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Herbstauktionen bei Grisebach : Auf der Suche nach Pilzen und Trüffeln

Die Villa Grisebach in Berlin kann ihre 250. Auktion zelebrieren, mit Beckmann und Nolde an der Doppelspitze. Ein Blick auf das üppige Angebot des 19. Jahrhunderts, der Moderne und der Zeitgenossen.

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          Vom 25 bis zum 28. November finden in Berlin die Herbstversteigerungen der Villa Grisebach statt. Acht einzelne Kataloge verzeichnen das ganze Programm, das von den Objekten der „Orangerie“-Abteilung über Kunst vom 19. Jahrhundert bis in die Zeitgenossenschaft hin zu Fotografie reicht. Insgesamt 1658 Lose kommen zum Aufruf, für die eine mittlere Gesamtschätzung von 23 Millionen Euro genannt ist. Das ist eine deutliche Steigerung gegenüber der Erwartung von 17,3 Millionen Euro für 1500 Lose in diesem Frühjahr. Auch die dort höchste Schätzung, 600.000 bis 800.000 Euro für ein Frühwerk Van Goghs, das dann seine untere Taxe erlöste, wird diesmal deutlich übertroffen: von gleich zwei Werken im siebenstelligen Bereich.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die „Ausgewählten Werke“ am 26. November begehen die 250. Auktion des 1986 gegründeten Hauses mit 65 Losnummern. Die Doppelspitze bilden Gemälde von Emil Nolde und Max Beckmann, jeweils mit einer bis 1,5 Millionen Euro bewertet: Die Nummer 23 trägt ein großes „Helles Sonnenblumenbild“ Noldes aus dem Jahr 1936, das die neun Blüten farblich wie räumlich in Nahsicht elegant staffelt; als Provenienz ist der direkte Erwerb noch im selben Jahr durch Margarete Clausen angegeben, seither Familienbesitz.

          Beckmanns im holländischen Exil gemaltes zartes, beinah matissehaftes „Bildnis eines jungen Mädchens“, das wohl vor 1939 zu datieren ist, erhält seinen Reiz gerade durch die Unvollendetheit; geadelt ist das Porträt einer Unbekannten in Öl und Farbkreide auf Leinwand durch die direkte Herkunft von Beckmanns Freund und Gönner Stephan Lackner. Beckmanns Landschaftsimpression eines „Holländischen Radfahrwegs“ von 1940/42, laut Katalog seit 1986 in norddeutschem Privatbesitz, ist mit 500.000 bis 700.000 Euro ausgezeichnet.

          Schön verpacktes Gedanken-Gut

          Dann ist da Karl Hofers „Sitzender Akt mit blauem Kissen“ von 1927 - eine aparte junge Frau mit Bubikopf-Frisur, die selbstbewusst und erotisch akzentuiert mit bis übers Knie heruntergerollten Seidenstrümpfen posiert -, den einst Ismar Littmann bei Alfred Flechtheim in Berlin erwarb. Das Bild wurde schon 1935 von der Gestapo beschlagnahmt und dann in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 gezeigt. Nach der Restitution an die Erben nach Littmann befand es sich in einer Berliner Privatsammlung (Taxe 250.000/350.000 Euro). Natürlich darf ein größerer Liebermann bei Grisebach nicht fehlen; es ist jetzt „Die Große Seestraße in Wannsee mit Spaziergängern“, auf der sich auch zwei Autos ins Bild schieben, entstanden um 1926 (350.000/450.000).

          Eine kleine Überraschung in dieser Umgebung stellen die Nummern 32 bis 34 dar, gleich drei Objekte von Marcel Duchamp, eingeliefert offenbar aus derselben Berliner Privatsammlung: die „Grüne Schachtel“ mit faksimilierten Notizen, 1934 in einer Auflage von 320 Exemplaren von ihm selbst produziert (35.000/45.000), ein weiteres Notizenkonvolut von 1967, in Weiß verpackt (18.000/24.000), und vor allem sein „tragbares Taschenmuseum“ in der roten Schachtel, „De ou par Marcel Duchamp ou Rrose Sélavy (Boîte-en-valise)“. Letzteres ist, als eines von 75 numerierten Exemplaren der „Serie F“ von 1966, erworben 1979 bei der Witwe Duchamps, mit 200.000 bis 300.000 Euro bewertet - so wertvoll kann schön verpacktes Gedanken-Gut werden.

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