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Auktionen : Der Meister des Ornaments: Dagobert Peche bei der Jugendstilauktion Im Kinsky

  • -Aktualisiert am

Dagobert Peche, der frühverstorbene Künstler der Wiener Werkstätte, erlebt seine Renaissance. Das Wiener Auktionshaus Im Kinsky setzt in der Jugendstilauktion am 23. November erstmals einen Schwerpunkt, der einen geradezu musealen Blick in sein vielfältiges Schaffen gewährt.

          Die Journalistin Berta Zuckerkandl, deren Salon zwischen Jahrhundertwende und Beginn des Nationalsozialismus der Treffpunkt der Wiener Intellektuellen war, hatte - wie sie in einem Nachruf berichtet - vom Tod des 36 Jahre jungen Dagobert Peche gleichsam aus erster Hand erfahren. Josef Hoffmann, der für seinen stilistischen Purismus bekannte künstlerische Vater des Frühvollendeten, war ins Sinnieren geraten: „Nicht einmal alle hundert Jahre, alle dreihundert Jahre einmal nur wird in einem Land ein solches Genie geboren.

          Dagobert Peche war das größte Ornamentgenie, das Österreich seit dem Barock besessen hat.“ Was Kolo Moser in der Frühzeit der „Wiener Werkstätte“ für Hoffmann gewesen war, Alter ego und Widerpart, an dem er sich bis zur stilistischen Verwechselbarkeit gemessen hatte, das war Peche ihm bis zu seinem Tod im Jahr 1923 in der letzten Phase der künstlerischen „Produktiv Genossenschaft“.

          Bis 1998, als der Künstler erstmals umfassend wissenschaftlich aufgearbeitet in großen Ausstellungen in der Neuen Galerie in New York und dem Museum für Angewandte Kunst in Wien präsentiert wurde, galt Peche als Geheimtip. Seit damals ging es mit den Preisen schlagartig aufwärts. Das Wiener Auktionshaus Im Kinsky setzt in der kommenden Jugendstilauktion am 23. November nun erstmals einen Schwerpunkt, der einen geradezu musealen Blick in das vielfältige Schaffen Dagobert Peches gewährt: In sämtlichen Gattungen des Kunstgewerbes ist er vertreten, von der kleinen Spitzendecke über Glas, Keramik und Schmuck bis hin zur Kommode aus der Zeit, als Peche der Züricher WW-Niederlassung vorstand.

          Eine Entdeckung auf den zweiten Blick

          Peche war so etwas wie der Manierist unter den Künstlern der Wiener Werkstätte. Ausgestattet mit der Erinnerung an die folkloristische Formensprache seiner Kindheit im Salzburgischen und einer soliden Ausbildung als Architekt bei Friedrich Ohmann, trat Peche 1915 in die Werkstätte ein und lehrte fortan sowohl den Anhängern der sanften Kurven des Wiener Jugendstils als auch den puristischen Hardlinern humorvoll das schlichte Grauen. „Überwindung der Utilität“ war der treffende Titel der MAK-Schau, und bis heute gilt Peche als jemand, den man erst auf den zweiten Blick entdeckt. Man brauche eine gewisse Zeit, um damit „zurechtzukommen“, sagt die Kinsky-Expertin Magda Pfabigan, weil er einem viel abverlange, „doch er wird auch geliebt, weil er für eine ganz andere Moderne steht, völlig schräg und sehr verrückt“.

          Eine Reihe von vier Spiegeln in der Auktion taugen als Lehrstück für Peches Stilpluralismus und sein Vermögen, mit einem Repertoire aus bekannten Formen durch Verfremdung Neues zu schaffen. Deutliche Bezüge zum Rokoko etwa zeigt ein breiter Spiegelrahmen (Taxe 65000/150000 Euro) mit vergoldetem Ornament auf weißem Grund. Zweige enden da in Quasten, Akanthusblätter auf Säulen scheinen zu Weinreben auszutreiben, Blätter ragen Zähnen gleich in die Spiegelfläche, und die leichte Asymmetrie vermittelt das Gefühl der Irritation. Ein massiger vergoldeter Rahmen erinnert in seiner Formgebung an Palmblätter (35000/60000), ein zierliches Exemplar weist den Peche-typischen dreieckigen floralen Aufbau auf (9000/20000).

          Dem Kind Melitta

          Als bislang undokumentierte Neuentdeckung gilt ein Messinglüster mit Seidenschirm und sämtlichen die Echtheit belegenden Punzierungen, dessen Entwurf bislang nicht einmal dem WW-Archiv bekannt war (120000/200000). Entstanden wohl im Jahr 1922, zeigt sich Peche hier spielerisch und am Zenit seines Könnens; der Stilpluralist hat seine Kunst nicht nur geliebt, sondern auch durchwegs gelebt und sich in gewisser Weise zeitlebens eine Art Kindlichkeit bewahrt.

          Wie wichtig ihm die kindliche Gefühlswelt war, zeigt eine Mappe von Zeichnungen mit einer von ihm ersonnenen Geschichte, die der Künstler 1922 dem Kind Melitta, genannt „Litta“, Primavesi gewidmet und übergeben hat. Das Konvolut mit der zauberhaft versponnenen Erzählung sollte Litta später helfen, die Empfindungswelt ihrer Kindheit zu rekonstruieren. Denn Peche hält, wie er in dem beigefügten Brief an die Mutter des Mädchens schreibt, jene Zeit der frühen Jahre, in der die Zukunft noch verschleiert vor einem liegt, „für eines der wenigen göttlichen Geschenke, die wir erleben“.

          Vor nicht allzu langer Zeit ist die Mappe, die sich heute noch im Familienbesitz befindet, als Buch herausgegeben worden. Die Illustrationen reichen von Entwurfszeichnungen diverser Einrichtungsgegenstände und Interieurs über Aquarelle, die auf eine Nähe zu Paul Klee verweisen, bis hin zu einer Federzeichnung, von der Picasso zu grüßen scheint. Nicht nur als Kind begleitet man den Künstler gern in ein verborgenes Gartenhaus.

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