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Rekordauktionen in London : Kurz vor dem Abheben

  • -Aktualisiert am

Schreddern wird belohnt: Für Banksys „Love is in the Bin“ fiel der Hammer erst bei 16 Millionen Pfund. Bild: Sotheby's

In der Frieze-Woche steigen die Auktionspreise für Banksy und Nachwuchskünstlerinnen in schwindelerregende Höhen.

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          Die von den Frieze-Messen ausgehende, optimistische Betriebsamkeit war auch in den Abendauktionen mit Zeitgenossen bei Christie’s, Sotheby’s und Phillips spürbar. Obwohl Großbritannien Hochinzidenzgebiet bleibt, fand sich erstmals wieder ein nennenswertes Saalpublikum ein. Der Auftritt der Auktionatoren ist zum spannenden Jonglierakt geworden: Sie müssen nicht nur das Publikum im Saal, die Spezialisten vor Ort und die Onlinegebote im Auge behalten, sondern weiterhin Gebote von den Telefonbänken in Hongkong und New York entgegennehmen. Bei Phillips boten Sammler aus 46 Ländern mit – und London konnte seine Position als internationaler Umschlagplatz für junge Kunst wieder unter Beweis stellen.

          Was den Umsatz angeht, lagen die Rivalen Christie’s und Sotheby’s Kopf an Kopf: Sotheby’s setzte in seiner „Contemporary Art Evening Auction“ mit 36 Losen (von 42 im Angebot) 65,9 Millionen Pfund um. Vor zwei Jahren lag der Umsatz bei 54,7 Millionen. 40 Prozent der Werke kamen aus europäischen Sammlungen. Christie’s „20th/21st Century: Evening Sale“, kombiniert mit der Sektion „Thinking Italian“, erzielte 64,56 Millionen. Vor zwei Jahren erzielte diese kombinierte Auktion 89 Millionen. Christie’s vermittelte 36 von 40 Losen. 35 Prozent der Käufer kamen aus dem asiatisch-pazifischen Raum, 20 Prozent aus Amerika. Phillips Gesamterlös lag bei 25,2 Millionen, etwa so viel wie 2019. 40 Lose von 43 im Angebot wurden verkauft, mit 93 Prozent die beste Verkaufsrate.

          Die junge Britin Flora Yukhnovich reüssierte:  „I’ll Have What She’s Having“ von 2020, Öl auf Leinwand, 169,5 mal 220 Zentimeter, erzielte bei Sotheby’s einen Hammerpreis von 1,85 Millionen Pfund.
          Die junge Britin Flora Yukhnovich reüssierte: „I’ll Have What She’s Having“ von 2020, Öl auf Leinwand, 169,5 mal 220 Zentimeter, erzielte bei Sotheby’s einen Hammerpreis von 1,85 Millionen Pfund. : Bild: Sotheby's

          Millionenschwere Bietgefechte

          Sammler aus Asien verhalfen jungen Malerinnen und Künstlern afrikanischer Herkunft reihenweise zu Rekorden. Doch die teilweise extrem hohen Auktionspreise für kaum aus der Kunsthochschule entlassene Künstler und fast atelierfrische Werke sorgen auch für Unbehagen. Besonders gerungen wurde um Arbeiten der Britinnen Flora Yukhnovich und Jadé Fadojutimi sowie der in London lebenden Amerikanerin Issy Wood. Yukh­novichs fast völlig abstrakten Gemälde sind inspiriert von der Malerei des Rokokos und erinnern im Pinselduktus an Cecily Brown.

          Bei Sotheby’s fiel der Hammer für Yukhnovichs 220 Zentimeter breite Leinwand „I’ll Have What She’s Having“ (60.000/80.000), gemalt 2020, bei 1,85 Millionen Pfund. Erst im Juni hatte Phillips in einer Tagesauktion in New York den Rekord von 1,2 Millionen Dollar (mit Aufgeld) für ein ähnlich großes Werk Yukhnovichs aufgestellt. Sotheby’s Taxe schien daher übertrieben niedrig.

          Erreichte bei Sotheby’s 8,2 Millionen Pfund: Gerhard Richter, „S.D.“, 1985, Öl auf Leinwand, 200 mal 200 Zentimeter. aus der Sammlung Lauffs (Taxe 7/9 Millionen).
          Erreichte bei Sotheby’s 8,2 Millionen Pfund: Gerhard Richter, „S.D.“, 1985, Öl auf Leinwand, 200 mal 200 Zentimeter. aus der Sammlung Lauffs (Taxe 7/9 Millionen). : Bild: Sotheby's

          Issy Wood bespielte auf der Frieze den ganzen Stand der Londoner Galerie Carlos/Ishikawa. Bei Phillips stieg ihr Ölgemälde auf Samt „Eggplant / car interior“ (100.000 / 150.000) aus dem Jahr 2019 auf 260.000 Pfund – neuer Rekord. Die Höchstmarke von Jadé Fadojutimi wurde gleich dreimal übertroffen. Bei Phillips bewilligte ein Onlinebieter aus Südkorea 950.000 Pfund für ihr Gemälde „Myths of Pleasure“ (80.000/120.000) von 2017, dem Jahr ihres Studienabschlusses am Royal College of Art. In den vorausgehenden 24 Stunden hatte Sotheby’s ihren Rekord bereits doppelt in der Abend- und der Tagesauktion gebrochen. Fadojutimi ist die jüngste Künstlerin in der Sammlung der Tate-Museen und bestreitet von November an im Institute of Contemporary Art in Miami ihre erste Museumsausstellung.

          Liebe im Eimer

          Weitere Rekorde gab es bei Phillips für Serge Attukwei Clottey mit „Fashion Icons“ (30.000/40.000), ausgewählt von dem Londoner Rapper Kano als Gast-Kurator und zugeschlagen bei 270.000 Pfund, sowie Tunji Adeniyi-Jones, Sanya Kantarovsky, Shara Hughes und André Butzer. 82 Prozent der Lose bei Phillips waren noch nie bei einer Auktion zum Aufruf gekommen. Das Spitzenlos, Sigmar Polkes „Negerplastik“ (2/3 Millionen) aus seiner Stoffbilder-Serie, entstanden 1968, wurde für 2,5 Millionen vermittelt.

          Das Spitzenlos bei Philipps, Sigmar Polkes 130,3 mal 110,5 Zentimeter messendes Stoffbild mit dem heute problematischen Titel „Negerplastik“ aus dem Jahr 1968, war auf 2 bis 3 Millionen Pfund taxiert und erreichte 1,5 Millionen.
          Das Spitzenlos bei Philipps, Sigmar Polkes 130,3 mal 110,5 Zentimeter messendes Stoffbild mit dem heute problematischen Titel „Negerplastik“ aus dem Jahr 1968, war auf 2 bis 3 Millionen Pfund taxiert und erreichte 1,5 Millionen. : Bild: Phillips Galerie

          Daneben dominierte Banksys „Love is in the Bin“ bei Sotheby’s die Schlagzeilen. Als es sich vor drei Jahren im gleichen Auktionssaal unerwartet zur Hälfte durch einen versteckten Mechanismus selbst schredderte, hat es weltweit Bekanntheit erlangt. Die europäische Privatsammlerin, die es nun wieder einreichte, zahlte mit Aufgeld eine Million Pfund; die Erwartung lag nun bei vier bis sechs Millionen. Erst mit dem Rekordgebot von 16 Millionen Pfund konnte sich ein in Asien registrierter Telefonbieter durchsetzen. Mit Gebühren fallen 18,6 Millionen an.

          Basquiats „Because it Hurts the Lungs“, eine 1968 entstandene Collage mit Acrylfarbe und Ölkreide auf Holz von 183 mal 107 mal 23.9 Zentimeter, verfehlte bei Christie’s mit 6,95 Millionen Pfund knapp seine untere Taxe.
          Basquiats „Because it Hurts the Lungs“, eine 1968 entstandene Collage mit Acrylfarbe und Ölkreide auf Holz von 183 mal 107 mal 23.9 Zentimeter, verfehlte bei Christie’s mit 6,95 Millionen Pfund knapp seine untere Taxe. : Bild: Christie's

          Junge und digitale Kundschaft

          Das größte der drei abstrakten Gemälde von Gerhard Richter, marktfrisch bei So­theby’s aus der Sammlung Helga und Walther Lauffs und betitelt „S.D.“ (7/9 Millionen), ging für 8,2 Millionen weg. Für Paula Regos „Good Dog“ (800.000/1,2 Millionen) fiel der Hammer bei 970.000 Pfund, und Etel Adnans abstrakte Komposition „Untitled“ (60.000/80.000) aus den Siebzigerjahren stieg auf 280.000 Pfund, das mehr als Zweifache ihres bisherigen Rekords. Ein Viertel aller registrierten Kunden war unter 40 Jahre alt, es hatten sich dreimal so viele Onlinebieter wie vor zwei Jahren angemeldet.

          Christie’s Abendauktion fand am frühen Nachmittag statt, 21 Uhr war es dafür in Hongkong. Den Auftakt machte Cecily Browns „There’ll be Blue Birds“ (500.000/700.000), gestiftet von der Künstlerin zugunsten einer Umweltorganisation. Es stieg auf 2,9 Millionen. Das Spitzenlos, Basquiats „Because it Hurts the Lungs“ (7/10 Millionen), verfehlte mit 6,95 Millionen knapp seine untere Taxe. Hurvin Andersons marktfrisches Panorama eines Schwimmbads, „Audition“ (1/1,5 Millionen), von 1998 schwang sich mit 6,2 Millionen zum zweitteuersten Werk auf.

          David Hockneys „Guest House Garden“ ging zur unteren Taxe von fünf Millionen weg, und die Schuhsohle „Sous la chaussure“ (1,5/2,5 Millionen) von Domenico Gnoli, gemalt 1967, erzielte 1,8 Millionen. Dazu passend folgt bald der nächste Schritt: Gnolis Re­trospektive in der Fondazione Prada in Mailand eröffnet in wenigen Tagen.

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