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Auktionen bei Ketterer : Unser Haus

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Wladimir Georgiewitch von Bechtejeff, „Zirkusszene“, Um 1910, Öl auf Malkarton, 49,5 mal 73 Zentimeter, Ergebnis mit Aufgeld: 387.500 Euro. Bild: Ketterer Kunst

Highlights aus Unternehmenssammlungen sorgten für lange Gefechte und hohe Steigerungen: Die Ergebnisse der Kunstauktionen im zweiten Halbjahr 2020 bei Ketterer.

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          Es wurde ein Abend langer Gefechte bei Ketterer in München zum Jahresende. Viele der 77 „Ausgewählten Werke“ animierten hartnäckige Bieter dazu, ihre Gebote zu erhöhen. Die meisten waren übers Auftragsbuch, telefonisch und online vertreten. Wer die Veranstaltung über Livestream verfolgte, sah nicht nur den Auktionator in Aktion, sondern auch Mitarbeiter des Hauses an vielen Telefonen mit Bietern konferieren. Oft ging es dabei um Ernst Ludwig Kirchner, er hatte einen Lauf in dieser Auktion. Zuerst stieg seine „Frau mit Ziege“, online aus Zypern beboten, auf 380.000 Euro (Taxe 250.000/350.000); erst kürzlich hatten Röntgenuntersuchungen unter der Hirtin von 1938 verschollen geglaubte „Zwei Tänzerinnen“ entdeckt. Dann ging die Gouache „Sitzende mit großem Hut“, die Kirchners zeitweilige Geliebte Emy Frisch zeigt, an einen Bieter in der Schweiz, der für seine 390.000 Euro (200.000/300.000) noch eine gezeichnete Atelierszene auf der Rückseite bekommt.

          Ein im Saal anwesender Herr, der in unbekanntem Auftrag bot, angelte den wie erwartet dicksten Fisch, Kirchners Ölbild „Unser Haus“. Das Werk, bis jetzt im Besitz der Familie des Künstlers, zeigt jenen Hof bei Davos, den Kirchner 1918 bezog: Bei einer Taxe von 500.000 bis 700.000 Euro fiel der Hammer erst bei 1,35 Millionen Euro; inklusive Aufgeld lautet der Preis auf knapp 1,7 Millionen. Am folgenden Tag gelang Kirchner noch ein Ausreißer, als sein „Bauernwagen mit Pferd“ von 1922/23 auf 470.000 Euro (100.000/ 150.000) zog. Emil Noldes „Schauspielerin“ von 1919 – verso zeigt das 2019 vom Düsseldorfer Museum Kunstpalast restituierte Gemälde eine Piazza in Taormina – erzielte ihre Untertaxe von 400.000 Euro. Ebenfalls 400.000 Euro (250.000/350.000) schaffte Gabriele Münters „Blick aufs Murnauer Moos“, gemalt um 1910. Wladimir von Bechtejeffs „Zirkusszene“ kletterte auf 310.000 Euro (140.000/180.000). Zur teuersten Plastik avancierte ein hochglanzpoliertes Edelstahl-Unikat Tony Craggs, das für 530 000 Euro (250.000/350.000) an ein süddeutsches Gebot ging.

          Ernst Ludwig Kirchner, „Frau mit Ziege“, 1938, Öl auf Leinwand, 60 mal 70 Zentimeter, Ergebnis mit Aufgeld: 475.000 Euro.
          Ernst Ludwig Kirchner, „Frau mit Ziege“, 1938, Öl auf Leinwand, 60 mal 70 Zentimeter, Ergebnis mit Aufgeld: 475.000 Euro. : Bild: Ketterer Kunst

          Mehrere Highlights hatte die Deutsche Bank eingeliefert. Zweihundert, wie es heißt, „nicht mehr zum aktuellen Sammlungsschwerpunkt gehörende Arbeiten“ lässt sie innerhalb von drei Jahren über Ketterer und Christie’s versteigern, um, auch das steht im Katalog, einen „signifikanten Teil der Auktionserlöse“ für den „Ankauf von Werken aufstrebender künstlerischer Talente“ zu nutzen. Jedenfalls gab das Geldhaus jetzt 25 Lose ab, darunter Karl Hofers kapitales Großformat „Arbeitslose“, ein 1932 gemaltes Zeugnis der Weltwirtschaftskrise, festgemacht an fünf mageren, am Boden kauernden Männern. Den Zuschlag für das vielfach ausgestellte Werk von musealem Rang bekam eine „Berliner Privatsammlung“ bei 660.000 Euro, mehr als dem Doppelten der Untertaxe, laut Ketterer ein Auktionsrekord für Hofer. Rekorde sollen auch für der Deutschen Bank schönen Lebzeitguss von Renée Sintenis’ „Großer Daphne“ mit 370.000 Euro (80.000/120.000) und für Emil Schumachers informelles Bild „Für Berlin“ von 1957, seinen Beitrag zur Documenta 2, mit 450.000 Euro (100.000/150.000) gelten. Außerdem verhalf ein frühes Rasterbild von Otto Piene dem Geldinstitut zu 260.000 Euro (150.000/200.000) und Nays Scheibenbild „Blau bewegt“ zu 600.000 Euro (200.000/300.000).

          Im Zuge von Umbauten der Firmengebäude verkleinert das Duisburger Familienunternehmen Haniel seine Kunstsammlung um ihren „informellen Kern“, auch dort spricht man von einer Neuausrichtung. Die dreißig Werke verkauften sich ohne Rückgang und mit teils enormen Steigerungen, besonders bei den Wiener Aktionisten: Auch hier fielen Auktionsrekorde, als eine Sammlung in Nordrhein-Westfalen für Arnulf Rainers 1955/56 entstandene „Schwarze Übermalung auf Braun“ 600 000 Euro, damit die vierfache Obertaxe, bewilligte und ein explosives, knapp drei Meter breites Schüttbild von Hermann Nitsch von 60.000 auf 480.000 Euro und heim nach Österreich schnellte. Österreichischer Handel hob „Von unten nach oben“, eine seltene informelle Zeichnung von Günter Brus, von 5000 auf 160.000 Euro an. Unter mehreren Werken Adolf Frohners landete sein „Erstes Hackbild“ von 1961 mit 75.000 Euro (9000/ 12 000) noch einen Rekord. Wie auch Henri Michaux, dessen Drogenexperimente 1959 eine quittengelbe, an Rippenbögen erinnernde „Peinture mescalinienne“ hervorbrachten, die 330.000 Euro (8000/12.000) einspielte.

          Den Umsatz des zweiten Halbjahrs beziffert Ketterer auf fast dreißig Millionen Euro, das Aufgeld von 25 Prozent ist dabei eingerechnet. Davon entfielen drei Millionen auf die Buch-Auktion und 3,7 Millionen Euro auf Kunst des 19. Jahrhunderts. Diese Abteilung setzte einleitend eine Pointe, als das Gefecht um Carl Spitzwegs Skizzenbuchblatt zum „Armen Poeten“ erst bei 37.000 Euro (3000/4000) endete. Es folgte sein Ölbild „Nachtwächter bei Mondschein, Hund und Katze“, an ein Gebot aus Spanien für 130.000 Euro (50.000/70.000). Um die Gönnerschaft der Erbprinzessin Wilhelmine von Baden werbend, schenkte Karl Philipp Fohr ihr 1814 sein „Skizzenbuch der Neckargegend“, aus dem die „Ruine Frankenstein“ jetzt den, laut Ketterer, Rekordpreis von 120 000 Euro (25.000/35.000) erzielte. Nach Kalifornien reist Renoirs bezauberndes Pastell „Portrait de femme“ aus der ehemaligen Sammlung Hans Bethge für 197 000 Euro (90.000/120.000); zurück nach Frankreich holt ein Zuschlag bei 135 000 Euro (70.000/90.000) Renoirs Ölbildchen mit rosafarbenen Rosen. Karl Hagemeister, der immer wieder die Natur des Havellands malte, bezog sich bei einer „Uferlandschaft mit Kiefern und Seerosen“ am Schwielowsee, um 1900/05, auf japanische Holzschnitte; sie wurde mit 130.000 Euro (8000/10.000) das teuerste von drei Losen des Künstlers.

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