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Grisebach-Ergebnisse : Marcs Tiere bleiben, Runges Freund geht

Ergebnisse der Herbstauktionen bei Grisebach in Berlin: Gute Preise für gute Kunst – von einer wählerischen Klientel, die auch manche Spitzenlose zurückgehen lässt.

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          Rudolf Schlichters großartiges Bildnis der Schauspielerin Helene Weigel (F.A.Z. vom 25. November) wurde im Grisebach-Saal vom Kunsthändler Wolfgang Wittrock übernommen – sein Gebot: 480 000 Euro (Taxe 200 000/300 000); inklusive Käuferaufgeld beträgt der Preis 600 000 Euro für das Porträt aus dem Jahr 1928. Es wäre nicht das erste Mal, dass Wittrock für ein Museum agiert – und ein Wunschkandidat wäre in diesem Fall natürlich das Lenbachhaus in München, wo schon Schlichters eindringliches Porträt von Bertolt Brecht hängt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der höchste Zuschlag der insgesamt neun Grisebach-Auktionen erging ebenfalls bei den „Ausgewählten Werken“: mit 1,2Millionen Euro, also zur unteren Taxe (bis 1,5 Millionen), für Beckmanns „Braunes Meer mit Möwen“ von 1941. Mit Aufgeld sind das 1,465 Millionen Euro für das im Amsterdamer Exil entstandene Bild. Die knapp zwei mal dreieinhalb Meter messenden „Chromatischen Scheiben“ von Ernst Wilhelm Nay aus dem Jahr 1960 brachten es auf 800 000 Euro (800 000/ 1,2 Millionen), ein Auktionsrekord für Nay. Und tatsächlich konnte sich auch jemand für Félix Vallottons attraktive, freilich marktbekannte „Femme couchée“ erwärmen bei 290 000 Euro (300 000/ 400 000). Lotte Lasersteins noch ein wenig konventionelles, frühes Bildnis einer elegischen jungen Frau „In Andacht“ ließ seine Schätzung von 50 000 bis 70 000 mit bewilligten 140 000 Euro weit hinter sich.

          Einige Spitzenlose scheiterten

          Den guten Resultaten dieser Hauptauktion stehen einige empfindliche Rückgänge gegenüber: Von den sieben Liebermann-Losen en suite schafften es lediglich zwei – ein „Reiter am Strand nach links“, unter Taxe bei 200 000 (250 000/ 350 000), und „Enkelin und Kinderfrau im Nutzgarten“ bei 380 000 Euro (300 000/500 000); die anderen blieben liegen: darunter ein „Konzert in der Oper“ und ein „Corso auf dem Monte Pincio in Rom“ (Taxe je 350 000/450 000). Das war wohl etwas zu viel Liebermann, für eine überhaupt auf Spitzenwerke erpichte Klientel. Es scheiterten auch das offensiv offerierte Titel-Los, Gabriele Münters Öl auf Karton „Abendlicher Staffelsee mit Kühen“ (200 000/300 000) aus dem späten Jahr 1951, und Jawlenskys an sich rasanter „Sitzender Halbakt geneigt mit langen Haaren“ von 1910 (250 000/350 000), allerdings in Öl auf Papier gemalt, aufgezogen auf Karton. Ebenso erging es einem späten süßlichen Chagall, „Les mariés dans le ciel fleuri“ (300 000/400 000).

          Dass sich das Berliner Haus im Lauf der Jahre ein ausgesprochen wählerisches Publikum herangezogen hat, zeigte sich auch bei der Lieblingssparte von Florian Illies, seit gut einem Jahr der Geschäftsführer der „Villa“ in der Berliner Fasanenstraße. Ja, es geht ums 19. Jahrhundert: Und das Kleinod dort war unbedingt Philipp Otto Runges Freundschafts-„Bildnis Friedrich Perthes“ von 1799, des späteren Verlegers, der übrigens auch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels gründen sollte. Verliebt hat sich in die Zeichnung des lesenden Jünglings ein nordamerikanischer Privatsammler, der 280 000 Euro dafür einsetzte, gegenüber einer Schätzung von 60 000 bis 80 000; mit Aufgeld kostet das Blatt also 350 000 Euro. Es wäre schon charmant gewesen, dieses Zeugnis der Frühromantik hierzulande in einem Museum bewahrt zu wissen; darum gefochten haben internationaler (auch deutscher) Handel und privates Engagement.

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