlich im Schulterschluss gegen größere Häuser will diese Marketingoffensive den Kundenkreis erweitern, sprich für Einlieferer und Bieter vom Rheinland und den Beneluxstaaten bis nach Süddeutschland, Österreich und Italien attraktiver werden. Abtrünnige und Überläufer fürchten die Allianzpartner nicht. So wird etwa ein Kölner Sammler, der besondere Werke von Piero Manzoni sucht, ohnehin nicht dessen weißes, mit gespachteltem Kaolin und anderen Materialien gefertigtes „Achrome“ von 1957/58 übersehen, das Karl & Faber zur Taxe von 350.000 bis 450.000 Euro anbietet. Umgekehrt dürfte ein in Süddeutschland ansässiger Karl-Hofer-Fan dessen 1946 gemaltes arkadisches Badetreiben „Im Süden“ bei Van Ham unter die Lupe nehmen (Taxe 80.000 bis 120.000 Euro). Auktionskunden fixieren sich ja nicht unbedingt auf ein Haus, und bei der Sondierung des überregionalen wie des internationalen Angebots hilft mehr denn je das Internet.

          Bei Van Ham: Karl Hofer, „Im Süden“, 1946, Öl auf Leinwand, 80 mal 70 Zentimeter, Taxe 80.000 bis 120.000 Euro Bilderstrecke
          Auction Alliance : Die Chemie muss stimmen

          Der Vorteil einer Kooperation nach Art der „Auction Alliance“ liegt für alle Beteiligten in der nicht zu unterschätzenden Möglichkeit des persönlichen Kontakts. Darüber hinaus bietet es die Gelegenheit, Spitzenwerke physisch in Augenschein nehmen und vergleichen zu können: zum Beispiel Ruprecht Geigers „Schwarze Form vor Blau“ von 1957 (40.000/60.000) bei Van Ham in Gegenüberstellung mit Karl & Fabers gleichfalls blau-schwarzer Komposition des Künstlers von 1958 (60.000/80.000). Oder Andy Warhol: Fällt vor seinen Farbserigraphien die Wahl auf „Marilyn Monroe (Marylin)“, die Van Ham auf 150.000 bis 200.000 Euro taxiert (Exemplar 125 von 250) oder doch auf „Goethe“, bei Karl & Faber mit 60.000 bis 80.000 Euro ausgewiesen (eines von 100 Exemplaren)?

          Der Katalog wechselt von Seite zu Seite zwischen beiden Anbietern, die Präsentationen in den Niederlassungen folgten räumlichen Gegebenheiten. Die größten Wände den größten Werken: Mehr als drei Meter Höhe benötigt der „Baumstamm Dithyrambisch“ von Markus Lüpertz (260.000/300.000 bei Karl & Faber) und immerhin zwei Quadratmeter Juan Uslés rhythmische Komposition „Mecanismo Gramatical“ (50.000/70.000 bei Van Ham).

          Sucht man nach gegenseitiger Ergänzung beider Highlights-Offerten, fallen bei Van Ham plastische Werke ins Auge: Da tritt Renée Sintenis’ reizende Bronze des „Großen Vollblutfohlens“ an (90.000/150.000), Tony Craggs auf 2018 datierte Stapelung wuchernder, organischer Aluminiumformen aus der Werkreihe „Industrial Nature“ (200.000/300.000) oder Fernando Boteros „Le Matin“, eine Art Fruchtbarkeitsidol mit vielen Brüsten (Exemplar 3 von 6). Der schwarz patinierten Bronze gilt mit 280.000 bis 350.000 Euro eine vergleichbar hohe Schätzung wie Picassos Tuschezeichnung „Quatre personnages“ von 1968 (300.000/350.000), mit der Karl & Faber Arbeiten auf Papier als eine seiner Spezialitäten unterstreicht. Hier wäre auch Ernst Ludwig Kirchners Holzschnitt „Straßenszene, am Schaufenster“ zu nennen, eines von nur acht bekannten Exemplaren (60.000/80.000), oder die fast zwei Meter breite Zeichnung „Sleeping woman with lying wolf“, die Kiki Smith im Jahr 2004 schuf (40.000/60.000).

          Viele Papierarbeiten kommen auch während der „Day Sales“ bei mehr als 130 Arbeiten aus der Sammlung der Münchner Kunsthändlerin Marion Grčić-Ziersch zum Aufruf. Mit dabei sind Zeichnungen von Alberto Giacometti oder Robert Motherwell sowie Ölbilder von Willi Baumeister oder Ernst Wilhelm Nay. Die Gesamtheit des Angebots von Van Ham liefert ebenfalls viele Entdeckungen. Allein von Karl Hofer reihen sich dort nicht weniger als neun Gemälde, und abermals wird Van Ham, das im vergangenen Jahr als erstes Auktionshaus in Deutschland hybride Non-fungible Tokens versteigerte, dieses Feld bedienen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auch das Atomkraftwerk in Chooz in den Ardennen steht derzeit wegen Reparaturarbeiten still.

          Frankreich : Der unfreiwillige Atomausstieg

          Frankreichs Reaktoren sollten längst wieder laufen. Daraus wird so schnell nichts. Das bereitet nicht nur den Franzosen Sorge, sondern ist auch für Deutschland ein Problem.
          Akuter Engpaß beseitigt: Der Haushaltsauschuß des Bundestages bewillte den Einkauf von Munition für den Schützenpanzer Puma der Bundeswehr

          Munitionskrise : Granaten für die Ukraine

          Die Munitionsvorräte der Alliierten schwinden. Sie brauchen dringend Nachschub, nicht nur für die Ukraine. Dass es mitunter hakt, liegt an mehr als nur Geld.
          Reichsbürger auf dem Marsch zum Reichstag? Es könnten auch Diplomaten darunter sein.

          Fraktur : Baerbock gegen Bismarck

          Warum zögert die Außenministerin noch damit, das ganze Auswärtige Amt umzubenennen? Sind auch Diplomaten „Reichsbürger“?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.